Medienkritik: Meinungsbildung oder Stimmungsmache?
#1
Hallo,

die hier eröffnete Thematik stellte in gewisser Weise in früheren, anderen Threads (letztmals im Strang "Islamistischer Terrorismus") ein kleines Problem dar, da sich die Diskussionen über diese Angelegenheit auch so gestalteten, dass es entweder Fehlinterpretationen gab oder aber die betreffenden Threads in die Gefahr gerieten, ins Off-Topic abzudriften, was dann wiederum einen moderatorischen Hinweis diesbezüglich nach sich zog. Dies wiederum warf die Frage auf, ob bzw. inwieweit dieses Beenden des Diskurses gerechtfertig gewesen sei, auch hinsichtlich der Meinungsbildung oder aber auch im Kontext des Interesses an diesem Thema seitens der Mitglieder. Infolgedessen entwickelte sich der gemeinsame Nenner, hierüber einen eigenen Strang zu eröffnen und aufzubauen, einerseits um dem Interesse an dem Thema gerecht zu werden, andererseits um zu vermeiden, dass andere Threads ins Off-Topic abrutschen.

Die Titelwahl erfolgte meinerseits, wobei ich unter dem Dach "Medienkritik" zwei Standpunkte bzw. Sichtweisen in den Titel einbeziehen wollte. Der Begriff "Meinungsbildung" ist als positive Deutung zu sehen, die Begrifflichkeit der "Stimmungsmache" ist negativ konotiert, und soll so ausdrücken, dass es auch Situationen gibt, in denen man im Diskurs erörtern könnte, inwieweit eine solche vorliegt. Da im Kontext des zweiten Aspekts auch immer Vermutungen oder spekulative Elemente eine Rolle spielen können oder (gewollt oder ungewollt) mit einfließen, habe ich den Thread hier in den Spekulationenbereich gestellt.

Soviel zum Hintergrund.

Hinsichtlich des formalen Vorgehens: Ich bin mir darüber bewusst, dass eine Diskussion über ein solches Thema gewisse Gefahren mit sich bringt, unter anderem, weil auch schon in der Vergangenheit schnell der Vorwurf der Propaganda gegenseitig angebracht wurde. Infolgedessen möchte ich darauf hinweisen, dass sich dieser Thread als eine allgemeine Basis für dieses Thema versteht. D. h. ein alleiniges Konzentrieren des Stranges auf z. B. Nahost oder Meldungen über dortige Probleme, soll zwar ein, aber nicht der bestimmende Nonplusultra-Baustein dieses Threads sein oder werden. Zudem sei ein Verbeißen auf die Medien, die in autokratischen Staaten einer Zensur unterworfen sind, ebenso nicht alleine als das Zentrum des Kritikansatzes/Stranginhaltes zu deuten. Es gibt hierbei genügend andere Bsp., auch in der nichtzensierten Presse anderer Staaten, die man ebenso mit einbinden sowie kritisieren könnte und sollte. Ein Berücksichtigen des Sachverhaltes, ob es denn in einem Land eine staatliche Zensur gibt oder nicht, ist zwar gewichtig und definitv sinnvoll, soll aber indessen nicht dazu beitragen, eine nichtzensierte Presselandschaft deswegen im Umkehrschluss komplett von der Kritik oder dem Vorwurf des Manipulierens oder der Einseitigkeit auszuklammern.

Am Rande: Der Ansatz bezieht sich explizit auf nationale und internationale Medien oder Medienkonzerne und soll auf alle Staaten angewendet werden können. Abstand nehmen möchte ich indessen deutlich von Seiten von Privatpersonen, d. h. etwa Blogs, da diese (zumeist) nicht Teil von Medienunternehmen sind und nur Einzelmeinungen verkörpern.

Schneemann.
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#2
Moderative EDIT-Randbemerkung vorab zwecks Zuordnung: Es ging im Strang Israel ( viewtopic.php?f=42&t=4309 ) um die Problematik des Kritisierens eines PressTV-Artikels bzw. des Inhaltes und der Formulierungen in diesem. Um den Israel-Strang nicht mit einer evtl. ausufernden Off-Topic-Debatte zu entführen - wie Shahab3 korrekterweise anmerkte -, habe ich diese beiden Meldungen (eine von mir, eine von Shahab3), da es sich um eine Medienkritikangelegenheit handelte, hierher verschoben.

Folgend Beginn des 1. Beitrages:
___________________________________________
Zitat:Zwar würde es mich als verhinderter Mathematiker brennend interessieren, wie Du 20 > 26 herleitest.
Dies ist aus den sowohl von dir als auch von mir zitierten Agenturartikeln sehr deutlich herleitbar, übrigens für jeden, der die bisherigen Agenturartikel (Press TV & WAFA) gelesen hat.

@Off-Topic
Zitat:Aber, nöö Du. Wir müssen keine sinnfreien offtopic Diskussionen über den in den Medien vollkommen geläufigen "Regime"-Begriff führen

Erstere Satzformulierung ist eine reine und unsachliche Provokation, dies ist sicher unnötig (und in Zukunft auch vermeidbar!). Zum zweiten Satz indessen möchte ich jedoch anmerken, dass eine Diskussion über diesen Sachverhalt [hier: Medienartikel] m. Mn. n. durchaus eine Berechtigung hat, es sei denn, man möchte ihr gezielt aus irgendwelchen Gründen ausweichen. Ich tue dies sicher nicht und verweise an dieser Stelle auf mein Angebot, diese Thematik im genannten Spekulationenstrang (EDIT-Vornahme meinerseits, der vormalige Link verwies auf diesen Strang hier) weiter als Diskurs fortzuführen.

@Topic
Zitat:Wir sollten lieber sachlich beim Thema und Tagesgeschehen hier bleiben und von weiteren albernen Ablenkungsmanövern absehen.
Sehr gerne.
Zitat:Solche Nebenkriegsschauplätze lenken ja nur davon ab.

In Teilen, aber auch nicht direkt, sie [die "Nebenkriegsschauplätze" bzw. die Mediendebatte] werfen ein sehr deutliches Licht auf manche Probleme bzw. sie zeigen auf und können erklären, weswegen manche Probleme in Nahost erst derart überhaupt eskalieren und wie die Maschinerie der Meinungsmache dort teils funktioniert.
Zitat:Da wir im Prinzip schon bei diesem recht bekannten Rezept der Israel-Apologeten sind... [...]
Sagen wir so: Apologeten gibt und gab es auf allen Seiten, natürlich auch in Nahost, dies ist sicher ein korrekter Sachverhalt. Aber darum geht es hierbei eigentlich gar nicht wirklich. Im Gegenteil: Mit dem Einwurf zu den vermeintlichen Apologeten machst du ja nicht wirklich etwas besser, nein, du setzt dich hier gerade selbst recht deutlich ins Abseits, da du unterstellst, dass dem grundlegenden Kritikverhalten am genannten PressTV-Artikel eine mutmaßliche "Israel-Apologie" zugrunde liegen würde. Und genau das ist genau genommen unsachlich (was du ja selbst ein paar Zeilen zuvor beklagt hattest). Mit keinem Wort indessen gehst du aber auf die Sachverhaltlage in den Artikeln ein, die als Kritikvergleichsgrundlage zueinander stehen bzw. als eine solche herangezogen wurden. Das zeigt mutmaßlich, dass du entweder keine Lust dazu hast oder aber du den Kontext ignorierst. Schade...

PS: Das Diskursangebot (im betreffenden Strang, s. oben), wenn es ohne Polemiken und Provokationen geht, steht nachwievor.

EDIT/Anmerkung: Zeitliche Überschneidung. Ich habe Satzelemente von Shahab3 zitiert (erster Absatz), die er verändert hat, während ich schrieb. Deswegen bitte Bezugsrahmen neu ansetzen.

Schneemann.
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#3
Und wieder lenkst Du das Thema bewusst weg vom Threadthema. Gerade als Mod (sic) sollte man eine gewisse Schadensminderungspflicht anerkennen, wenn sich herausstellt, dass man für seinen thematischen Bogen keine Gesprächspartner findet. Das war unmisverständlich:

Schahab3 schrieb:Nöö Du. Wir müssen keine sinnfreien offtopic Diskussionen über den in den Medien vollkommen geläufigen "Regime"-Begriff führen. Solche Nebenkriegsschauplätze lenken nur vom eigentlichen Thema ab

Die Betitelung Deiner abermals ausführlichsten Antwort als "Offtopic" Diskurs macht das doch nicht besser. Ich möchte Dich bitten, nicht nur ellenlang darüber zu schreiben, sondern die threadfremde Diskussion dann auch endlich aus diesem Strang in den von Dir vorgeschlagenen anderen Thread zu verschieben. Ich gehe davon aus, dass Du Zugriff aus solche Funktionen hast. :roll: Danke!
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#4
Zitat:Gerade als Mod (sic) sollte man eine gewisse Schadensminderungspflicht anerkennen, wenn sich herausstellt, dass man für seinen thematischen Bogen keine Gesprächspartner findet. Das war unmisverständlich:
Das ist vollkommen korrekt. Nur sollte man dann auch nicht sich verleitet sehen, wenn es denn um die Kritik an einer Quelle [hier: PressTV-Artikel im Israel-Strang] geht (die in einem jeden Strang de facto als OT-Debatte angesehen werden kann und auch muss), sich im Grundsatz abzuwenden mit dem OT-Hinweis, dass da ja einfach OT sei, vor allem wenn man mutmaßlich weiß, dass es alternative Diskussionsorte im Forum gibt. Wenn man diese aber zugleich ebenso ausblendet, ablehnt oder nicht zu nutzen bereit ist - was du getan hattest -, so wirkt dies so, als wenn zwar genau bekannt ist, weswegen die Kritik erfolgte, man aber eben nicht darauf einzugehen bereit ist. Glaubwürdiger jedoch macht dies die kritisierte Quelle indessen sicher nicht.
Zitat:Die Betitelung Deiner abermals ausführlichsten Antwort als "Offtopic" Diskurs macht das doch nicht besser. [...] Ich möchte Dich bitten, nicht nur ellenlang darüber zu schreiben, sondern die threadfremde Diskussion dann auch endlich aus diesem Strang in den von Dir vorgeschlagenen anderen Thread zu verschieben.
Es waren grob 35% meines Beitrages als OT-Element gekennzeichnet, der Rest bezog sich doch recht eindeutig auf den Kontext im (vormaligen) Strang. Da aber im Grundsatz auch 35% OT-Elemente in einem Strang nicht vorhanden sein sollten (mein Fehler), so kann man die Punkte hinsichtlich der Kritikelemente bezüglich des PressTV-Artikels ja nun hier sehr gerne genauer unter die Lupe nehmen. Ich bin gerne zum Diskurs bereit.

Schneemann.
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#5
Ich möchte hier mal ein Stück weitergehen und, nachdem ich Shahab3 wegen eines einseitigen PressTV-Artikels kritisiert habe, nun im Gegenzug und fairerweise mal mir ein deutsches Nachrichtenportal - SpON, welches ich durchaus gerne selbst mal nutze - vorknöpfen und anhand von diesem auf eine einseitige und falsche Darstellung eingehen.

Zum Artikel, der mir störend auffiel...
Zitat:Neues Marine-Manöver: Iran schickt Kriegsschiffe in den Atlantik

Es soll eine Machtdemonstration sein: Teheran hat nach Angaben des Staatsfernsehens zwei Kriegsschiffe in den Atlantischen Ozean entsandt. Es ist der erste Einsatz dieser Art in der Geschichte der Islamischen Republik - das genaue Ziel hält das Regime aber geheim.

Teheran - Drei Monate sollen die beiden iranischen Kriegsschiffe unterwegs sein: Das Regime in Teheran hat den Zerstörer "Sabalan" und den Hubschrauber-Träger "Khark" in den Atlantischen Ozean geschickt, meldete das Staatsfernsehen am Dienstag. Es ist das erste Mal, dass die Islamische Republik solch ein Manöver startet.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/i ... 44648.html

Ich bin sicher kein Freund des Systems in Iran, aber hinsichtlich Objektivität muss man diesen Artikel einfach auseinander nehmen und als einseitig brandmarken. Ob es nun an der Unwissenheit des Verfassers des Artikels liegt oder nicht, macht hierbei nicht wirklich etwas besser, SpOn muss sich hier doch deutlich Kritik anhören ob einer unnötig überspitzten und schlicht im Detail falschen Darstellung. zumindest sehe ich es so. Was sich so liest, als ob der Iran bald eine Invasion der walisischen Küste oder der Azoren ins Auge fassen würde, ist nichts weiter als eine Repräsentations- und Manöverfahrt, so wie es jede andere Marine auf diesem Planeten auch macht. Zudem wird bei der Art der beteiligten Schiffe massiv, evtl. gezielt, übertrieben: Die Sabalan ist kein Zerstörer, sondern eine 40 Jahre alte 1.300-ts-Fregatte mit einigen wenigen Seezielflugkörpern und obsoleten Rohrwaffen. Es wird aber noch besser: Hubschrauberträger Kharg... Confusedhock:

Wow?! Nur am Rande: Die Kharg ist zwar m. W. n. das größte Schiff der iranischen Marine, ist aber kein "Helikopterträger", sondern ein ebenfalls knapp 40 Jahre alter, ehedem in England gebauter Flottenöltanker (kurz: also ein reiner Versorger, der einige Fla-Rohrwaffen zum Nahschutz führt), dessen drei Schwesterschiffe übrigens schon lange außer Dienst gestellt wurden. Es ist indessen nur logisch, dass ein Kriegsschiff von einem Versorger bei einem so umfangreichen Exkurs begleitet wird. Der Spiegel scheint allerdings dies zu nutzen, hier ein unnötiges Drohszenario zu konstruieren und den Kontext zu übertreiben. Ob absichtlich oder nicht, sei, wie gesagt, dahingestellt. Hinsichtlich des Inhaltes müsste man diesem Artikel auf einer Skala von 1 bis 6 indessen jedoch eine 5- geben.

Schneemann.
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#6
Ein Wort ist in einem Text/Diskurs die niedrigste Ebene der Semantik. Man kann sich über ein Wort ärgern. Auch dazu taugt ein einzelnes Wort ganz vorzüglich. Mir fehlt das Verständnis, riesige Aufsätze darüber zu verfassen. Über ein Wort. Viel interessanter ist, was der Autor des Textes seinem Leser sagen wollte oder zumindest eine Ebene tiefer, was der Text aussagt. Einen Vorwand, sich der Lektüre eines Textes oder der Teilnahme an einem Diskurs zu entziehen, findet man immer.
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#7
Zitat:Ein Wort ist in einem Text/Diskurs die niedrigste Ebene der Semantik. Man kann sich über ein Wort ärgern. Auch dazu taugt ein einzelnes Wort ganz vorzüglich. Mir fehlt das Verständnis, riesige Aufsätze darüber zu verfassen.
Nachvollziehbar, aber nicht mein Standpunkt. Zudem geht es wohl kaum über riesige Aufsätze, sondern gerade mal über ein Handvoll Zeilen der Kritikbereitschaft. Und die sind, egal worauf man sie bezieht, manchmal durchaus angebracht.
Zitat:Viel interessanter ist, was der Autor des Textes seinem Leser sagen wollte oder zumindest eine Ebene tiefer, was der Text aussagt. Einen Vorwand, sich der Lektüre eines Textes oder der Teilnahme an einem Diskurs zu entziehen, findet man immer.
Das solltest du genauer anhand von Bsp. definieren. Ich habe überlegt, wie man diese beiden Sätze deuten soll bzw. was als Ansatz zur Deutung gemeint war und auf was du sie beziehst. Da ich mir nicht sicher war, frage ich mal nach...

Schneemann.
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#8
Zitat:Nachvollziehbar, aber nicht mein Standpunkt. Zudem geht es wohl kaum über riesige Aufsätze, sondern gerade mal über ein Handvoll Zeilen der Kritikbereitschaft. Und die sind, egal worauf man sie bezieht, manchmal durchaus angebracht.
...
Das solltest du genauer anhand von Bsp. definieren. Ich habe überlegt, wie man diese beiden Sätze deuten soll bzw. was als Ansatz zur Deutung gemeint war und auf was du sie beziehst. Da ich mir nicht sicher war, frage ich mal nach...

Ich wollte damit sagen, dass die Auswahl einer einzelnen Bezeichnung einen Hinweis auf den (fachlichen, politischen, ..) Hintergrund des Autors zulässt, aber es doch letztlich wesentlich spannender ist, was der Text insgesamt aussagt und was der Autor als Sender damit bezwecken will.

Mich hatte irritiert, dass Du Dein Urteil über Inhalt und Intention augenscheinlich -zumindest argumentativ- vorrangig über die Wortwahl argumentierst. Das ist nachvollziehbar, steckt mich auch oft an, aber ist argumentativ nunmal recht dünn/unbelastbar.
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#9
Ich habe im Moment den Eindruck, dass unsere Medien sich angesichts der Krise in der Ukraine erstaunlich zurückhalten. Anders als z.B. im Georgienkrieg bemüht man sich um Sachlichkeit in Bezug auf Russland.
Offenbar ist die Lage also wirklich ernst ...
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#10
Mitleser schrieb:Ich habe im Moment den Eindruck, dass unsere Medien sich angesichts der Krise in der Ukraine erstaunlich zurückhalten. Anders als z.B. im Georgienkrieg bemüht man sich um Sachlichkeit in Bezug auf Russland.
Offenbar ist die Lage also wirklich ernst ...

Nachdem man sich vorher frohlockend über Russland bei den olympischen Spielen ausgelassen hatte. Der Sport rückte für ein paar Tage in ganz weite Ferne.
Ich erinnere mal an das Beklagen von Sportjournalisten, die sich über die Zustände ihrer Unterkunft beklagt haben um zu zeigen, dass Russland doch wohl nicht so toll sei, wie es immer behauptet.
Blöd nur, dass es erbärmlich ist, zumindest auf diese Art und Weise, die "Armut" eines Volkes in den Focus zu rücken. Denn so hausen viele Russen nun mal. Die meisten sogar in schlimmeren Verhältnissen. Sind halt keine westlichen Standards.

Hätte man nicht schon vorher bei den olympischen Spielen intensiv über Russland seine Meinung breitgetreten, wäre sicherlich auch bei den Ereignissen in der Ukraine mehr anti-russische Berichterstattung durch die Medien betrieben worden.

Ich finde solch eine Berichterstattung sehr bedenklich. Vorallem bei den olympischen Spielen. Ist nicht Teil dieser, Gräben und Differenzen zwischen Völkern und Kulturen abzubauen? Stattdessen hat man noch mal ordentlich von oben draufgehauen.

Ich bin sicherlich kein Fan von Putin. Ich will nichts klein reden. Aber förderlich und diplomatisch war das Verhalten der westlichen Medien sicher nicht.

Aufgrund der Ernsthaftigkeit der Berichterstattung auf das Eskalationspotential des Konfliktes zu schließen halte ich für falsch.
Ich kann mir gut vorstellen, dass bei guter Gelegenheit man sicherlich wieder seinen Unmut in den Medien gegen die russische Führung breittreten wird.
Was ja auch ihr gutes Recht ist.
Ob ein objektiver und fairer Dialog nicht die bessere Wahl wäre? So schafft man nur Gräben und verhärtete Fronten und das auch in der Bevölkerung, da es wirklich viele Menschen gibt, die den Inhalt in den Medien für bare Münze nehmen.
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#11
Aus aktuellem Anlaß (hier: viewtopic.php?f=42&t=4309&start=2355) habe ich mir gedacht, diesen Strang hier wieder zu aktivieren - auch um andere Threads zu entlasten -, bedingt doch derzeit der aktuelle Konflikt um Gaza (und übrigens auch die Ukraine-Krise) in erheblichem Maße, dass wieder einmal ein erbitterter propagandistischer Krieg im Internet, auch z. B. in einschlägigen sozialen Netzwerken, Foren und in den Kommentarleisten der Agenturen, ausgefochten wird und man beim Diskutieren - auch teilweise leider bei uns im Forum - recht vorschnell mit dem Vorwurf der "Propaganda" für oder gegen eine Partei konfrontiert wird.

In diesem Zusammenhang möchte ich nachfolgend auf Gaza und die Lage dort eingehen und verschiedene Artikel-Bsp. zusammentragen, welche skizzieren sollen, inwieweit sich hierbei Partei X oder Y zumindest "hinterfragenswert" gebärdet. Ein Anspruch auf Vollständigkeit von allen Aspekten oder eine allgemein bzw. übergeordnet gültige Kritikbefähigung kann man daraus natürlich nicht ableiten - es sollen eher frei in den Raum gelegte Denk- und Diskussionsanstöße sein.

1.) Hierzu (vom 29. Juli) ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung (einem Medium des liberaleren bzw. Mitte-Links-Spektrums), der sich kritisch mit der palästinensischen Propaganda auseinandersetzt:
Zitat:Propaganda im Krieg

Glauben Sie das?

Verbotene Nationalfarben in Russland, geschminkte Wunden in Nahost - noch nie war das Verbreiten von Propagandalügen so einfach. Selbst vor Fälschungen von Fälschungen schrecken die Kriegsparteien nicht zurück. [...] "So führt Israel die Menschen in die Irre" steht auf einem Bild, das zuletzt häufig im Netz verbreitet wurde. Man findet es auf Twitter, wo es zum Beispiel vom Nutzer @shazeensamad verbreitet wird, dessen Botschaften immerhin 101 000 Menschen erreichen; viele von ihnen goutieren den antisemitischen Dreck, den er durchs Netz schickt. Das Bild poppt aber auch in Facebook-Timelines auf, es rast durch die sozialen Medien. [...] Es entsteht der Eindruck, Israel bemale gesunde Zivilisten und Soldatinnen mit herbeigeschminkten Wunden, um die eigenen Verluste im jüngsten Konflikt zu überhöhen. [...]

Im Nahostkonflikt wiederum haben gefälschte Bilder Tradition, sie sind jedoch traditionell ein Mittel der palästinensischen Seite. Auch in der jüngsten Eskalation kamen wieder gefälschte Bilder in Umlauf, die angebliche Opfer in Gaza zeigen sollten, tatsächlich aber furchtbare Aufnahmen aus Syrien zeigten. [...] Mit den gefälschten Schmink-Bildern erreicht der Propagandakrieg jetzt einen neuen Höhepunkt: Bislang stellten die PR-Abteilungen der Hamas angebliche Wunden der eigenen Bevölkerung zur Schau, jetzt zeigen sie das angebliche Bilderfälschen des Gegners, es handelt sich also um eine Fälschung von Fälschungen. Israel wird so exakt jener Methode beschuldigt, deren man sich selber bedient.
http://www.sueddeutsche.de/kultur/propa ... -1.2066809

2.) Ein Beitrag, der recht gemischt und auf beide Parteien bezogen argumentiert und darauf hinweist, dass beide Parteien ihre Vorzüge in der "Videopropaganda" sehen würden (von N24, also einer eher konservativen Quelle, die zum Springerkonzern gehört):
Zitat:Krieg der Bilder

Propaganda-Videos im Gazakonflikt [...]

Dank Helmkamera ist der Zuschauer ganz nah dran: Schwer bewaffnete Hamas-Kämpfer klettern keuchend aus einem Tunnel, pirschen sich an einen israelischen Kontrollposten nahe der Grenze zum Gazastreifen heran - und eröffnen mit ihren Maschinengewehren das Feuer.

Dieses Video hat al-Aksa-TV, der Fernsehsender der Hamas, veröffentlicht. Die Aufnahmen stammen offenbar aus der Nähe des Kibbuz Nahal Os. [...] Das israelische Militär hat bestätigt, dass am Montag in Nahal Oz vier israelische Soldaten bei einem Angriff getötet wurden. Dennoch ist der Wahrheitsgehalt solcher Videos nur schwer überprüfbar. Doch für die Hamas ist der Clip ein Propagandaerfolg. Das Video verbreitete sich rasend schnell in den sozialen Netzwerken, al-Aksa-TV wiederholt den Film immer wieder.

Auch das israelische Militär hat in den vergangenen Tagen immer wieder solche Bilder zu Propagandazwecken genutzt. Am Dienstag veröffentlichte es ein Video, das die Zerstörung eines der Hamas-Tunnel zeigen soll. [...] Israel wie auch die Hamas wollen mit möglichst drastischen Bildern überzeugen.

http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Polit ... +N24.de%29

3.) Ein kritischer Beitrag zur israelischen Propaganda bzw. zur Argumentation israelischer Offizieller (vom eher linksliberalen britischen "Independent"):
Zitat:Israel's propaganda machine is finally starting to misfire

Israel's 'dream of Israeli and Palestinian children playing together' is somewhat hypocritcal when you look at the 230 children killed in Gaza. [...]

To many readers the New York Times coverage of the war in Gaza comes across as neutered or as having a pro-Israeli bias. But not to Ron Dermer, the Israeli ambassador in Washington, who lambasts the paper for failing “to mention that a million Israelis were in bomb shelters yesterday as 100 rockets were fired at our civilian population.” Mr Dermer is considered so close to Israeli Prime Minister Benjamin Netanyahu that he has been called “Bibi’s brain”. He is also a former student and employee of Frank Luntz, the Republican strategist who produced a confidential booklet in 2009, promptly leaked, advising Israeli spokesmen how best to manipulate American and European public opinion. [...] Israeli spokesmen are now denying their responsibility for the most notorious and televised atrocities such as the strike on the UN hospital last week. This is an old PR tactic, though not one recommended by Dr Luntz, which is sometime referred to as “first you say no story, then you say old story”.
http://www.independent.co.uk/voices/com ... 36417.html

4.) Im Gegenzug eine Kritik an den Opferzahlen, die die Hamas in Umlauf bringt (vom eher liberaleren bis gemäßigt konservativen "Time"-Magazin):
Zitat:How Hamas Wields Gaza’s Casualties as Propaganda

The terrorist group casts Israel’s military as indiscriminate and civilian deaths as disproportionate, but Hamas-affiliated fatality figures should be viewed with suspicion. An informational battle of competing messages directed at international audiences parallels the military fighting between Israel and Hamas. Accompanying a barrage of wrenching images are Palestinian fatality statistics alleging disproportionate numbers of non-combatants. These figures are crucial because they form the basis of accusations that Israel uses excessive and indiscriminate force. [...] In doing so, it hopes to turn public opinion against the Jewish state, as well as bolster its own standing at the expense of the Fatah-led Palestinian National Authority in the West Bank. [...]

Analyses of the casualties listed in the daily reports published by the Palestinian Center for Human Rights, a Gaza-based organization operating under Hamas rule, indicate that young males ages 17 to 30 make up a large portion of the fatalities, and a particularly noticeable spike occurs between males ages 21 to 27, a pattern consistent with the age distribution typically found among combatants and military conscripts. Palestinian sources attempt to conceal this discrepancy with their public message by labeling most of these young men as civilians. [...]
http://time.com/3035937/gaza-israel-ham ... asualties/

Schneemann.
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#12
Das Problem ist weniger die Ausgewogenheit einer Berichterstattung, die beiden Seiten gleich viel "Raum" einräumt, sondern die Objektivität. Dazu ist es erforderlich, die Medien zu beobachten und zu analysieren.
Die "Wochenschau" in der Nazizeit hat sich z.B. verbale Entgleisungen erspart, und sich mit den Kameraeinblendungen aus dem Kriegsgeschehen den Anschein von Objektivität gegeben. Die aufständischen im "Warschauer Aufstand" wurden so auch als "Aufständische" bezeichnet. Lediglich die musikalische Untermalung und die ständige Wiederholung der Siegesmeldungen (wir siegen uns zu Tode) hat nach dem Desaster von Stalingrad zur Erkenntnis geführt, dass es sich hier um reinste Propaganda handelt.
Heutige Medien geben sich vielfach nicht einmal den Anschein der Objektivität, in dem "Aufständische" je nach dem eigenen Standort als "Freiheitskämpfer" oder "Terroristen" bezeichnet werden. Die ständige Wiederholung dieser Begrifflichkeiten setzt sich dann unterbewusst fest. Insofern ist es wichtig, die Meldungen auf ihren objektiven Kern, den eigentlichen Sachverhalt der Meldung, zu reduzieren und bewertende Bezeichnungen auszublenden.
Das führt dann ggf. zu einer anderen Einschätzung des Geschehens als im "Mainstream".
Dazu auch http://www.tagesschau.de/ausland/nahost ... t-100.html
Zitat: Der Nahostkonflikt im Internet

Wenn im Netz die Wahrheit stirbt


Stand: 02.08.2014 01:50 Uhr

Auch im Internet kämpfen Palästinenser und Israelis: um die Meinungshoheit. Beide Seiten zeigen unterschiedliche Fotos von den gleichen Situationen - natürlich nur aus dem Blickwinkel, der die eigene Meinung untermauert. Wo die Wahrheit liegt, muss jeder für sich selbst entscheiden.
...
(Video) - bezeichnend, das so was im nachtmagazin um 00:55 Uhr gesendet wird
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#13
Zitat:Das Problem ist weniger die Ausgewogenheit einer Berichterstattung, die beiden Seiten gleich viel "Raum" einräumt, sondern die Objektivität. Dazu ist es erforderlich, die Medien zu beobachten und zu analysieren.
Das ist sicherlich richtig, wobei allerdings die Frage dann bleiben würde, inwieweit man selbst (subjektiv gesehen) eine Analyse bewusst oder unbewusst zugunsten oder gegen eine Fraktion X vornimmt. Es bleibt einem ja selbst immer vorbehalten, welche Nachrichten man glaubt, liest oder postet. Zugleich kann man sich immer selbst entscheiden, was man als "Begleittext" einer Nachricht mitgibt - ich kann positive News zu einer Fraktion X posten, zugleich aber in einigen Sätzen genau den Inhalt wiederum abtun als Irrtum. D. h. also es ist nicht nur eine Analyse der Meldung an sich oder des Standpunktes der meldenden Agentur sinnvoll, sondern auch man muss sich auch selbst manchmal analysieren und die eigene Auffassung hinterfragen bezüglich Objektivität. Und genau darauf kommt es ja in einem Forum auch an - denn wenn wir nur "Meldungen" sammeln, bleibt die Diskussion ja auch auf der Strecke.
Zitat:Die "Wochenschau" in der Nazizeit hat sich z.B. verbale Entgleisungen erspart, und sich mit den Kameraeinblendungen aus dem Kriegsgeschehen den Anschein von Objektivität gegeben. [...] Die ständige Wiederholung dieser Begrifflichkeiten setzt sich dann unterbewusst fest.

Genau dieses hat ja, um den NS-Vergleich kurz aufzugreifen, Goebbels in seiner Vorgehensweise maßgebend verlangt: Etwas - auch wenn es noch so falsch ist - immer und immer wieder und auf einfachste Art zu wiederholen, bis es letztlich der "größte Idiot im hinterletzten Winkel des Reiches" auch glaubt.
Zitat:Heutige Medien geben sich vielfach nicht einmal den Anschein der Objektivität, in dem "Aufständische" je nach dem eigenen Standort als "Freiheitskämpfer" oder "Terroristen" bezeichnet werden.
Das sehe ich bei unseren Medien zumindest so eigentlich nicht. Ich sehe das Problem eher ein wenig bei den Gegnern dieses Standpunktes. Egal ob nun - Achtung, ich schlage nun einen sehr weiten, kritikwürdigen Bogen - RAF (Linksterrorismus), NSU (Rechtsterrorismus), Tschetschenen, ISIS (Irak), Leuchtender Pfad (Peru), Hamas und Co. (Palästina), Hisbollah, FIS (Algerien), IRA, Boko Haram, MEK (in Iran), ETA (Baskenland), al Qaida usw. im Zentrum der Berichterstattung stehen, so werden diese Gruppen fast immer auch als "Terrororganisationen" in den Medien bezeichnet. Indessen eine Umdeutung von manchen dieser Gruppen in "Rebellen" und "Freiheitskämpfer" findet fast immer a) entweder durch Sympathisanten von Gruppe X oder b) durch nichtfreie bzw. zumindest kontrollierte Staatsmedien im (evtl. betroffenen) Land X statt, aber nicht in der breiten Medienlandschaft z. B. bei uns.

Zumindest wurden und werden alle diese Gruppierungen auch als Terroristen durch unsere Medien bezeichnet (was sie auch sind), eine Verklärung oder Umdeutung findet indessen meist nicht statt, auch wenn dies oftmals behauptet wird von gerade denjenigen, die eine Umdeutung selbst nach eigenem Gusto vorgenommen hatten, wenn es denn dem eigenen Standpunkt entgegen gekommen war, d. h. also dass die "Terroristenmasche" gerade eben nicht von den kritisierten Medien geritten wird, sondern von den Kreisen, die eben dies vermuten.

Schneemann.
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#14
Zitat:... eine Umdeutung von manchen dieser Gruppen in "Rebellen" und "Freiheitskämpfer" findet fast immer
a) entweder durch Sympathisanten von Gruppe X oder
b) durch nichtfreie bzw. zumindest kontrollierte Staatsmedien im (evtl. betroffenen) Land X statt,
aber nicht in der breiten Medienlandschaft z. B. bei uns.
in der Tat, die "Umdeutung" findet in unseren Medien nicht auf einen Schlag - von heute auf morgen statt.
Ich bin da etwas aus dem Vietnam-Krieg "vorbelastet". Der Vietcong wurde in unseren Medien während des Krieges und auch lange danach als "Terroristen-Gruppe" dargestellt:
1967: http://pdf.usaid.gov/pdf_docs/PNADX657.pdf
1970: http://www.faculty.virginia.edu/jnmoore ... gstrat.pdf
2006: http://www.quikmaneuvers.com/vietnam_terror.html
und in englisch-sprachigen Medien heute noch: http://en.wikipedia.org/wiki/Viet_Cong.

Damals hat es in meinem Erleben angefangen, den Gegner offiziell als Terroristen zu verunglimpfen - eine Sprachregelung, die seitens der Medien aufgegriffen wurde - und den eigenen Terror geflissentlich zu übersehen. Lediglich die Studenten (Ausserparlamentarische Opposition - APO) und ähnliche Gruppierungen haben den Blick auf diese "unschönen Dinge" geöffnet.

Tatsächlich bezweifelt heute in Europa kaum noch jemand, dass der Vietnam-Krieg auch als "Befreiungskrieg" angelegt war, in Folge der Fremdherrschaft durch Frankreich, Japan (WW II), Frankreich und dann durch ein korruptes Militärregime im Süden, das mit Hilfe der USA gestützt wurde.

Und auch in der eigenen Wahrnehmung werden die vietnamesischen Widerstandskämpfer eher zu Freiheits- und Unabhängigkeitsrebellen als zu Terroristen.
Das unterscheidet den Vietcong von den "Roten Khmer", deren Terrorregime - zurecht - als solches bezeichnet wird.

Und seit mir diese Dinge klar geworden sind, versuche ich, die in den Medien verwendeten Begrifflichkeiten gezielt zu hinterfragen.
Was unterscheidet Freiheitskämpfer von Terroristen?
Ich denke, am Unterschied zwischen Vietcong und "Roten Khmer" lässt sich das bestens erklären.
Eine "Terrororganisation" richtet sich gegen das eigene Volk - siehe "Rote Khmer", siehe Faschismus (die Nazi-Diktatur in Deutschland mit ihren Auswüchsen war auch gegen das eigene Volk gerichtet, seien es Juden oder Gewerkschafter gewesen), siehe Stalins Terror ....

Was dagegen vielfach als "Terrorismus" bezeichnet wird, richtet sich gegen den von QF gerne als "Feind" bezeichneten Dritten, also gegen die Franzosen (in Algerien und Vietnam), gegen die USA (in Vietnam oder Irak), gegen Israel (in Palästina) ... und ist wohl eher Ausdruck eines asymetrischen Krieges, und der damit verbundenen Beschränkung der Kampfweise.
Was natürlich auch einschließt, dass dann etwa der Kampf Israels gegen Araber oder Palästina nicht als Terror bezeichnet werden dürfte - oder dass beides gleichermaßen als Terror bezeichnet werden müsste, insbesondere dort, wo es sich gegen die Zivilbevölkerung und nicht gegen Kombattanten richtet.
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#15
Zitat:in der Tat, die "Umdeutung" findet in unseren Medien nicht auf einen Schlag - von heute auf morgen statt.
Ich bin da etwas aus dem Vietnam-Krieg "vorbelastet". Der Vietcong wurde in unseren Medien während des Krieges und auch lange danach als "Terroristen-Gruppe" dargestellt: [...] Und auch in der eigenen Wahrnehmung werden die vietnamesischen Widerstandskämpfer eher zu Freiheits- und Unabhängigkeitsrebellen als zu Terroristen.
Das kann ich nachvollziehen bzw. ich glaube zu verstehen, was du meinst. Indessen könnte man ja nun fragen, a) wer denn die/den Vietcong als "Terroristenorganisation" angesehen hat bzw. b) wer ihn/sie nicht als solche bzw. als "Freiheitskämpfer" angesehen hat? Man wird dann schnell erkennen, dass dies bei a) entweder die ehemalige Kolonialmacht (Frankreich) - obgleich hier eher noch der Begriff "Vietminh" geläufig war (der "Vietcong" bzw. die NLF entstand ja erst in den 1960ern, also nach dem französischen Indochina-Krieg) - oder der ideologische Gegner in der Zeit des Kalten Krieges bzw. im späteren Vietnamkrieg war (d. h. hier dies dann durch die USA mit Dominotheorie und Co. erfolgte). Indessen wurde die Begrifflichkeit unter b) eher von den linken Anti-Kriegs- und Gesellschaftsprotestbewegungen in den USA und Westeuropa in den späten 1960ern benutzt, wobei man sich u. a. in Deutschland nicht zu schade war, Ho Chi Minh zu idealisieren, obgleich dieser sicher kein Demokrat war.

Interessant bzw. kritisch wird es doch aber dann, wenn man sich nur und alleine für eine Bezeichnung entscheidet (d. h. entweder "Rebell" oder "Terrorist"), da die Vietcong vor allem als zwar nationale, aber auch kommunistische Bewegung sich definierten, die den Süden des Landes unterwanderten und "befreien" wollten (egal ob der Süden dies nun wollte oder nicht), indessen aber auch vor Verbrechen nicht zurückschreckten. Durch den Aspekt, dass man den Süden befreien wollte, kann man also den Begriff "Freiheitskämpfer" wohl nutzen. Aber was wird aus dem "Freiheitskämpfer", wenn dieser - so wie in Hue (1968) und Dak Son (1967) geschehen - tausende von Zivilisten bestialisch ermordet? Wenn dieser unbewaffnete Frauen, Kinder und Alte massakriert und diese in Massengräbern verscharrt? Wenn dieser nicht genehme Bergvölker (Hmong etwa) oder unliebsame, d. h. "kommunismuskritische" Sekten (z. B. Cao Dai) inhaftiert, vertreibt, foltert oder niedermetzelt? Es dürfte dann schwer werden, nur mehr alleine von einem "Freiheitskampf" zu reden. Das sind übrigens Themenbereiche, die von APO und Co. geflissentlich ausgeblendet wurden, weil es nicht ins Bild passte, weil ja alleine die USA der Bösewicht zu sein hatten...
Zitat:Was dagegen vielfach als "Terrorismus" bezeichnet wird, richtet sich gegen den von QF gerne als "Feind" bezeichneten Dritten, also gegen die Franzosen (in Algerien und Vietnam), gegen die USA (in Vietnam oder Irak), gegen Israel (in Palästina) ... und ist wohl eher Ausdruck eines asymetrischen Krieges, und der damit verbundenen Beschränkung der Kampfweise.
Hier müsste man aber etwas unterscheiden. Zudem kann man auch mit beschränkter Kampfesweise bzw. -möglichkeit sich so verhalten, dass man nicht zum Terroristen mutiert.

Weil: Gegen wen richtete sich denn welche Aktion innerhalb der genannten Beispiele? In Vietnam - noch das beste Bsp. - haben die Nordvietnamesen i. d. T. großteils in einem asymmetrischen Krieg geschickt und tapfer gegen Soldaten (Franzosen, Amerikaner, Südvietnamesen) gekämpft, was sie aber nicht davon abhielt, teilweise ebenfalls unliebsame Zivilisten umzubringen oder Bomben in Saigon zu zünden, die ebenso viele GIs wie unbeteiligte Vietnamesen zerfetzten. Diese Aspekte, ohne die US-Intervention schön reden zu wollen, wiederum kann man auch nicht nur als "Befreiungskampf" einstufen.

Indessen in Algerien etwa haben sich die Aufständischen von Beginn an z. B. zu teils barbarischen Mordaktionen gegen französische Zivilisten, Bauern oder arabische Sympathisanten der Franzosen etc. hinreißen lassen, was dann von den Franzosen nicht weniger brutal mit Mord und Folter gerächt wurde. In Bistros in Algier wurden recht wahllos Bomben verteilt, die sowohl Franzosen als auch Algerier trafen.

In Israel bspw. haben palästinensische Gruppen über Jahrzehnte hinweg sehr wahllos Busse, Haltestellen, Schulen oder Cafés angegriffen und Alte, Frauen und Kinder getötet. Gezielt übrigens, nicht aus Versehen. Das ist kein Befreiungskampf gegen eine Besatzungsmacht im Stile von Resistance und Co. mehr, sondern der Versuch, möglichst viel Angst und Terror alleine unter der Zivilbevölkerung des "Feindes" zu verbreiten.

In Irak hat man bzw. haben manche auch gegen die US Army gekämpft. Sicherlich. Nur: Das bei diesem Kampf ca. 85% der Opfer bei Angriffen oder Anschlägen eigene Zivilisten waren, die eigentlich gar nichts für konnten, nahm man geflissentlich in Kauf. Oder besser gefragt: Was schadet es der US Army, wenn ich an einer Trinkwasserausgabestelle 60 anstehende Menschen mit einer Autobombe in die Luft sprenge und eine zweite Bombe bereit halte, um die eintreffende Feuerwehr wegzubomben? Ist das noch Befreiungskampf?

Man sieht doch also, wie schnell die Luft mit den Begriffswahlen dünn wird...

Schneemann.
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