Europe still needs America (Meinung von AKK)
#16
Meiner Ansicht nach wird eine der wesentlichsten Fragen in dieser ganzen Diskussion ausgespart, nämlich die kulturelle Frage. Die gegenwertigen west- und mitteleuropäischen Kulturen sind in ihrer jetzigen Verfasstheit meiner Ansicht nach derart gestaltet, dass sie drei für die Kriegsführung sehr negative Entwicklungen befördern: Zum einen die immer weiter gehende de facto Ritualisierung der Kriegsführung (in Form eines Primat des Legalismus über die Notwendigkeit), zum anderen eine völlige Dividierung des Gros der Bevölkerung (einschließlich von Teilen des Militärs selbst) von ernsthafter organisierter Gewaltanwendung. Und Drittens eine zunehmende Übersozialisierung, durch welche die Werte welche propagiert werden in überhöhter, überspitzter Form von einer Mehrheit zunehmend real eingefordert werden.

Das kann man moralisch / ethisch gesehen nur gutheißen, da es zweifelsohne von dieser Warte aus gesehen richtig ist, aber ein Gros der Menschheit macht diese Entwicklung aktuell nicht mit. Wir gehen also einen Sonderweg, der meiner Überzeugung nach uns militärisch immer weiter gehend kriegsunfähig macht.

Ich möchte diese Aussagen nicht im Sinne Crefelds et al als einen Vorwurf von Schwäche, Feigheit, Weichlichkeit etc von den hier lebenden Menschen verstanden wissen. Die Gesellschaft und die Menschen die hier leben sind nicht schwächlich und feige, sie sind in zu großen Anteilen aus einem ganzen Faktorenbündel heraus unfähig zur Kriegsführung.

Nicht mal in einem Verteidigungskrieg würde eine Mehrheit der hier lebenden Menschen militärische Gewalt gegen die Angreifer anwenden !

Was hat das nun alles mit Amerika zu tun ?! Gerade deshalb benötigen wir leider Amerika, da wir selbst aufgrund unserer vorherrschenden sozialkulturellen Grundströmung nicht im Ansatz in der Lage sind ernsthaft Krieg zu führen ! Die Einwohner im Gebiet dieser Bundesrepublik haben nicht die dafür notwendigen kulturellen und sozialen Grundvoraussetzungen. Dazu tritt noch der zunehmende Verfall der Gesellschaft und ihrer Kohäsion an sich, die Multikulturelle Nicht-Gesellschaft welche sich stattdessen zur Zeit etabliert und vor allem der materialistische alle ideelen Werte ablehnende Hyperindividualismus. Das Weltnetz, die sogenannten sozialen Medien und die Netztelefone wirken dabei in dieser Fehlentwicklung (vom militärischen Standpunkt aus gesehen) noch als Brandbeschleuniger.

Die Inkompetenz, militärische Schwäche und Kriegsunfähigkeit in vielen westeuropäischen Streitkräften / Gesellschafften, zuvorderst in der Bundeswehr ist daher ein Symptom einer noch dahinter stehenden Ursache (sozialkulturelle Grundströmung). Es nützt daher nichts an den Symptomen herum zu doktern, eine europäische Armee aufzustellen, ja nicht einmal würde es nützen mehr Geld für das Militär auszugeben, solange die Kultur so bleibt wie sie ist und solange die kulturelle Evolution sogar noch weiter in diese Richtung geht.

Es nützt daher auch rein gar nichts auf die Zahlen von Systemen und Soldaten zu blicken. Die dahinter stehende Einstellung genügt nicht um damit siegreich zu sein. Gesellschaften die in dieser Art nicht mehr ernsthaft Krieg führen können, weil sie ihn nicht mehr ernsthaft führen können, werden auch von technologisch - wie zahlenmässig eigentlich unterlegenen Gegnern vernichtend geschlagen.

Diese völlige Hilflosigkeit gegenüber selbst den Schwächsten ist folgerichtig auch das was wir in dieser Bundesrepublik seit Jahren beobachten. Ohne Amerika hat (West) Europa militärisch gesehen daher keine Chance, nicht mal gegen drittklassige Gegner. Eine Chance läge in den Völkern Osteuropas, diese aber verachten die Westeuropäer und sind in Wahrheit nur deshalb in der EU um auf diese Weise Leistungen abzugreifen. Wenn es zur Nagelprobe kommt ist es sehr fraghaft, ob sie bereit wären auch tatsächlich etwas zu leisten. Die Zaungäste werden daher abseits stehen bleiben. Und warum sollten sie auch etwas anderes tun ? Kampfunfähigkeit ist nicht etwas was andere davon überzeugt sich einem anzuschließen.

Verbleibt die Frage wie lange die USA diese europäische Kriegsunfähigkeit noch mit ihren Streitkräften decken werden. Auch ein Biden wird hier nicht unbegrenzt weiter unsere Unfähigkeit zum Krieg auf Kosten Amerikas auffangen.
Zitieren
#17
@Quintus
Zitat:Ohne Amerika hat (West) Europa militärisch gesehen daher keine Chance, nicht mal gegen drittklassige Gegner. Eine Chance läge in den Völkern Osteuropas, diese aber verachten die Westeuropäer und sind in Wahrheit nur deshalb in der EU um auf diese Weise Leistungen abzugreifen. Wenn es zur Nagelprobe kommt ist es sehr fraghaft, ob sie bereit wären auch tatsächlich etwas zu leisten.
Jein. Westeuropa hat sicherlich mehr Potenzial als vielleicht auf den ersten Blickt vermutet. Es mag sicher so sein, dass die west- und mitteleuropäischen Gesellschaften sich derzeit teils in einer seltsamen Mischung aus Selbstzerfleischung, einem überbordenden und personifizierten Selfie-Individualismus, Populismus, Protest-Popkultur und Finanzstreitigkeiten verfangen und alles entnervend wirkt, aber dies ist auch nur deswegen möglich, weil die gegenwärtigen Krisen zwar sicherlich herausfordernd sind, aber keinesfalls die politischen und kulturellen Strukturen der Mitglieder selbst in den Grundfesten gefährden, sie somit also die relativ kleinlichen Streitigkeiten noch erlauben. Sollte sich jedoch eine (theoretische) Gefahr abzeichnen, die wirklich alles in Frage stellt, so werden sich die Europäer auch wieder zusammenraufen - notfalls auch mit dem Wissen, dass man den größten Wirtschaftsraum der Welt hinter sich hat (und einen Wirtschaftsraum, in dem die sich befindlichen Staaten ihre Identität und Souveränität noch bewahren können - im Gegensatz zu anderen Räumen). Europa war aber im Vorfeld schon immer zerstritten, auch in der Vergangenheit schon - egal ob ich nun in den Kalten Krieg blicke oder bis zu den Türkenkriegen zurückgehe -, hat sich aber in entscheidenden Situationen dann doch wieder zusammengefunden.

Was nun die osteuropäischen bzw. ostmitteleuropäischen Staaten angeht - es wird hier gerne auch auf Polen gezeigt -, so bin ich auch hier verhalten optimistisch. Zwar gehen einem manche Allüren auf den Keks, auch z. B. was Ungarn angeht, aber wenn das polnische Außenamt betont, man wünsche sich ein starkes Deutschland, so wirkt dies auf mich nicht so, als wenn man sich in Warschau vor einem starken Deutschland fürchtet, sondern dass man eher auf ein starkes Deutschland setzt. (Es müssen das nur noch die Deutschen auch richtig wollen.) Dass Polen zeitweise sich bis nach Washington orientiert hat - wobei man dort eher spröde empfangen wurde -, lag auch daran, dass man in Warschau nicht wusste, was Deutschland überhaupt im Sinn hat bzw. was die Deutschen eigentlich wollen. Eine Verachtung für Westeuropa war dies indessen nicht, eher eine Verunsicherung bzgl. des Westens und Bedenken hinsichtlich einer russischen Bedrohung (die in Polen - und auch in Ungarn - historisch bedingt sehr gewichtig ist). Insofern gehe ich in der Annahme, dass Polen und Deutschland bei einer gravierenden Bedrohung sehr schnell zusammenfinden werden.

Schneemann.
Zitieren


Gehe zu: