14.08.2026, 12:31
Zitat:@ Nightwatch Meine Lösung: Die Siedler raus. Punkt! Und dann könnte man ja was für die wirtschaftliche Entwicklung tun. Man könnte sich ja darauf einigen, dass die jüdischen Familien, die deine tausenden Jahre nachweisen können, bleiben können.Ok, du verlangst also, dass die israelische Regierung „aus einer Position der Stärke heraus“ über 500.000 Jüdinnen und Juden aus der Westbank verlegt? rausschmeißt? vertreibt? säubert?
Wohlgemerkt, diese Menschen leben dort größtenteils seit Jahrzehnten und mehreren Generationen in ihren Ortschaften und Kleinstädten und führen ein Leben, dass sich in nichts von dem Leben der Menschen unterscheidet, die einen Kilometer weiter westlich auf der anderen Seite einer fiktiven, nicht erkennbaren Waffenstillstandslinie von 1949 leben.
Wie soll das nun genau von statten gehen? Israel ist eine Demokratie mit einem sehr lebhaften Parlamentssystem das die Macht des Premierministers direkt und unmittelbar an eine dauerhafte Mehrheit in der Knesset koppelt. Es ist völlig ausgeschlossen, dass die israelische Gesellschaft der Staatsführung ein demokratisches Mandat dahingehend gibt, das die Regierung anfangen kann die Westbank von Juden zu säubern. Eine Regierung die derartiges trotzdem versuchen würde wäre im Handumdrehen gestürzt und Neuwahlen würden einen anderen Kurs erzwingen. Von so Kleinigkeiten wie dass das israelische Grundgesetz es mittlerweile vorsieht, dass ein dauerhafter Abzug aus besetzten Gebieten wahlweise von sogar einer zwei Drittel Mehrheit der Knesset getragen oder durch eine Volksbefragung abgesegnet werden muss ganz abgesehen.
Aber selbst wenn wir davon ausgehen das ginge durch, wie soll das dann ablaufen? Wir sehen schon heute, dass bestimmte Teile der Armee eher sagen wir wenig motiviert sind auch nur den absoluten Bruchteil der jüdischen Fanatiker die gerade in der Westbank Palästinenser terrorisieren Einhalt zu gebieten. Da geht es um eine winzige radikalisierte Minderheit. Was meinst du würde geschehen, wenn die Regierung nun der Armee befehlen würde nicht gegen diese radikalisierte Minderheit vorzugehen, sondern in guten Teilen ihren eigenen Familien, Verwandte und Freunde zu hunderttausenden aus ihren Häusern zu werfen? Es ist völlig offensichtlich, dass das nicht funktionieren würde. Selbst wenn es der Premierminister befehlen und eine IDF-Führung gäbe die das mitmacht würde die praktische Ausführung scheitern. Wesentliche Teile der Armee würden sich schlicht verweigern und ein nicht unerheblicher Teil der Truppen stünde am nächsten Morgen in den Siedlungen um zu garantieren, dass da genau garnichts passiert.
Das funktioniert einfach nicht. Am Ende des Tages ist die Macht jedes Staates begrenzt und das gilt erst recht für demokratische Staaten.
Und was würde es genau lösen? Ein israelischer Abzug aus dem Westjordanland bedeutet Kontrollverlust über die Geschehnisse dort. Was meinst du wohl wie lange es dauern würde, bis radikale Kräfte in der Westbank die PLO stürzen würden? Oder sich zumindest soweit organisiert haben, um von dort über Jordanien eingeführten (nicht mal geschmuggelten) Waffen Angriffe auf Israel starten? Was wird dann wohl geschehen? Wie soll eine Aufgabe des Westjordanlandes nicht dazu führen, dass die Region am Ende des Tages genauso aussieht wie Gaza? Beziehungsweise die IDF nach einem 7. Oktober aus der Westbank die Palästinenser dort nicht einfach nach Jordanien verfrachtet? Der Jordan ist ein kleiner Fluss nach Europäischen Maßstäben, der hält nichts auf und Jordanien kann die Grenze nicht so abschotten wie Ägypten das mit seinen paar Metern zu Gaza gemacht hat.
Deine grundsätzliche Fehlannahme ist, dass sich dieser Konflikt im Kern darum dreht, dass die Palästinenser keinen eigenen Staat und nicht genügend Land in der Westbank haben. Das mögen zusätzliche Faktoren sein, sie sind aber im Grunde vollkommen egal. Der Kern des Konfliktes ist, dass viel zu viele radikalisierte Kräfte in der Palästinensischen Bevölkerung und darüber hinaus überhaupt keinen jüdischen Staat im Großraum Palästina haben wollen und für sie Tel Aviv genauso eine illegale Siedlung ist wie Ma'ale Adumim. Entsprechend wird die Aufgabe von Ma'ale Adumim genau garnichts lösen und die Situation am Ende des Tages für beide Seiten massiv verschlechtern.
Entsprechend verwundert es auch nicht, dass angedachte bzw. vorgeschlagene Lösungen des Nahostkonflikts längst über ein einfältiges „Israelis raus“ hinweg sind. In allen über die Westbank kursierenden Verhandlungslösungen soll die Westbank in einen israelisch annektierten Teil und einen Palästinensischen Staat geteilt werden. Umzuziehen hätten dann nur einige wenige Zehntausend Menschen. Das wäre beherrschbar, ein Totalabzug steht dagegen nicht zur Diskussion.
Übrigens leben auch über 230.000 Jüdinnen und Juden in Ostjerusalem. Und ein wesentlicher Teil der arabischen Bevölkerung dort will überhaupt nicht Teil eines Palästinensischen Staates werden. Was machst du dann damit?
Zitat:Wie sieht denn deine Lösung aus?
Ich hänge nicht der Idee an die du Quintus Fabius gerade präsentiert hast. Ich glaube an ein „Es muss eine Lösung geben“. Weder gibt es hier und jetzt sofort eine in der realen Welt gangbare Lösung noch „muss“ es eine geben. Der grundsätzliche Status Quo ist für beide Seiten so schlecht nicht. Anstatt sich in wilde Experimente zu stürzen ist erstmal schon viel gewonnen wenn alles so bleibt wie es ist.
Das bedeutet btw auch, dass Israel seine Chaoten unter Kontrolle bekommt und man im Palästinensischen Teil zusieht, dass die Hams, Islamischer Jihad oder was für radikale Gestalten auch immer nicht an die Macht kommen.
Mir scheint es mitunter so, dass bei vielen die Vorstellung vorherrscht in der Westbank herrsche flächendeckend Anarchie und es sei für die geknechteten Palästinenser keine Entfaltung möglich. Das ist für die Übergroße Mehrheit der Menschen dort nicht der Fall. Lokal gibt es natürlich Einschränkungen und Hotspots (mit Radikalen, gerne auch von beiden Seiten, hier muss Israel mehr tun, auch im Interesse des Palis dort), aber in übergroßen Teilen des Westjordanlands ist ein normales und gemessen an internationalen Standards durchaus angemessenes Leben möglich.
Die sind da auch nicht eingesperrt oder so. Anders als zwischen Ägypten und Gaza ist Aus- und Einreise über Jordanien möglich, auch wenn das natürlich kontrollier wird. Wie auch immer.
Als konservativ veranlagter Mensch ist es mein erster Instinkt immer das zu bewahren was man hat anstatt in wilden Experimenten das Kind mit dem Bade auszuschütten. Es gibt nichts was man heute tun könnte um diesen Konflikt sofort nachhaltig zu entschärfen. Natürlich könnte man einiges tun solange es die politischen Verhältnisse hergeben. Es ist beispielsweise denkbar, dass Israel die nach israelischen Recht illegalen Siedlungen und Außenposten sukzessive zurückbaut, so die Bevölkerungen immer weiter voneinander trennt. Das würde einiges entschärfen und schon auf eine zukünftige Trennung des Landes hinwirken. Das grundsätzliche Problem lässt sich aber nur mit Zeit lösen: Beiden Seiten bzw. in erster Linie der Palästinensischen Bevölkerung muss eingetrichtert werden, dass die andere Seite nicht verschwinden wird. Das funktioniert aber nur wenn man damit im Kindesalter beginnt, sprich es ist ein Prozess über Generationen. Die Palästinensische Propaganda vom Bösen Juden die Lehrmaterial und Medien durchseucht muss abgestellt werden. Dringendst, eigentlich vorvorvorgestertn. Und dann müssen Minimum zwanzig Jahre ins Land gehen bis ein echter ausgleichender Frieden möglich ist.
Wahrscheinlich ist eine solche Entwicklung nicht.
Zitat:Wenn ich mir die israelische Armee angucke, braucht die sich vor einem Staat Palästina nicht fürchten. Die haben alle ringsum gleichzeitig geschlagenMag sein, aber nach dem 7. Oktober würde es die israelische Gesellschaft halt nur so semigut finden, wenn Palästinensische Terrororganisationen mitsamt den IRGC ihr Hauptquartier 3km von der Klagemauer entfernt aufschlagen würden. Ich habe oben grob skizziert, was das dann für beide Seiten bedeuten würde. Daran können auch die Palästinenser kein Interesse haben.
Lustigerweise ist es ja gerade so, dass eine überhastete Ausrufung eines Palästinensischen Staates jetzt das Schlimmste wäre was den Palästinensern passieren könnte während Israel langfristig davon immens profitieren würde. Der Palästinensische Staat würde aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem zweiten Gaza verkommen und am Ende einiger unschöner Jahrzehnte wäre der Staat durch Israel erobert und die überlebenden Palästinenser würden von vielleicht Hebron und Nablus abgesehen in Jordanien sitzen. Vielen israelischen Rechten wären deine Ideen insofern womöglich ganz recht.

