Berlin - Erfahrungsbericht eines Geschockten
#1
Shocked 
Über Berlin wird viel geredet. Jedoch ging ich bisher davon aus, dass das ein oder andere, was über die Stadt gesagt wird, dann doch eher böses Vorurteil oder Übertreibung sei - doch ich wurde eines besseren belehrt. Ich war nie in dieser Stadt, was sich allerdings nun geändert hat, da ich aufgrund eines Geschäftstermins dort hin musste. Die folgende Schilderung spielt sich in Berlin-Mitte ab - die wirklich schlimmen Viertel habe ich nicht mal betreten. Und das soll schon was heissen.

Es ging damit los, dass man mir mein Taxi klaute (welches ich buchte, weil die Wartezeit erheblich kurzer als bei Uber war). Was war passiert? Nun, drei Leute, die ganz in der Nähe vom Abholort standen und zwischen Volljährig und Mitte 20 waren, haben dem dem MyTaxi-Fahrer, als er fragte, ob ich dabei wäre (also mein Name) JA gesagt und das Taxi fuhr los, wie ich in der App sah. Ein paar Straßen später merkte der Taxi-Fahrer was los ist, weil die Route ja nicht passte. Er kam zurück und warf die Drei raus, was jedoch nicht ohne ein gewisses Gerangel von statten ging. Als sie mich sahen, zischten sie mir noch ein "Ja isso. Wollta deine Taxi klaue Alta" zu. Die Formulierung ist übrigens keine Stänkerei gegen Ausländer. Es waren nämlich allesamt Deutsche, die aber – wie man das von Städten wie Berlin ständig hört - nie richtig Deutsch gelernt hatten. So etwas ist schon irre, weil ich ja regelmässig in Afrika bin und dort meine Taxis per App buche – aber so eine Story habe ich aber selbst dort nie erlebt und das soll schon was heissen.

Weiter gehts: Ich hatte einer Bekannten versprochen, etwas aus einem Szene-Bastelladen aus der Stadt mitzubringen, weil es zerbrechlich ist und nicht per Post nicht verschickt werden kann. Ich ging also in den Laden und als erstes fiel mir auf, dass dort jemand mit einem "Security" T-Shirt stand. Auf neugierige Nachfrage erklärte man mir , es habe im Laden vor kurzer Zeit einen Überfall gegeben und die Inhaberin fühle sich so sicherer. Nun, der Security-Typ wirkte ein wenig neben sich. Was sehr irritierend war, war die Tatsache, dass er ständig an seinen Axeln schnüffelte und unheimlich am Schwitzen war - es war an dem Tag aber überhaupt nicht warm. Ich schätze, er hatte wohl irgendetwas "konsumiert". Auch bedient wurde ich nicht sofort. Die Inhaberin zog es stattdessen vor, ans Telefon zu gehen und einen privaten Anruf zu beantworten, der sich locker 10 Minuten hinzog und sämtlich über Banalitäten ging. Hätte ich meiner Bekannten nichts versprochen – ich wäre längst wieder gegangen (kein Wunder, dass in der Stadt so viele Läden wieder pleite gehen...). Danach sah sie mich genervt an, so nach dem Motto „Muss das sein, dass ich mich wegen Ihnen bemühen muss?“ und bediente mich.

Anschließend machte ich einen kleinen Spaziergang.Bei den Menschen, die einen auf dem Bürgersteig entgegenkommen, sind mir viele aufgefallen, die scheinbar komplett aus dem Leben gefallen zu sein scheinen. Gar nicht wenige wirken sehr heruntergekommen, manch anderer wirkt total aphatisch und widerrum andere nur irgendwie einfach unglücklich und depressiv. All das passt perfekt zu dem, was man an den Gebäuden sieht: Es liegt an vielen Ecken einfach Müll herum, die Häuser sind oft dreckig und versifft und nicht selten auch mit Graffiti ohne jede künstlerische Begabung beschmiert.

Mein Fazit: Würde man mir eine 150qm Wohnnung dort mietfrei zur Verfügung stellen – ich würde das Angebot nicht annehmen. Nicht mal dann, würde man mir noch 500€ Grundeinkommen oben drauf packen. Das meine ich nicht als Ironie oder Übertreibung – denn ich habe mich in meinem Ganzen leben noch nie so unwohl gefühlt. Ich kam mir eher vor wie in einem bösen Film als in einer deutschen Stadt. Wenn mich jemand fragt, wie ich meine Eindrücke in drei Worten zusammenfassen könnte, dann würde ich antworten: Dreck, Kriminalität und traurige Gesichter.

Warum in aller Herrgottsnamen will dort jemand freiwillig wohnen und noch Rekord-Mieten zahlen? Ich kann mich in so ziemlich alle Menschen hereinversetzen und nachvollziehen, was diese wohl antreibt - auch die Extremsten der Gesellschaft... bloß was jemand antreibt, in Berlin zu wohnen und diese Zustände freiwillig zu ertragen - das erschließt sich mir einfach nicht.
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#2
Ich sage es mal ehrlich: Irgendwie kann ich deinen Beitrag nicht ganz ernst nehmen. Ich kenne Berlin durchaus auch (aber nur geschäftlich) - und bin öfters durchaus auch genervt. Wobei es natürlich immer darauf ankommt, wo man in Berlin unterwegs ist (so wie in vielen Städten, außer Pjöngjang vielleicht).

Der ICE war verspätet, die Toilette am Hauptbahnhof gesperrt, auf dem Vorplatz wurde ich erst um eine Kippe, dann um Geld angeschnorrt und beim Überqueren des Fußgängerstreifens auch noch von irgendeinem Fahrradkurier oder etwas ähnlichem angerempelt (der sich auch nicht entschuldigte). So, und nun? Naja, ich würde nicht hinziehen wollen, ich bin aber auch generell kein Stadtmensch. Ich habe mal in München direkt gewohnt, und irgendwann gingen mir nur Glas, Stahl und Beton und manche Schickeria auch dort auf die Nerven. Ich wohne auch nicht direkt in Stuttgart (wo ich in der Nähe bin), sondern etwas ländlicher. Und ich genieße das durchaus.

Ist aber alles anekdotisch, Evidenz nur schwer belegbar. Einerseits.

Andererseits: Wie soll ich mit deinem Statement umgehen, wenn ich dir sage, dass ich nie über eine App ein Taxi oder ein Uber bestellt habe, sondern in Berlin (zuletzt 2020) entweder per Straßenbahn oder zu Fuß (ja, auch mehrere Kilometer quer durch die Stadt) unterwegs war? Genau genommen bist du (nicht böse gemeint) eigentlich mit diesem Verhalten schon der typische Berliner, ohne es zu merken, also genau das, was dir nicht gefällt... Wink

Schneemann
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#3
(24.05.2022, 18:27)Schneemann schrieb: Andererseits: Wie soll ich mit deinem Statement umgehen, wenn ich dir sage, dass ich nie über eine App ein Taxi oder ein Uber bestellt habe, sondern in Berlin (zuletzt 2020) entweder per Straßenbahn oder zu Fuß (ja, auch mehrere Kilometer quer durch die Stadt) unterwegs war? Genau genommen bist du (nicht böse gemeint) eigentlich mit diesem Verhalten schon der typische Berliner, ohne es zu merken, also genau das, was dir nicht gefällt... Wink

Mein Problem sind nicht die Taxi-Apps, die Hipster oder sonstwas. Mein Problem mit Berlin ist schlicht Anspruch vs Wirklichkeit. Der Anspruch ist: Arm aber sexy. Bloß: Das gibt es nicht. Berlin ist arm UND unsexy.

Es gibt dort (die Villenviertel ausgenommen) einfach nur Dreck, Elend, Kriminalität und Traurigkeit im Übermaß. Es gibt dort einfach nichts als Kompensation wie in manchen "südländischen" Staaten, in denen ich gerne als Tourist bin.
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#4
Was ich also sagen will: Berlin ist eine Lose-Lose-Situation auf jedem menschlichen Gebiet, was man sich nur vorstellen kann. Es gibt nur Nachteile und nur negatives. So etwas hat es selten, und darum war ich eben entsprechend "geschockt".
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