Atomschirm (dissuasion avancée») für Europa
#31
Norwegen schließt sich dem Konzept der „vorausschauenden Abschreckung“ an und unterzeichnet ein Abkommen über gegenseitige Unterstützung mit Frankreich
OPEX360 (französisch)
Nach einer Bedenkzeit ist Norwegen nun diesem Beispiel gefolgt und hat am 27. Mai das sogenannte „Narvik“-Abkommen [in Anlehnung an die gleichnamige Schlacht gegen Deutschland im Mai 1940, Anm. d. Red.] unterzeichnet, als Präsident Macron den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre im Élysée-Palast empfing.

„Sie haben zugestimmt, dass Norwegen sich dem anschließt, was wir als erweiterte nukleare Abschreckung bezeichnet haben. […] Dies ist ein sehr wichtiger Schritt in unserer Partnerschaft und wird der Motor für eine sehr ehrgeizige Zusammenarbeit sein“, kommentierte der Staatschef. „Norwegen, ein wichtiger geografischer und strategischer Partner, mit dem wir bereits eng zusammengearbeitet haben, um den Schutz des verbündeten Territoriums vor äußeren Bedrohungen zu gewährleisten, wird einen großen Mehrwert für diese vorgerückte Abschreckung darstellen“, fügte er hinzu.

Die norwegische Beteiligung an diesem Konzept der „fortgeschrittenen Abschreckung“ wird jedoch insofern begrenzt sein, als Oslo den Einsatz von Atomwaffen auf seinem Staatsgebiet in Friedenszeiten ablehnt. Ein Punkt, auf den Herr Støre besonders besteht.

„Der Prozess mit Frankreich ändert nichts an der norwegischen Politik in Bezug auf Atomwaffen. Der Grundsatz ‚Keine Atomwaffen auf norwegischem Boden in Friedenszeiten‘ bleibt unverändert. Wir werden auch der Arbeit an der Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung Vorrang einräumen. Eine engere Zusammenarbeit mit Frankreich in Europa und im Rahmen der NATO kann das Risiko verringern, dass neue Länder es für angebracht halten, eigene Atomwaffen zu entwickeln“, erklärte der norwegische Regierungschef.

Außerdem, fügte er hinzu, „wird unsere Abschreckung weiterhin über die NATO gewährleistet. […] Die französischen Nuklearkapazitäten tragen zur globalen Abschreckung der NATO bei. Für die Regierung war es wichtig, dass sich unsere europäischen Verbündeten der französischen Initiative angeschlossen haben und dass Frankreich die USA und die NATO konsultiert hat.
Zitieren
#32
Moin!
Ich habe diesen thread leider erst jetzt entdeckt und wollte mal zur generellen Ausweitung der frz. nuklearen Abschreckung auf EU-Staaten die finanzielle Frage stellen:

Ende letzten Jahres sagte Präsident Macron in einem Interview für eine frz. Zeitung (ich finde den Artikel gerade nicht mehr), dass der Umfang der nuklear bewaffneten Einheiten Frankreichs nicht mit frz. Finanzmitteln vergrößert werden würde. Das legt den Schluss nahe, ein Aufwuchs über den aktuellen Umfang hinaus müsse von den anderen EU-Staaten finanziert werden. Zuletzt las ich allerdings, der Aufwuchs der nuklear bewaffnenten Kräfte werde strikt national finanziert, um die Souveränität zu wahren.

Ich persönlich könnte der europäischen Teilfinanzierung größerer frz. Nuklearstreitkräfte einiges abgewinnen, sofern sie institutionell gesichert wäre:

1. Frankreich ist bereits fiskalisch sehr belastet. Eine noch stärkere Belastung des frz. Etats halte ich für kontraproduktiv.
2. Durch die Ko-Finanzierung könnte ein militärischer Mehrwert bei relativ geringen Kosten je Staat erreicht werden.
3. Wenn die anderen europäischen Staaten Frankreich auch fiskalisch unterstützen, würde uns diese Tatsache strategisch näher an Frankreich heran rücken und eine frz. Reaktion im Krisenfall (vitale Interessen) wahrscheinlicher machen.

Was hält das Forum von diesen widersprüchlichen Statements bzw. den Folge-Effekten einer strikt nationalen oder europäisch verteilten Finanzierung?

MfG!

PS: Ein bisschen interessante Lektüre:
https://www.iiss.org/publications/strate...-eastward/
Zitieren
#33
Ich weiß nicht ob das stimmt - aber ich denke, die USA machen das bezüglich ihrer A-Waffen fähigen Flugzeuge auch nicht viel anders:
Zitat:Atomschirm nur gegen Rafale-Kauf: Jordan Bardellas neue Bedingung an Europa

Alle acht Partnerländer haben F-35 bestellt – auch Deutschland und Polen. Jordan Bardella stellt sie jetzt vor die Wahl: amerikanischer Jet oder Atomschutz.

Jordan Bardella, der 30-jährige Chef des Rassemblement National und derzeit wahrscheinlichster RN-Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2027, hat Europas Sicherheitsdebatte mit einer bemerkenswerten Forderung aufgemischt: Wer unter Frankreichs nuklearen Schutzschirm schlüpfen wolle, müsse zunächst aufhören, amerikanische F-35-Kampfjets zu kaufen – und stattdessen auf französische Rafale-Maschinen umsteigen.
...
Zitieren
#34
(17.06.2026, 22:53)Kongo Erich schrieb: Ich weiß nicht ob das stimmt - aber ich denke, die USA machen das bezüglich ihrer A-Waffen fähigen Flugzeuge auch nicht viel anders:
Wenig überraschend mMn. Überraschender finde ich da eher, dass einige der Verhandlungsteilnehmer anscheinend vom Gegenteil ausgegangen sind. Genauso wenig wie amerikanische Kernwaffen in fremde Trägersysteme wie den Eurofighter integriert werden, würden französische Kernwaffen in Trägersysteme wie die F-35 integriert werden. Alleine schon aus Sicherheitsbedenken, Stichwort Staatsgeheimnisse und Blackboxen. Genauso wie die Einsatzhoheit amerikanischer Kernwaffen den Vereinigten Staaten vorbehalten ist, wäre die Einsatzhoheit französischer Kernwaffen dem französischen Staat vorbehalten. Warum man jetzt auf der einen Seite einen gemeinsamen Nuklearschirm mit vollständiger Gleichberechtigung als essenziell für eine solche Zusammenarbeit darstellt obwohl der Status Quo mit dem man zufrieden ist das genaue Gegenteil dessen ist, muss mir auch nochmal jemand erklären.
Zitieren
#35
(18.06.2026, 09:10)DopePopeUrban schrieb: Genauso wenig wie amerikanische Kernwaffen in fremde Trägersysteme wie den Eurofighter integriert werden, würden französische Kernwaffen in Trägersysteme wie die F-35 integriert werden.

Der Tornado ist ein US-Flugzeug? Die Integration in den Eurofighter scheiterte vor allem aufgrund von zeitlicher Verschleppung einer Entscheidung, nicht aus industriepolitischen Gründen. Und ob es wirklich sinnvoll ist, vermeintlich gemeinsame sicherheitspolitische Interessen mit industriepolitischen Entscheidungen zu verknüpfen ist durchaus diskussionswürdig. Das Problem in meinen Augen ist, wenn es eine gemeinsame sicherheitspolitische Vision gäbe, dann würde sich diese Frage gar nicht erst stellen. Denn natürlich würde Frankreich dann alle europäischen Staaten mit dieser gemeinsamen Vision mit schützen, und logischerweise würden diese Staaten nicht außereuropäisch einkaufen. Zu der Situation, dass französische Kernwaffen an nicht-französischen Flugzeugen hängen, könnte es dann allerdings immer noch kommen. Für wen das ein Problem ist, der hat das mit der europäischen Vision eben nicht verstanden.

Ganz unabhängig davon, dass solche Meldungen vor allem Wahlkampf sind (sofern die Aussagen überhaupt stimmen, was mich bei der Quelle auch nicht wundern würde).
Zitieren
#36
Ich glaube das wir ein (knappes) Jahr haben, um eine europäische Abschreckungsdoktrin auf die Beine zu stellen. Und dafür sind sowohl Geld als auch Waffenträger nicht relevant.

Was das Geld betrifft die einzige außerplanmäßige Ausgabe ist die Erhöhung der Atomsprengköpfe die in jedem Fall von Frankreich bezahlt werden.

Was jetzt in Angriff genommen wurde sind
* eine gemeinsame europäisch "Atomsprache", die auch präzise in die jeweilige Landessprache übersetzt werden muss.
Die Planungsgruppen (zZT Skandinavien und Polen, Deutschland wahrscheinlich ab Mitte Juli) sind dazu ein guter Ansatz, der aber für die Bevölkerungen vulgarisiert werden sollte.
* den Partnern einen Einblick in die Arbeitsweise der französischen "Abschreckung zu geben, vor allem der Armee d Air. Die Beteiligung an den vierteljährlichen Übungen Poker ist dazu ein erster Schritt.
Poker kurz beschrieben sind die Angreifer ( Rafale B der Force Aérienne Stratégique, A330MRT ) gegen Verteidiger (Rafale, Mirage 2000 und SAMP/t) . Ziel ist das die (mit fiktiven) Atomwaffen ausgerüsteten Rafale B vom Radarbildschirm verschwinden, und im sehr tiefen Flug in den feindlichen Luftraum um ihre ASMPA r aus ca 500 km Abstand zu verschiessen. Das findet bisher im französischen Luftraum statt.
In der Zukunft mit Skandinavien und Polen und wohl auch Deutschland ist der Luftraum grösser, und die nationalen Luftwaffen können Verteidiger oder Angreifer (ohne Atomwaffen) spielen
* eine europäische Abschreckungsdoktrin entwickeln, bestehend aus
der französischen Dissuasion
den nationalen konventionellen Abschreckungsmitteln (FK und Drohnen) RETEX Iran und Ukraine
Zitieren
#37
Die Staatssekretärin Alice Rufo wird in Brüssel erwartet
https://lhistoireenrafale.lunion.fr/2026...bruxelles/
21. Juni 2026
Die Staatssekretärin im Amt des Armeeministers und der Kriegsveteranen, Alice Rufo, reist am Montag, dem 22. Juni 2026, nach Brüssel, um sich einen Tag lang mit den Herausforderungen der europäischen Verteidigung und der kollektiven Sicherheit zu befassen.
.........
Alice Rufo soll vor dem Ausschuss für Sicherheit und Verteidigung des Europäischen Parlaments zur Verteidigungspolitik Frankreichs und zur fortgeschrittenen nuklearen Abschreckung angehört werden.
Zitieren
#38
(18.06.2026, 09:10)DopePopeUrban schrieb: Wenig überraschend mMn. Überraschender finde ich da eher, dass einige der Verhandlungsteilnehmer anscheinend vom Gegenteil ausgegangen sind. Genauso wenig wie amerikanische Kernwaffen in fremde Trägersysteme wie den Eurofighter integriert werden, würden französische Kernwaffen in Trägersysteme wie die F-35 integriert werden.

Bisher wurde eine Verbringung frz. Nuklearwaffen (ASMP-A & künftig ASN4G) durch verbündete Flugzeuge eigentlich nicht diskutiert, oder? Die Kooperation beschränkte sich laut offiziellen Informationen auf "SNOWCAT-Operationen" (SEAD/DEAD, Luftüberlegenheit, ELOKA) und taktische Abläufe, sowie den Dialog dahinter.
Von daher setzt Bardellas "Drohung" einen Integrationsgrad voraus, der die bisherigen Abmachungen übersteigt. Das wirkt besonders insofern inkonsequent, als gerade Bardellas eigene Partei (Rassemblement National) bisher immer gegen die erweiterte Abschreckung schoss und behauptete, die nukleare Abschreckung Frankreichs sei unteilbar...
Zitieren
#39
Vorwahlkampfgedröhne.
Außerdem werden mit den Partnerländern langfristige Sicherheitsabkommen geschlossen, die bisher immer von Frankreich eingehalten wurden.
Was wichtig ist, ein erster Pokerübung im Partnerluftraum, mit den Partnerluftwaffen, einer Angriffswelle über die Ostsee, eine andere über Nordsee, Nordmeer, beide Richtung Nordschweden, mit TV Kamera etc. So können alle das in den Abendnachrichten sehen, und die Moskaupropagandisten springen im Dreieck.
Zitieren
#40
[Ein Meinungsartikel von Lova Rinet]
Das Ende der impliziten Schutzzonen: Klärung der Ausweitung der französischen Abschreckung
Aereon (französisch)
22. Juni 2026

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 hat die Frage der Schutzzonen in Europa schlagartig wieder in den Vordergrund gerückt. Indem Moskau sein Atomwaffenarsenal als Abschreckungswall einsetzte, hat es daran erinnert, dass die Atommacht nach wie vor die ultimative Garantie für Souveränität darstellt. Diese Entwicklung hat die Fragen nach der kollektiven Fähigkeit der NATO, eine offensive revisionistische Macht in Schach zu halten, erneut aufgeworfen. Hinzu kamen die zweideutigen Signale aus Washington, die die Debatte über die Verlässlichkeit des amerikanischen Schutzschildes angeheizt haben.

Doch trotz der Erklärungen über den „Hirntod“ (1) des Bündnisses oder der Spekulationen über einen Rückzug der Vereinigten Staaten bleibt der Nordatlantikvertrag bestehen, Artikel 5 ist weiterhin in Kraft, und es ist zu keinem institutionellen Bruch gekommen. Die Krise ist weniger rechtlicher als politischer Natur: Sie betrifft das Vertrauen und die Wahrnehmung.

Daher kann die Frage nicht allein im Hinblick auf eine Ersetzung der USA oder eine europäische Abschreckung gestellt werden. Sollte sich die französische Abschreckung weiterentwickeln, so darf dies nicht anhand äußerer Vorgaben geschehen, sondern muss sich an ihren vitalen Interessen orientieren. In einer Welt, in der Bündnisse ins Wanken geraten und Seegebiete zu Schauplätzen von Konfrontationen werden, liegt die Herausforderung also woanders: Was schützt die französische Abschreckung tatsächlich? Sollte eine Erweiterung in Betracht gezogen werden, darf sie nicht an den Bedürfnissen anderer gemessen werden, sondern muss in erster Linie den vitalen Interessen Frankreichs entsprechen. Denn davon hängt ihre Glaubwürdigkeit ab, auch in Bereichen, in denen Frankreich weit über den europäischen Raum hinaus exponiert ist.

Das Ende der impliziten Schutzzonen
Seit drei Jahrzehnten beruhte die europäische Sicherheitsarchitektur auf einer impliziten Schutzzone. Die Kombination aus Artikel 5 des Nordatlantikvertrags, der amerikanischen Militärpräsenz und der konventionellen Überlegenheit des Westens wirkte stabilisierend. Die nukleare Abschreckung – sei sie nun amerikanisch, britisch oder französisch – fügte sich in diesen Rahmen ein, ohne dass ihre geografischen Grenzen explizit hinterfragt wurden.

Der Einmarsch in die Ukraine hat dieses Schema verändert. Indem Russland eine Logik der asymmetrischen Schutzzone verfolgte – nuklearer Schutz des Staatsgebiets und Projektion konventioneller Streitkräfte an dessen Peripherie –, hat es gezeigt, dass eine Atommacht das Risiko einer strategischen Eskalation eingrenzen und gleichzeitig einen langwierigen regionalen Konflikt führen kann. Diese Entwicklung hat erneut eine Hierarchisierung der Räume eingeführt: Einige werden ausdrücklich durch Abschreckung geschützt, andere sind Konflikten ausgesetzt.

Dieser Wandel betrifft unmittelbar jene Staaten, deren Interessen sich nicht auf ein homogenes Festland beschränken. Frankreich nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderstellung ein. Seine strategische Kontinuität beschränkt sich nicht auf das französische Mutterland. Sie umfasst Überseegebiete, Übersee-Departements und eine der weltweit größten ausschließlichen Wirtschaftszonen. Diese Räume, die sich im Atlantik, im Indischen Ozean und im Pazifik befinden, sind in regionale Umfelder eingebettet, die von maritimem Wettbewerb, Druck auf die Ressourcen und der Anfechtung der Bewegungsfreiheit geprägt sind.

Die Zunahme hybrider Strategien – rechtliche Anfechtung von Seegebieten, Unterwasser-Eindringungen, wirtschaftlicher oder informativer Druck – verwischt die traditionelle Unterscheidung zwischen Frieden und Konflikt. Kritische Infrastrukturen, insbesondere unter Wasser, stellen nun potenzielle Ziele dar. In diesem Zusammenhang ist der Begriff des „sicheren Rückzugsraums“ nicht mehr selbstverständlich, sondern wird zu einer bedingten Größe.

Die strategische Frage beschränkt sich daher nicht auf die Verlässlichkeit eines Verbündeten. Sie betrifft die Definition lebenswichtiger Interessen selbst und deren geografische Ausdehnung. Für eine gut ausgestattete Großmacht wie Frankreich, deren Verantwortungsbereich Europa, aber auch weit verstreute Überseegebiete umfasst, erfordert das Ende impliziter Schutzzonen eine doktrinäre Klärung: Welche Räume unterliegen dem ultimativen Schutz, und nach welcher Logik?

Die Ausweitung klären: Doktrin, lebenswichtige Interessen und Abschirmung
Die Debatte über die „Ausweitung“ der französischen Abschreckung leidet unter einem anfänglichen Missverständnis. Sie geht davon aus, dass sich die Doktrin an eine externe Forderung oder eine politische Konjunktur anpassen müsse. Die französische Abschreckung definiert sich jedoch nicht aus opportunistischen Gründen neu; sie entwickelt sich nur dann weiter, wenn sich die Definition der lebenswichtigen Interessen der Nation ändert. Diese Hierarchie bleibt oberste Priorität.

Seit ihren Anfängen beruht die französische Doktrin auf einer bewussten Mehrdeutigkeit. Sie benennt weder einen Feind noch einen expliziten geografischen Geltungsbereich. Die lebenswichtigen Interessen sind nicht kartografisch festgelegt. Diese fehlende territoriale Abgrenzung stellt eine strategische Entscheidung dar: Sie erhält die für die Glaubwürdigkeit notwendige Ungewissheit aufrecht. Die Abschreckung war daher nie auf das französische Staatsgebiet beschränkt.

Die Erweiterung kann daher weder als mechanische Ausweitung eines nuklearen Schutzschildes noch als Verwässerung der endgültigen Entscheidungsgewalt verstanden werden. Die Kontrolle über die Nuklearwaffen bleibt national. Die Glaubwürdigkeit beruht gerade auf dieser Einheit der Befehlsgewalt. Jede Verwirrung in diesem Punkt würde das Signal schwächen.

Hingegen ist eine Klarstellung in einem anderen Bereich möglich: dem der Abschirmung. Die französische Abschreckung ist Teil eines Kontinuums zwischen konventionellen Streitkräften und nuklearer Kapazität. Staaten, die dies wünschen, können zur Stärkung dieser strategischen Tiefe beitragen, indem sie eine verstärkte Bündelung konventioneller Kräfte, Interoperabilität, den Austausch von Analysen und die Konsolidierung der europäischen Fähigkeitsbasis fördern. Es geht nicht darum, den „Auslöser“ zu teilen, sondern das strategische Umfeld zu verdichten, das die Abschreckung glaubwürdig macht.

Die Erweiterung, sofern sie überhaupt in Betracht gezogen werden soll, ist daher weniger eine Frage der Souveränitätsübertragung als vielmehr einer verstärkten Verknüpfung zwischen der französischen nuklearen Autonomie und der freiwilligen konventionellen Solidarität. Der Schlüssel liegt in der Freiwilligkeit und in der Übereinstimmung mit den lebenswichtigen Interessen Frankreichs.

Die Haltung klarstellen: beruhigen, ohne zu verwässern; bekräftigen, ohne zu provozieren

Die französische Abschreckung kann sich nicht inmitten interner strategischer Unklarheiten entwickeln. Sie beruht auf einer Glaubwürdigkeit, die ebenso sehr von der Leistungsfähigkeit wie von der politischen Klarheit abhängt. In einem Umfeld, in dem Wahrnehmungen das Gleichgewicht prägen, kann das Fehlen einer Klarstellung mehr Unsicherheit hervorrufen als die Bedrohung selbst:
• Erste Anforderung: die europäischen Partner beruhigen, ohne die Abschreckung in ein undifferenziertes Kollektivgut zu verwandeln. Der mit bestimmten Staaten, insbesondere Deutschland, eingeleitete strategische Dialog muss vertieft werden. Dabei geht es weder darum, die endgültige Entscheidung gemeinsam zu treffen, noch eine automatische Garantie einzuführen, sondern die bestehende strategische Solidarität zu verdeutlichen. Die französische Abschreckung trägt bereits zur europäischen Sicherheit bei; dennoch muss ihre Tragweite öffentlich anerkannt werden, ohne der Illusion einer gemeinsamen nuklearen Verantwortung nachzugeben.

• Zweite Forderung: die strategische Kontinuität Frankreichs über den Kontinent hinaus zu bekräftigen. Die Überseegebiete und die unter französischer Souveränität stehenden Seegebiete sind keine zweitrangigen Randgebiete. Sie sind voll und ganz Teil der vitalen Interessen. Vor dem Hintergrund eines verschärften maritimen Wettbewerbs, der Anfechtung von ausschließlichen Wirtschaftszonen und hybrider Druckausübung wird die Bekräftigung einer glaubwürdigen Präsenz zu einem strukturierenden Element. Die Abschreckung zielt nicht darauf ab, diese Räume zu militarisieren, sondern als Warnmeldung zu signalisieren, dass keine gravierende Infragestellung der nationalen Souveränität toleriert werden kann.

Die erwartete Klarstellung ist daher keine doktrinäre Revolution. Sie besteht darin, drei Ebenen ausdrücklich zu artikulieren: nationale nukleare Souveränität, freiwillige Abschirmung und Durchsetzung von Interessen in exponierten Seegebieten. Diese Kohärenz ist Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit des Signals, das sowohl an Verbündete als auch an Konkurrenten gerichtet ist.

Die französische Abschreckung definiert sich weder durch Versäumnis noch durch Ersatz. Sie zielt weder darauf ab, eine vorübergehende Besorgnis zu zerstreuen, noch das Zögern eines Verbündeten auszugleichen. Sie ist Teil einer eigenen strategischen Kontinuität, die auf der souveränen Definition der lebenswichtigen Interessen der Nation beruht. Das internationale Umfeld verändert sich. Die Lage in den Seegebieten verschärft sich. Bündnisse formieren sich neu. Ehemals periphere Gebiete rücken in den Mittelpunkt. Dieser Wandel erfordert eine Klärung, keinen Bruch. Eine Klärung dessen, was Frankreich als nicht verhandelbar betrachtet. Eine Klärung des Platzes Europas in dieser Architektur. Eine Klärung der strategischen Bedeutung seiner Überseegebiete und seiner Seegebiete.

Eine Erweiterung, sollte sie stattfinden, würde nicht auf einer Teilung der nuklearen Abschreckung beruhen, sondern auf einer verstärkten Verknüpfung zwischen nationaler Souveränität und freiwilliger Abschirmung. Die endgültige Entscheidung liegt weiterhin bei Frankreich. Die vertraglich festgelegte Solidarität kann hingegen vertieft werden. In einer fragmentierten Welt entsteht Glaubwürdigkeit nicht durch die Anpassung an momentane Ängste. Sie beruht auf Beständigkeit, Kohärenz und der Fähigkeit, für das einzustehen, was man schützt. Die französische Abschreckung darf nicht neu definiert werden, um zu beruhigen. Sie muss klarer formuliert werden, um Bestand zu haben. Sie hat keine Lücke zu füllen. Sie orientiert sich ausgehend von ihren vitalen Interessen in einem sich wandelnden strategischen Umfeld.

[Video: https://​www​.youtube​.com/​w​a​t​c​h​?​...​y​Y​5​EYM]
Zitieren


Gehe zu: