Die Pflicht eines Militärs,..die Wahrheit zu sagen
#1
"Die Pflicht eines Militärs, ob Vorgesetzter oder Untergebener, ist es, die Wahrheit zu sagen".
Ouest France (französisch)

Dies ist der Tagesbefehl Nr. 13 vom 22. April von Armeegeneral Thierry Burkhard, dem Chef des Generalstabs der Streitkräfte. Dieses Dokument war mir entgangen; selbst nach zehn Tagen verdient es, weiter verbreitet zu werden.
[Bild: http://lignesdedefense.blogs.ouest-franc...356404.jpg]
[Bild: http://lignesdedefense.blogs.ouest-franc...479396.jpg]
Hier ein Auszug:

"Während die Kämpfe weitergehen, haben die ersten Wochen der Auseinandersetzungen bereits viele Erkenntnisse gebracht. Einige davon möchte ich heute Morgen ansprechen, da sie mir für die Ausübung des Militärberufs wichtig erscheinen.

Die erste ist zwar offensichtlich, aber dennoch wesentlich: Der Krieg mit hoher Intensität ist nach Europa zurückgekehrt.

Die zweite Erkenntnis ist weniger eine Wiederentdeckung als vielmehr eine Bestätigung: die entscheidende Rolle der moralischen Kräfte.

Die dritte Lehre betrifft die Bedeutung von Begriffen, die uns aus der Ausübung des Kommandos wohlbekannt sind: Offenheit, Loyalität und, im Gegensatz dazu, die Lüge. Die russischen Militärführer haben gelogen".
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#2
Zitat:Die dritte Lehre betrifft die Bedeutung von Begriffen, die uns aus der Ausübung des Kommandos wohlbekannt sind: Offenheit, Loyalität und, im Gegensatz dazu, die Lüge. Die russischen Militärführer haben gelogen".
Ich bin mir nicht mal sicher, ob dies so zutrifft. Einerseits weiß man, dass die Wahrheit in einem Krieg ziemlich schnell auf der Strecke bleibt, andererseits habe ich von russischen Militärs, mal von Schoigu abgesehen, recht wenige deutlich erkennbare Lügen gehört. Diese spinnerten Geschichten kamen im Grunde eher aus dem Munde politischer Entscheidungsträger oder auf Linie getrimmter scharfmachender Journalisten, wobei sich die reinen Militärs indessen eher zurückhielten, entweder weil sie wussten, wie korrupt sie selbst sind, oder weil sie schlicht nichts sagen wollten, um sich nicht in die Schusslinie der Politführung zu bringen.

Schneemann
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#3
Die Begründung von Thierry Burkhard

Zitat:Die russischen Militärführer haben gelogen.
Zunächst ihre politischen Führer, indem sie ihnen vorgaukelten, dass die operative Effektivität der Armee der russischen Armee einen schnellen Sieg in der Ukraine ermöglichen würde. Wir müssen feststellen, muss man feststellen, dass der Maßstabswechsel vom Expeditionsmodell in Syrien zu Operationen in der Ukraine, bislang gescheitert ist.

An ihre Untergebenen, über die Ziele der Operation, die Situation in der Ukraine und, schlimmer noch, über ihre Fähigkeit, die Operation durchzuführen.noch schlimmer, über ihre Fähigkeit, ihnen die Mittel zur Erfüllung ihrer Aufgaben zu geben. Nun, und das wurde deutlich, dass es an Organisation und Führung weitgehend mangelte.

Insbesondere fehlte es den russischen Einheiten an einer effektiven Logistik und Unterstützung, zumindest zu Beginn der Kampagne. Zusammen mit taktischen und operativen Fehlern führten diese Schwächen zu einer erwiesen sich als unhaltbar. Sie bedeuteten das Ende der ursprünglichen russischen Ambitionen.

Schließlich - und das ist vielleicht nicht das Geringste - haben sich die russischen Militärführer auch sich selbst belogen
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#4
Als wesentlichsten Punkt würde ich sehen, dass man vor allem Seitens der Offiziere die eigenen Soldaten belogen hat und ihnen zu keinem Zeitpunkt die Informationen gegeben hat, welche für die Erfüllung des Auftrages eigentlich unumgänglich sind. Gefangene Soldaten der VDV haben wiederholt angegeben, dass sie teilweise erst am Boden in der Ukraine erfuhren, dass man jetzt im Krieg ist, teilweise erst auf dem Flug während man bereits in ukrainischem Luftraum war und dass selbst danach ihnen niemals erklärt wurde was den überhaupt ihre Aufgabe und Zielsetzung ist, was überhaupt angestrebt wird oder was sie konkret tun sollen. Die hat man einfach abgeladen und dann dort stehen lassen, bis sie durch ukrainische Luftangriffe und Artilleriefeuer in weiten Teilen tot waren.

Unter solchen Umständen kann die Truppe keinerlei Motivation für irgend etwas entwickeln. Es drückt auch ein schier unfassbares Mißtrauen gegenüber den eigenen Soldaten aus. Innerhalb der Truppe selbst muss absolute Wahrhaftigkeit herrschen, ansonsten steht man schnell so dar wie die Russen und niemand rührt auch nur noch einen einzigen Finger ohne direkten scharfen Befehl. Die Untergebenen zu belügen führt zu Kadavergehorsam, was im modernen Krieg untauglich ist.

Aber wir sollten uns da mal auch an die eigene Nase fassen, denn vom Kosovo bis Afghanistan sind auch deutsche Soldaten regelmässig von ihrer eigenen Führung belogen worden.
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#5
Zitat:Aber wir sollten uns da mal auch an die eigene Nase fassen, denn vom Kosovo bis Afghanistan sind auch deutsche Soldaten regelmässig von ihrer eigenen Führung belogen worden.
Das ist sicherlich auch ein Punkt. Ich denke noch etwas irritiert daran zurück, wie sich deutsche Offizielle wie die Katze um den viel bemühten heißen Brei herumdrückten, als es um die Frage ging, ob man das, was in Afghanistan geschieht, als Krieg bezeichnen sollte/darf oder nicht bzw. ob wir dort Krieg führen oder nicht. Sicherlich war es kein "full scale war", aber doch ein asymmetrisches Kriegsszenario - und das hätte man auch von Anfang an fairerweise so bezeichnen müssen, statt den Soldaten (und auch gegenüber den Medien) irgendwas von "nation building" und "Stabilisierung" zu erzählen.

Zwar ist es immer noch so, dass Soldaten bei uns (bzw. in den NATO-Staaten) wenigstens noch die Chance haben, sich selbst zu informieren über zahllose Newskanäle, etwas was die russischen Soldaten kaum haben dürften, aber insgesamt eher abträglich für die Glaubwürdigkeit und die moralische Legitimation - sowohl innerhalb der Gesellschaft als auch unter den eingesetzten Truppen - eines Einsatzes ist es sicherlich dennoch, v. a. wenn die Betroffenen merken, dass man sie nicht vollumfänglich legitimiert und unterstützt. Insofern: Auch wir sollten aufpassen, dass man Einsätze nicht verklausuliert und schönredet, sondern sie als das benennen, was sie sind: Eben Kriegseinsätze.

Schneemann
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#6
Die russischen Soldaten sind nicht so uninformiert wie man das glauben möchte. Das zeigen auch die ganzen abgehörten Telefonate oder Funksprüche etc. Die sehen sehr wohl ebenso Westmedien bzw. sind im Internet unterwegs. Der Punkt ist in Wahrheit, dass die russischen Soldaten sich aus spezifischen (bildungsfernen / gleichgültigen) Schichten rekrutieren, in der russischen Militärkultur zu absolutem Kadavergehorsam gezüchtet werden und in ihren befähigteren Elementen (ethnischen Minderheiten) einfach nur Söldner sind, denen das alles was sie da sehen völlig egal ist.
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#7
Zitat:Der CEMA kommuniziert sowohl intern als auch extern (Fernsehen, Presse). Er bereitet wohl eine öffentliche Diskussion über die RETEX Ukraine vor, Diese wird wohl in den nächsten Wochen starten. Und es dreht sich nicht (nur) um Geld, sondern vor allem, um die Rolle der Nation, und

Europa müsse "davon profitieren, um sich neu zu organisieren und seine langfristige Strategie aufzubauen, indem es an den Tag nach dem Ukraine-Krieg denkt", meinte er.

Der Generalstabschef der Armee betont die Bedeutung "moralischer Kräfte".
OPEX 360 (französisch)
von Laurent Lagneau - 7. Mai 2022

[Bild: http://www.opex360.com/wp-content/upload...220507.jpg]
Eine Nation verteidigt sich nur, wenn sie sich verteidigen will und sich selbst genug liebt, um sich zu verteidigen", hatte der Abgeordnete Jean-Louis Thiérot gesagt, als der Verteidigungsausschuss im Februar dieses Jahres den Bericht über die hohe Intensität, den er gerade mit seiner Kollegin Patricia Mirallès verfasst hatte, prüfte.

Daher die Bedeutung der "moralischen Kräfte", die seiner Meinung nach "ausreichend sein müssen, um es mit Gegnern aufzunehmen, deren Verhältnis zum Tod, zum Opfer und zum Vaterland nicht das gleiche ist wie bei uns".

Unter "moralischen Kräften" versteht man im Allgemeinen die psychologische Fähigkeit, Widrigkeiten zu begegnen und zu überwinden. Dies setzt voraus, dass bestimmte Eigenschaften oder Tugenden wie Mut, Solidarität, Disziplin und die Bereitschaft, für das Gemeinwohl Opfer zu bringen, entwickelt und gepflegt werden.

Der Bericht über die hohe Intensität beklagt beispielsweise die "Smartphone-Sucht" ... was harmlos klingen mag, ist es in Wirklichkeit nicht so sehr, wenn man die operativen Risiken bedenkt, die dadurch entstehen können. "Diese Unfähigkeit, die Verbindung zu trennen, ist unseren Konkurrenten mittlerweile wohlbekannt", betont er. So wurde bei der Übung Polaris 21, die im November letzten Jahres von der französischen Marine organisiert wurde, ein Schiff fiktiv versenkt, nachdem seine Seeleute elektronisch überwacht worden waren.

"Die Roten analysierten die Zusammensetzung der Besatzung eines blauen Schiffes und versuchten, die Spur dieser Seeleute in den sozialen Netzwerken zu finden. Es war nicht überraschend, dass ein Seemann, der sein Handy nicht ausgeschaltet hatte, auf einen Sendemast stieß, wodurch das Schiff auf Küstenfahrt geortet werden konnte", berichtete Konteradmiral Emmanuel Slaars, stellvertretender Kommandeur der französischen schnellen Eingreiftruppe, den Berichterstattern.

Wie dem auch sei, ganz allgemein spricht der Bericht von Herrn Thiériot und Frau Mirallès davon, "die moralischen Kräfte zu stärken, indem die Vorstellungen der Bevölkerung von den Armeen und zukünftigen Konflikten verstärkt werden, indem die Bemühungen zur Stärkung der Bindung zwischen Armee und Nation fortgesetzt werden und indem die Lehrer effektiv in Verteidigungsfragen ausgebildet werden".

Diese Notwendigkeit wird durch die Haltung der ukrainischen Bevölkerung gegenüber der Invasion ihres Landes durch Russland verdeutlicht. Dies ist jedenfalls eine der drei wichtigsten Lehren, die General Thierry Burkhard, der Chef des Generalstabs der Streitkräfte [CEMA], daraus zog.

Bei einem Inspektion, den er am 22. April in Balard leitete, betonte General Burkhard die "entscheidende Rolle der moralischen Kräfte und die individuellen und kollektiven Anforderungen, die sie mit sich bringen". Eine Lehre aus dem Krieg in der Ukraine, die "weniger eine Neuentdeckung als eine Bestätigung" sei, sagte er.

"Es sind in erster Linie die moralischen Kräfte, die den bemerkenswerten ukrainischen Widerstand erklären. Ich denke dabei nicht nur an die Kämpfer, deren Mut und Willenskraft nicht mehr unter Beweis gestellt werden müssen. Ich denke auch an die Bevölkerung, die ukrainische Gesellschaft als Ganzes und ihre Führung. Vereint in der Unterstützung derer, die in ihrem Namen kämpfen, zeigen sie alle eine bewundernswerte Widerstandsfähigkeit und einen Zusammenhalt", schrieb der CEMA in seinem Tagesbefehl Nr. 13.

Er fügte hinzu: "Die moralischen Kräfte müssen für uns ein ständiges Anliegen sein. Da sie im Moment des Kampfes nicht aus dem Nichts auftauchen, müssen sie ständig geschmiedet und gepflegt werden. Wenn wir diese Verpflichtung nicht antizipieren, werden wir eine Niederlage erleiden."

In einem Interview, das am 6. Mai von AFP veröffentlicht wurde, sprach General Burkhard erneut von "moralischen Kräften", als er auf eine Frage nach den Lehren aus der Invasion in der Ukraine antwortete. "Zunächst einmal die Bedeutung der moralischen Kräfte. Die Ukrainer haben in diesem Bereich gewonnen. Sie haben eine Armee, die ihr Land verteidigt, und ein Land, das seine Armee unterstützt. Das muss man aufbauen, das ist nicht etwas, das man am Tag des Kriegsausbruchs verordnet", antwortete er.

Darüber hinaus betonte der CEMA auch die Bedeutung der Informationskriegsführung. "Die Ukrainer haben es geschafft, ihr Narrativ gegen die Russen durchzusetzen, die in diesem Bereich sozusagen die Meister waren", sagte er. Schließlich betonte er auch die Einsatzbereitschaft. "Die russische Armee ist hervorragend ausgerüstet, hat es aber versäumt, ihre Soldaten auf hohe Intensität zu trainieren", sagte er.

Nebenbei kratzte General Burkhard, wie schon in seinem Tagesbefehl Nr. 13, an der russischen Führung, als er die erste Phase der von Russland gestarteten Offensive erwähnte. Die Phase, die darauf abzielte, die ukrainische Regierung zu stürzen, indem sie starken Druck auf Kiew ausübte, war ein Misserfolg.

Das [russische] Dispositiv war taktisch nicht sehr kohärent", kommentierte der CEMA. Einer der Gründe? "Die russische Armee ist eine Armee der Lüge. Die Leute haben gelogen, als sie sagten, dass die ukrainische Armee nicht kämpfen würde, dass die russischen Streitkräfte bereit für den Krieg seien und dass die Anführer befehlen könnten", sagte er.

General Burkhard ist der Meinung, dass die derzeitige Situation andauern wird. "Wir sind in einen langen Wettbewerb mit Russland eingetreten", sagte er und betonte, dass Moskau eine "echte Langzeitstrategie" eingeführt habe, indem es seine militärischen Fähigkeiten, insbesondere mit Hyperschallwaffen, verstärkt habe.

Der CEMA fuhr fort, dass die Schwierigkeiten der russischen Streitkräfte in der Ukraine dieser langfristigen Strategie eine "Pause" auferlegen würden... Europa müsse "davon profitieren, um sich neu zu organisieren und seine langfristige Strategie aufzubauen, indem es an den Tag nach dem Ukraine-Krieg denkt", meinte er.

Das bedeutet, dass wir uns "neu bewaffnen, den Zusammenhalt stärken und uns in die Lage versetzen müssen, mit den Russen zu konkurrieren", mit dem Ziel, uns die Fähigkeit zu verschaffen, Russland zu schwächen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass wir "vielleicht eine Sicherheitsarchitektur" mit Russland wieder aufbauen müssen.
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