Bandenterror in Zentralamerika, den USA und in Europa
#16
https://www.nytimes.com/2022/04/28/world...gangs.html

Zitat:In El Salvador, the President Cracks Down on Civil Liberties, and Is Beloved for It
Much of the country’s population is willing to tolerate an autocratic leader, if it means that someone will finally solve their most pressing problem: gang violence.
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#17
Auf die Auswüchse dieser Art von "Kriminalität" müsste man eigentlich schon systematisch mit den Methoden der Counterinsurgency heran gehen, denn das hat rein gar nichts mehr mit Kriminalität im konventionellen Sinne zu tun, es handelt sich schlicht und einfach um einen Umsturzversuch und eine völlige Umkehrung der Machtverhältnisse bis die entsprechenden "kriminellen" Organisationen als De-Facto-Staat(en) an die Stelle des Staates treten.

Dies ist bei dem Ausmaß welches es dort angenommen hat eigentlich nur noch durch ein radikales Feindstrafrecht lösbar und auch durch die weitreichende physische Vernichtung der Gangmitglieder. Ansonsten wird der Staat dort durch seine sich abzeichnenden Nachfolger abgelöst werden.
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#18
Zitat:Salvadoran authorities are committing 'massive' human rights violations, with nearly 2% of the country detained, Amnesty alleges

(CNN) - Salvadoran authorities have committed "massive" human rights violations, including thousands of arbitrary detentions and violations of due process, torture, and ill-treatment, according to a new report from Amnesty International. The report, released Thursday, found that since late March, nearly 2% of the country has been detained, with at least 18 people having died in state custody.

On March 27, the country was placed under a state of emergency to tackle an uptick in homicides, driven by gangs Barrio 18 and MS-13. The country's Legislative Assembly passed the measure at the request of President Nayib Bukele after an upsurge in violence left 62 dead in a single day. It has been extended twice. More than 36,000 people have been detained since, according to a Tuesday statement from the Salvadoran government. [...] According to Amnesty, at least 1,190 children have been detained and held in youth facilities, with many of them charged with being a member of an illegal group of terrorist organizations.
https://edition.cnn.com/2022/06/02/ameri...index.html

Schneemann
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#19
Das von Bandengewalt gezeichnete El Salvador hat durch die harte Hand der Regierung die Bandenkriminalität weitgehend bzw. zumindest in erheblichem Umfang in den Griff bekommen können. Und dass, obwohl sich dort hochgradig brutale Banden tummeln, die geradezu viehisch mit Gegnern und Bürgern umgehen. Dass man das eindämmen konnte, ist mal die positive Meldung...

Allerdings ist der Preis im Hintergrund leider auch hoch - Menschenrechtsverletzungen scheinen Alltag zu sein in den Gefängnissen. Ist allerdings die Frage, ob man mit einem skandinavischen Verständnis von Menschenrechten diese Bandenumtriebe dort überhaupt noch bekämpfen hätte können? Meiner Meinung nach waren die Strukturen des Staates schon so zersetzt und der Alltag von brutalster Bandengewalt zerfressen, dass man mit "Sozialarbeit" vermutlich gescheitert wäre...
Zitat:Tod und Folter in El Salvador

Bukeles harte Hand lenkt tödliche Gefängnishölle

Im zentralamerikanischen El Salvador regiert Präsident Bukele seit mehr als einem Jahr mit Sonderrechten. Proklamiertes Ziel ist ein Ende der Bandengewalt. In den überfüllten Gefängnissen wird gefoltert, Insassen sterben.

"Hier hat wirklich jeder eine Kugel im Körper", sagt Sebastian: "Aber heute ist hier alles ruhig, und das dank der Regierung." Sebastian lebt in El Salvador, ein Fernsehteam von Arte sprach mit ihm. Früher waren die Straßen in den Städten des gleichnamigen Landes ein täglicher Wettlauf mit dem Tod. Die sogenannten Maras, mächtige, bewaffnete Straßengangs, hatten das Sagen und schossen um sich, wenn sie es für nötig hielten. Das hat sich in den vergangenen vier Jahren geändert. [...] Nirgendwo sonst auf der Welt sitzt ein so großer Anteil der Bevölkerung hinter Gittern wie im kleinen zentralamerikanischen Land. Im März waren es 107.000, oder 1,6 Prozent. Die offizielle Zahl der Morde ist deutlich zurückgegangen. In der Bevölkerung liegt die Zustimmungsrate für Bukele bei 90 Prozent. [...]

Was nach einer Erfolgsgeschichte von Recht und Ordnung klingt, hat Lücken und pechschwarze Schattenseiten. [...]

Insgesamt wurden 67.000 Menschen festgenommen, mindestens 5000 unschuldig wieder freigelassen, nachdem sie teilweise monatelang festgehalten worden waren. Der Ausnahmezustand gilt noch immer, und die Menschenrechtsorganisation Cristosal hat am Montag eine ausführliche Untersuchung veröffentlicht, die systematische Folter und Misshandlung Tausender Insassen und Dutzende Tote anprangert. In diesem Zeitraum verstarben laut offiziellen Zahlen 153 Menschen im Gefängnis. Die Regierung sagt, aus natürlichen Ursachen. Doch in der Untersuchung der Organisation berichten Ex-Insassen von Elektroschocks der Wärter, Schlägen und tödlicher Einzelhaft, systematischer Erniedrigung sowie fehlender medizinischer Behandlung.

Auch Amnesty International und weitere internationale Organisationen haben systematische Menschenrechtsverletzungen der staatlichen Kräfte in deren proklamiertem Krieg gegen die Banden kritisiert. [...] Innerhalb eines Jahres starben laut Cristosal mindestens 75 Insassen der offiziell dokumentierten Fälle einen gewaltsamen Tod. An den Leichen wurden Verletzungen, Hämatome von Schlägen, unter anderen Wunden von Klingen und stumpfen Gegenständen, Würgespuren oder des Ertrinkens festgestellt. Besonders häufig dokumentierten die Ärzte "maschinelles Ersticken". Schon während des Bürgerkriegs zwischen 1970 und 1992 war die Foltermethode in El Salvador häufig von staatlichen Kräften angewandt worden.
https://www.n-tv.de/politik/Bukeles-hart...59982.html

Schneemann
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#20
Nicht nur IN den Gefängnissen wird systematisch gefoltert, sondern auch außerhalb, auf Polizeiwachen und in versteckten Örtlichkeiten. Zudem lässt man Leute verschwinden, und es gibt jede Menge extralegale Tötungen. Gerüchteweise reichen schon bloße Tätowierungen aus damit man von der Polizei auf der Stelle verhaftet, verschleppt, gefoltert und dann erschossen wird. Kann man nun natürlich alles sehr beklagen, aber die Situation war derart außer Kontrolle, dass meiner Überzeugung nach absolut keine andere Lösung mehr übrig geblieben ist. Man muss diese Bandenmitglieder im Prinzip allesamt systematisch töten. Die Alternative wäre die vollständige Machtübernahme durch die Maras mit allen Konsequenzen die das hätte - also mit noch sehr viel mehr Toten, sehr viel mehr Folter, ununterbrochenen Vergewaltigungen, und noch viel mehr Alltagsgewalt.

Aktuell sind durch den neuen Präsidenten ungefähr 60.000 Mitglieder der Maras verhaftet und eingesperrt worden. Die Frage ist nun, was mit denen geschehen soll, denn dass sie nun im Gefängnis sitzen ist keine dauerhafte Lösung. In El Salvador hört man vermehrt Stimmen in der Bevölkerung, man solle so viele davon wie möglich hinrichten, allein diese Stimmung zeigt schon auf, wie krass das Problem dort war (und immer noch ist). Zudem sind die führenden Köpfe der Maras schon sehr weit in die Gesellschaft vorgedrungen, dass ging bis dahin, dass die Maras landesweite Streiks / Transportstreiks gegen die Anti-Maras-Gesetze der Regierung organisierten konnten, und zwar gegen den Willen der Bevölkerung die da streiken sollte. Zudem ist die Korruption zu groß, als dass die aktuellen Bekämpfungsmaßnahmen die Maras vollständig zerschlagen könnten, die werden sich daher lediglich anpassen, unauffällig werden und ihre Geschäfte legalisieren und ins Ausland verlagern etc.

Der Präsident hat dies anscheinend auch erkannt und hat als zweiten Kreuzzug nun den Kampf gegen die Korruption mit allen Mitteln ausgerufen:

https://www.zeit.de/news/2023-06/02/el-s...n-kampf-an

Schlussendlich ist Bukele eine neue Art von Diktator:

https://www.youtube.com/watch?v=8sK9MDdAVT4

Und wie die Faschisten in Italien gegen die Mafia vorgingen, so lässt der in El Salvador gerade entstehende Para-Faschismus ebenso die Mafia neben sich halt nicht zu, weil dies dem Machtanspruch der Para-Faschistischen Regierung widerspricht.
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#21
(02.06.2023, 09:49)Schneemann schrieb: Allerdings ist der Preis im Hintergrund leider auch hoch - Menschenrechtsverletzungen scheinen Alltag zu sein in den Gefängnissen. Ist allerdings die Frage, ob man mit einem skandinavischen Verständnis von Menschenrechten diese Bandenumtriebe dort überhaupt noch bekämpfen hätte können? Meiner Meinung nach waren die Strukturen des Staates schon so zersetzt und der Alltag von brutalster Bandengewalt zerfressen, dass man mit "Sozialarbeit" vermutlich gescheitert wäre...
https://www.n-tv.de/politik/Bukeles-hart...59982.html

Schneemann

Da braucht man aber nicht nach El Salvador zu schauen. Selbst in Schweden bekommt man mit der skandinavischen Variante die dortige Bandenkriminalität nicht in den Griff. Da wäre es wohl in ES erst Recht aussichtslos.
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#22
@Quintus
Zitat:Und wie die Faschisten in Italien gegen die Mafia vorgingen...
Das ist sicherlich ein guter Punkt (und er ist sehr zutreffend). Mussolini hat tatsächlich die mafiösen Verflechtungen in v. a. Süditalien mit brutalen Methoden beinahe an den Rand der Auflösung gebracht. Allerdings macht es das bedauerlicherweise nicht besser. (Unabhängig davon hat das OSS ab 1943 dann genau hier leider wiederum eine sich umkehrende Entwicklung befördert, indem man nach Unterstützern, egal welcher Couleur, suchte für den Sturm auf den "weichen Unterleib" der "Festung Europa".)

Schneemann
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#23
Man kann sich durchaus den sozialen Frieden erkaufen (wortwörtlich), alles in möglichst weicher Kuscheligkeit ertränken und mit so nachgiebigen Methoden arbeiten dass selbst die Skandinavier dagegen noch hart aussehen und trotzdem erfolgreich in der Bekämpfung der OK und der Bandenkriminalität sein sein. Aber: Das setzt erhebliche Finanzmittel voraus die auch langfristig fortwährend zur Verfügung stehen müssen, und dass man innerhalb der staatlichen Strukturen keine Korruption hat und dass man keine ökonomische und soziale Marginalisierung in der Gesellschaft zulässt, also tatsächlich massiv im Bereich Sozialarbeit tätig ist.

Und deshalb ist das eben kein möglicher Weg für Länder wie ES. Es fehlen die Geldmittel, der Staat ist zu korrupt und die Klassenfrage ist nicht gelöst und ist angesichts der Umstände auch nicht lösbar. Die sinnvollste Methode dürfte daher die französische Doktrin in Bezug auf COIN sein um diese Problemstellung anzugehen. Diese hat ja ganz allgemein in Lateinamerika eine gewisse Tradition bzw. wurde schon oft dort erfolgreich angewendet um die eigene Bevölkerung niederzuhalten und sozialistische Gruppen zu bekämpfen. Gerade gegenüber kriminellen Strukturen könnte sie meiner Einschätzung nach sogar noch erfolgreicher sein. Was einzig dazu fehlt ist eine nicht korrupte Staatsstruktur die diese COIN Strategie systematisch anwendet.

Exakt das fehlt auch in ES zur Zeit (noch). Entsprechend wird der Präsident langfristig gesehen mit seinem Vorgehen scheitern, wenn er die sonstigen notwendigen Rahmenbedingungen nicht auch schaffen kann.
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#24
Mir ist durchaus klar, worauf du hinaus möchtest...
Zitat:Die sinnvollste Methode dürfte daher die französische Doktrin in Bezug auf COIN sein um diese Problemstellung anzugehen.
Aber auch wenn die französische Schule manchen "Erfolg" zeitigte im vom Kalten Krieg (auch) erschütterten Südamerika, so war sie langfristig - moralisch wie politisch - ein Schlag ins Wasser. Wenn ich mal den alten Zyniker Talleyrand bemühen darf: "C'est plus qu'un crime, c'est une faute". (Angeblich geäußert, als Napoleon den Herzog von d’Enghien liquidieren ließ.) Daran dürfte sich wohl nichts ändern.

Schneemann
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#25
Auf jeden Fall ein Erfolg.
Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Man kann nicht das eine ohne das andere haben wenn die Umstände derart barbarisch sind.
Traurig ist, dass es immer erst so weit kommen und zu solch radikalen Methoden gegriffen werden muss, nur weil vorher viel versäumt wurde und man nicht früher den Hebel ansetzte.
Wird in Westeuropa und den VSA auch iwann derart eskalieren, wenn diese Staaten auf 2tes Welt-Land Niveau abrutschen.
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#26
Erfolge sind irrelevant, wenn sie nicht zumindest längerfristig aufrecht erhalten werden können, also "nachhaltig" sind (nachhaltig hier nicht im Sinne von Dauerhaft für immer, sondern zumindest für längere Zeiträume).

Die Bandenkriminalität ist dort ja nicht aus dem Nichts einfach so entstanden, dafür gab es konkrete Ursachen und wenn diese zumindest nicht in bestimmten Anteilen beseitigt werden, spielt es gar keine Rolle wie viele Bandenmitglieder ich umbringe, foltere oder töte. Das ist dann lediglich wie Rasenmähen.

Schlussendlich muss man Jugendlichen Perspektiven bieten und eine Zugehörigkeit. Damit meine ich nicht zwingend Arbeit, Geld, Bildung etc. dass kann auch ganz anders aussehen, beispielsweise um beim Beispiel Faschismus zu bleiben durch eine Zugehörigkeit zu einer faschistischen Jugendorganisation / Partei / Parteimilizen / dem Militär etc. Dem folgend muss man die Finanzquellen der Banden zerstören. Dies geht nur, indem man die Nachfrage ausschaltet, denn solange diese besteht werden sich Anbieter dafür finden. Um ein konkretes Beispiel zu erläutern: solange Drogen in signifikanter Menge konsumiert werden, wird man Drogenhändler haben. Das zieht sich durch alle wesentlichen Bereiche der durch Banden betriebenen OK. Solange es Freier gibt, wird es Zwangsprostituierte geben etc Das primäre Problem darin ist nun, dass gerade in Bezug auf Lateinamerika die Nachfrageseite (Zwangsprostituierte, Drogen usw. in einem durch die dortigen Staaten nicht kontrollierberen Ausland sitzt, beispielsweise in den USA) - Als drittes ist wesentlich, dass man als Staat durchgehend mehr Gewaltpotential nachweisen kann als die Banden, dies geht insbesondere durch ein Feindstrafrecht und dadurch, dass sich die Bevölkerung dem Staat unterwerfen muss, weil dieser die größere Gewaltmacht hat. Denn der Grund warum sich die Bevölkerung als Beute den Banden unterwirft und damit bildlich gesprochen deren Nutzvieh wird liegt darin, dass diese im Alltag mehr Gewaltmacht haben.

Der üblichste Ansatz ist dann diese Gewaltmacht der Banden anzugreifen und zu zerstören, dass ist aber für sich unzureichend. Man muss die Bevölkerung zusätzlich dazu zwingen, sich allein der staatlichen Macht zu unterwerfen, außerhalb derer es keine Parallelmacht gegen darf. Dies geht nur wenn man auch tatsächlich in der Fläche die Kontrolle über die Zivilbevölkerung ausüben kann. Kolumbien ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Regierung genau darin nach dem Friedensschluss mit der FARC versagte und heute wird (Stichwort finanzielle und ökoniomische Grundlagen des ganzen) in Kolumbien genau deshalb mehr Kokain produziert als je zuvor in der Geschichte des Landes.

All diese Faktoren zusammen führen dann natürlich fließend und wie von selbst in den Faschismus bzw. in eine faschistische Diktatur. Ob eine solche dann gegenüber den Banden erfolgreich ist hängt davon ab, inwiefern sie die finanzielle Seite des ganzen ausschalten kann. Denn ansonsten wird der entstehende faschistische Staat durch die Korruption seiner Institutionen nur ein Teil des ganzen und es ändert sich trotzdem nichts. Gerade in Südamerika konnte man das schon mehrfach praktisch betrachten.
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#27
@reflecthofgeismar
Zitat:Wird in Westeuropa und den VSA auch iwann derart eskalieren, wenn diese Staaten auf 2tes Welt-Land Niveau abrutschen.
Eine Bandenstruktur, wie sie in Mittelamerika existiert, wird sich so in Europa und in weiten Teilen der USA (wobei es entlang der südlichen Grenze zu Mexiko schon teils bedenkliche spill overs aus dem Süden gibt) nicht herausbilden, da hier die staatlichen Strukturen gefestigt und schlagkräftig sind und auch die Korruption vergleichsweise überschaubar ist - was am Bsp. El Salvador nicht der Fall ist.

Auch sind die Ursachen der explodierenden Bandenkriminalität in El Salvador andere - oftmals handelt/e es sich bei den Bandenmitgliedern (wir sprechen von ca. 100.000 bis 150.000 Bandenangehörigen) um Personen, die schon mal wegen krimineller Handlungen - oftmals sind es auch Gangmitglieder - aus den USA oder gar Kanada abgeschoben wurden; und diese Praxis, die schon seit Jahrzehnten so umgesetzt wird, hat dazu geführt, dass diese Kriminellen in einem sehr schwachen, hochkorrupten und durch einen langjährigen Krieg (s. Bürgerkrieg in El Salvador von 1980 - 1991) erschöpften Staat aufschlugen und sich dort quasi fast ungestört ausbreiten konnten. D. h. Drogenhandel, Prostitution etc. sind nur Symptome - die eigentlichen Ursachen sind aber eben andere - die obig genannten -, und sie reichen teils 40 Jahre zurück.

Insofern hat hier Quintus mit dem Hinweis auf langfristige Perspektiven durchaus recht. Ohne solche würde man sich im Kreis drehen - es kämen immer wieder und immer mehr Flüchtlinge aus dem Süden, und damit Gangmitglieder. Und wenn man diese abschiebt, destabilisiert man wiederum das Herkunftsland, was dann wiederum das Bandenunwesen befördert.

Einen derartigen "Kreislauf" haben wir in Europa zum Glück nicht, insofern fehlt dieser Baustein zur reinen Gangkriminalität, auch ein Absturz auf das Niveau eines Zweite-Welt-Landes ist nicht in Sicht, gleichwohl allerdings gibt es auch in Deutschland Probleme mit der organisierten Kriminalität (italienische und russisch-eurasische Mafia, Rockerbanden, arabische Clans etc.), die allerdings weniger direkt sichtbar auftritt. Das heißt aber nicht, dass diese Gruppen weniger gefährlich wären. Und besonders der wachsende Drogenhandel nach Europa sollte uns hierbei Sorgen machen. (Wobei es z. B. auch Vorwürfe aus Italien an Deutschland gibt, dass man hierzulande recht blauäugig bzw. naiv mit der Mafia umgeht.)

Schneemann
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#28
(04.06.2023, 13:09)Quintus Fabius schrieb: Erfolge sind irrelevant, wenn sie nicht zumindest längerfristig aufrecht erhalten werden können, also "nachhaltig" sind (nachhaltig hier nicht im Sinne von Dauerhaft für immer, sondern zumindest für längere Zeiträume).

Die Bandenkriminalität ist dort ja nicht aus dem Nichts einfach so entstanden, dafür gab es konkrete Ursachen und wenn diese zumindest nicht in bestimmten Anteilen beseitigt werden, spielt es gar keine Rolle wie viele Bandenmitglieder ich umbringe, foltere oder töte. Das ist dann lediglich wie Rasenmähen.

Schlussendlich muss man Jugendlichen Perspektiven bieten und eine Zugehörigkeit. Damit meine ich nicht zwingend Arbeit, Geld, Bildung etc. dass kann auch ganz anders aussehen, beispielsweise um beim Beispiel Faschismus zu bleiben durch eine Zugehörigkeit zu einer faschistischen Jugendorganisation / Partei / Parteimilizen / dem Militär etc. Dem folgend muss man die Finanzquellen der Banden zerstören. Dies geht nur, indem man die Nachfrage ausschaltet, denn solange diese besteht werden sich Anbieter dafür finden. Um ein konkretes Beispiel zu erläutern: solange Drogen in signifikanter Menge konsumiert werden, wird man Drogenhändler haben. Das zieht sich durch alle wesentlichen Bereiche der durch Banden betriebenen OK. Solange es Freier gibt, wird es Zwangsprostituierte geben etc Das primäre Problem darin ist nun, dass gerade in Bezug auf Lateinamerika die Nachfrageseite (Zwangsprostituierte, Drogen usw. in einem durch die dortigen Staaten nicht kontrollierberen Ausland sitzt, beispielsweise in den USA) - Als drittes ist wesentlich, dass man als Staat durchgehend mehr Gewaltpotential nachweisen kann als die Banden, dies geht insbesondere durch ein Feindstrafrecht und dadurch, dass sich die Bevölkerung dem Staat unterwerfen muss, weil dieser die größere Gewaltmacht hat. Denn der Grund warum sich die Bevölkerung als Beute den Banden unterwirft und damit bildlich gesprochen deren Nutzvieh wird liegt darin, dass diese im Alltag mehr Gewaltmacht haben.

Der üblichste Ansatz ist dann diese Gewaltmacht der Banden anzugreifen und zu zerstören, dass ist aber für sich unzureichend. Man muss die Bevölkerung zusätzlich dazu zwingen, sich allein der staatlichen Macht zu unterwerfen, außerhalb derer es keine Parallelmacht gegen darf. Dies geht nur wenn man auch tatsächlich in der Fläche die Kontrolle über die Zivilbevölkerung ausüben kann. Kolumbien ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Regierung genau darin nach dem Friedensschluss mit der FARC versagte und heute wird (Stichwort finanzielle und ökoniomische Grundlagen des ganzen) in Kolumbien genau deshalb mehr Kokain produziert als je zuvor in der Geschichte des Landes.

All diese Faktoren zusammen führen dann natürlich fließend und wie von selbst in den Faschismus bzw. in eine faschistische Diktatur. Ob eine solche dann gegenüber den Banden erfolgreich ist hängt davon ab, inwiefern sie die finanzielle Seite des ganzen ausschalten kann. Denn ansonsten wird der entstehende faschistische Staat durch die Korruption seiner Institutionen nur ein Teil des ganzen und es ändert sich trotzdem nichts. Gerade in Südamerika konnte man das schon mehrfach praktisch betrachten.

Ja, das alles von dir angemerkte steht außer Frage.
Ich bezog mich explizit auf ES und freilich muessen die jetzigen Erfolge auch (aus)genutzt werden, damit in Zukunft eine dauerhafte Besserung in Kraft tritt.
Ansonsten isses ein Kampf gegen Windmühlen.

(04.06.2023, 16:34)Schneemann schrieb: @reflecthofgeismar
Eine Bandenstruktur, wie sie in Mittelamerika existiert, wird sich so in Europa und in weiten Teilen der USA (wobei es entlang der südlichen Grenze zu Mexiko schon teils bedenkliche spill overs aus dem Süden gibt) nicht herausbilden, da hier die staatlichen Strukturen gefestigt und schlagkräftig sind und auch die Korruption vergleichsweise überschaubar ist - was am Bsp. El Salvador nicht der Fall ist.

Auch sind die Ursachen der explodierenden Bandenkriminalität in El Salvador andere - oftmals handelt/e es sich bei den Bandenmitgliedern (wir sprechen von ca. 100.000 bis 150.000 Bandenangehörigen) um Personen, die schon mal wegen krimineller Handlungen - oftmals sind es auch Gangmitglieder - aus den USA oder gar Kanada abgeschoben wurden; und diese Praxis, die schon seit Jahrzehnten so umgesetzt wird, hat dazu geführt, dass diese Kriminellen in einem sehr schwachen, hochkorrupten und durch einen langjährigen Krieg (s. Bürgerkrieg in El Salvador von 1980 - 1991) erschöpften Staat aufschlugen und sich dort quasi fast ungestört ausbreiten konnten. D. h. Drogenhandel, Prostitution etc. sind nur Symptome - die eigentlichen Ursachen sind aber eben andere - die obig genannten -, und sie reichen teils 40 Jahre zurück.

Insofern hat hier Quintus mit dem Hinweis auf langfristige Perspektiven durchaus recht. Ohne solche würde man sich im Kreis drehen - es kämen immer wieder und immer mehr Flüchtlinge aus dem Süden, und damit Gangmitglieder. Und wenn man diese abschiebt, destabilisiert man wiederum das Herkunftsland, was dann wiederum das Bandenunwesen befördert.

Einen derartigen "Kreislauf" haben wir in Europa zum Glück nicht, insofern fehlt dieser Baustein zur reinen Gangkriminalität, auch ein Absturz auf das Niveau eines Zweite-Welt-Landes ist nicht in Sicht, gleichwohl allerdings gibt es auch in Deutschland Probleme mit der organisierten Kriminalität (italienische und russisch-eurasische Mafia, Rockerbanden, arabische Clans etc.), die allerdings weniger direkt sichtbar auftritt. Das heißt aber nicht, dass diese Gruppen weniger gefährlich wären. Und besonders der wachsende Drogenhandel nach Europa sollte uns hierbei Sorgen machen. (Wobei es z. B. auch Vorwürfe aus Italien an Deutschland gibt, dass man hierzulande recht blauäugig bzw. naiv mit der Mafia umgeht.)

Schneemann

Sehr interessante Informationen bzgl. dem "wieso/warum", vielen Dank dafür, werter Schneemann!
Vielleicht nicht so schnell und für die jetzige Zeit wird man dir beipflichten müssen aber die Umstände und die "Grundsubstanz" werden sich in den nächsten 3-5 Dekaden in Europa und den VSA höchstwahrscheinlich derart ändern das durchaus ein ES "light" möglich sein könnte.
In den Institutionen sitzen Menschen und wenn Werte und Qualität(en) sich - wie absehbar - zum Negativen ändern, dann ist es auch nur nochmal ein Sprung hin bis zu staatlichen Totalausfällen.
Es ist kein Garant vorhanden, wenn die Umstände dementsprechend konträr zum dem noch aktuellen "jetzt" sind.
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#29
Zitat:Welle der Gewalt

Schwedens Regierungschef will Militär gegen Bandenkriminalität einsetzen

Elf Tote in einem Monat: In Schweden eskaliert die Gewalt zwischen kriminellen Banden. Ministerpräsident Ulf Kristersson will deshalb zu drastischen Mitteln greifen. [...]

Nach den jüngsten mutmaßlichen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten kriminellen Banden in Schweden mit drei Toten binnen weniger als 24 Stunden will Ministerpräsident Ulf Kristersson das Militär um Hilfe bitten. In einer am Donnerstag im Fernsehen übertragenen Ansprache sagte Kristersson, er werde sich am Freitag mit dem nationalen Polizeichef und dem Oberbefehlshaber des Militärs treffen, »um zu prüfen, wie die Streitkräfte die Polizei im Kampf gegen die Banden unterstützen können«. »Wir werden die Banden zur Strecke bringen. Wir werden die Banden besiegen«, fügte er hinzu. [...] Nach Informationen des schwedischen Rundfunksenders SVT gibt es bei zwei der tödlichen Vorfälle Verbindungen zum kriminellen Foxtrot-Netzwerk, das im Zentrum der jüngsten Gewaltwelle steht. [...]

Im Zuge des vermuteten bandeninternen Konflikts beim Foxtrot-Netzwerk eskalierte die Gewalt jüngst erneut – bereits elf Menschen wurden in diesem Monat erschossen, darunter auch Unbeteiligte. Damit sei der September in Sachen Schusswaffengewalt der tödlichste Monat seit Ende 2019, berichtete SVT. [...]
https://www.spiegel.de/ausland/schweden-...b02e92b5eb

Schneemann
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#30
Was haben sie den nur ?! In Holland ist man doch schon längst viel weiter.

https://www.stern.de/gesellschaft/drogen...70854.html

Und ja ich weiß, es ist der Stern, und nein, dass ist keineswegs übertrieben dargestellt, sondern eher noch untertrieben. Die Niederlande werden hier und jetzt zu einem Narkostaat.

https://www.dw.com/de/niederlande-wie-dr...a-64199137

In dieser Bundesrepublik wird es die Legalisierung von Cannabis sein, welche den Banden hier die Tore weit öffnen wird, weil sie ihnen auf legale Weise Unmengen neuer Kunden generiert, welche dann nachdem sie in die Sucht gerutscht sind die günstigeren Straßenpreise (im Vergleich zu den Preisen der legalen Produkte) explorieren werden.

Und zu Schweden? Schweden wird scheitern, die Banden und Gruppierungen die sich dort in den meist illegalen Einwanderern etabliert haben kriegt man nicht mehr los, es sei denn man würde massivst und sehr schnell Ausländer aus Schweden deportieren, was aber mit EU Recht nicht machbar ist und was auch rein praktisch nicht mehr machbar ist, dafür sind es längst zu viele.

Wie Holland auch aufzeigt - und jetzt Schweden diesem folgend - ist der Rechtsstaat wie wir ihn uns vorstellen systemisch nicht in der Lage dieses Sicherheitsproblem ernsthaft zu lösen oder auch nur einzuschränken.

Über den Kokainhandel nach Europa über die Niederlande:

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo...t-102.html

Interessant ist, dass die Marrokaner inzwischen immer mehr die direkten Handlanger der südamerikanischen Kartelle sind.
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