Auftragstaktik versus Befehlstaktik
#1
Auftragstaktik unterscheidet sich von Befehlstaktik im einfachsten Fall am Grad der Initiative.

• Auftragstaktik benötigt hochbefähigte Ausführende, und ist dann der Befehlstaktik grundsätzlich überlegen.
• Befehlstaktik ist bei zunehmender (oder gewollter, oder unterstellter) Unfähigkeit der Auftragstaktik überlegen.
• Mikromanagement im militärischen Bereich ist Befehlstaktik auf die Spitze getrieben.

Auftragstaktik weist auf hohen Ausbildungsstand hin.
Befehlstaktik weist auf niedriges Niveau hin, ob in der Führung oder im Ausbildungsstand.

Die Amerikaner hatten übrigens noch nie eine Auftragstaktik. Aber sie verwenden diesen (oder gleichbedeutenden) Begriff. Wenn die US Militärliteratur von Auftragstaktik spricht, meint sie damit vielmehr eine inkonsequente Befehlstaktik. Das stellt man sich am besten als Mischung vor, wie etwa 65:35 = 65% Befehlstaktik, 35% Auftragstaktik.

Das ist allerdings nicht wirklich ein Nachteil, wenn man sich darauf verlassen kann, niemals auf einen gleichwertigen Gegner zu stoßen.

Oder auf einen Gegner mit "militärischen Qualitäten":

General Stanley McChrystal, commander of the Joint Special Operations Task Force in Iraq, realized that the enemy’s agility was trumping his force’s advantage of numbers, equipment and training.
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#2
Ein ehemaliger Militärattache der deutschen Botschaft in Washington hat mir den Unterschied zu den Amerikanern mal so erklärt:
- Das amerikanische Heer ist extrem heterogen - im deutschen wurde lange extremen Wert auf Homogenität gelegt
- Die Amerikaner rotieren ihre Offiziere sehr schnell durch - Dienstverweildauer pro Posten 2-3 Jahre. In der Zeit haben sich Deutsche im traditionellen Modell mal eben so an den neuen Messekameraden gewöhnt
- Aufgrund der schnellen Rochade wird bei den Amis notwendigerweise nach Buch geführt, da gemeinsame Erfahrungen und Vertrauensbasis nicht sonderlich ausgebildet

Die Amerikaner verließen sich auf eine breitere Basis, Technik und Masse - in Deutschland sei eher noch das "militärische Genie" gefragt.

Grundsätzlich bin ich sehr für Auftragstaktik, zumal einem im Großkrieg (zusammengebrochene Kommunikation) auch nichts anderes übrig bleibt. Aber hey, im deutschen Heer versucht man inzwischen ja schon, jede Streife in Afghanistan von Potsdam aus per Kamera "fernzusteuern", also was weiß ich?
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#3
Es gibt einen Grund, warum die Kompanie im deutschen Sprachraum Einheit genannt wird. Das ist nämlich die letzte Befehlsebene nach oben, in der Einheit überhaupt möglich ist. Bis dahin ist es eine echte Entität. Darüber nicht mehr. Bis zur Kompanie kennt man seine Kameraden = Mitstreiter. Darüber, also Battalion oder Brigade etc. kennt man nur noch einige wenige (von der Messe, von Kursen, von Großübungen etc.).
Der Soldat kämpft ja nicht bloß "mit" seiner Einheit, sondern vielmehr "für" seine Einheit.
Für mich war der Zug mein Rudel und die Kompanie mein Klan.
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#4
(11.10.2020, 20:58)Pogu schrieb: ...

Bis zur Kompanie kennt man seine Kameraden = Mitstreiter. Darüber, also Battalion oder Brigade etc. kennt man nur noch einige wenige (von der Messe, von Kursen, von Großübungen etc.).

Der Soldat kämpft ja nicht bloß "mit" seiner Einheit, sondern vielmehr "für" seine Einheit.
Für mich war der Zug mein Rudel und die Kompanie mein Klan.
Exclamation

Das war geradezu poetisch. Cool
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#5
Zitat:Das war geradezu poetisch.
Reiner Grenadiergeist. Sleepy
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#6
Mit der eingangs erwähnten Konzentration auf die Amerikaner:

https://www.forum-sicherheitspolitik.org/showthread.php?tid=2246&highlight=Auftragstaktik

Und hier etwas zeitgenössischer:

https://www.youtube.com/watch?v=Zcoy6sm03Fc&feature=emb_title

Ungeachtet der üblichen Arroganz hierzulande speziell gegenüber den Amerikanern in Bezug auf dieses Feld möchte ich hier mal behaupten, dass hier und heute die US Streitkräfte eher Auftragstaktik betreiben als die Bundeswehr. Im Prinzip sind Befehlstaktik und ein Führungsstil gemäß der X-Theorie sehr ähnlich und entsprechend auch immer sich selbst erfüllende Annahmen welche zutreffen weil sie selbst die Zustände schaffen von denen sie ausgehen:

https://de.wikipedia.org/wiki/X-Y-Theori...orie_X.svg

https://de.wikipedia.org/wiki/X-Y-Theori...orie_Y.svg

Das um sich Greifen von X-Theorie artigen Führungsstilen findet man aber nicht nur seit Jahren vermehrt bei der Bundeswehr, sondern auch bei den Polizeien der Bundesrepublik, großen Unternehmen, Behörden aller Art usw

Meine These dazu ist, dass dies eine Folge zunehmend verunsicherter Eliten und einer immer ängstlicher und kulturell schwächer werdenden Bevölkerung ist deren Kohäsion sich auflöst - womit die Gesellschaft an sich anfängt zu erodieren. Das hat vielleicht zudem auch demographische Gründe (Altersverteilung), resultiert aus zu viel Luxus und zu wenig Herausforderungen und ganz allgemein aus einer alle ideellen Werte ablehnenden sozialkulturellen Grundströmung die überhand genommen hat aufgrund des hierzulande vorherrschenden Postliberalismus.

Der Hyperindividualismus und die Annahme die Idee eines Homo Ökonomicus sei etwas gutes tun das übrige.
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#7
@Quintus Fabius
Ich teile generell Dein "Weltbild".

Zitat:Mit der eingangs erwähnten Konzentration auf die Amerikaner:
https://www.forum-sicherheitspolitik.org/showthread.php?tid=2246&highlight=Auftragstaktik

Eben das hat mich veranlasst, Auftragstaktik vs Befehlstaktik als Thema neu einzustellen. Es besteht wenig Wissen über etwas so grundsätzliches und führt zu immer neuen "Versuchen" einer Interpretation.

Ich war sechs Jahre lang Panzergrenadier (Ö) und Auftragstaktik war ein Maß für Kompetenz.
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