Zukunft (Groß-) Syriens
#16
Tiger schrieb:Wie wird der Bürgerkrieg in Syrien ausgehen. Vier Szenarien von der RAND:
http://www.rand.org/content/dam/rand/pu ... _PE129.pdf
Ich halte hierbei die Szenarien 1 und 4 für relastisch, mit gewissen Einflüssen von Szenario 2.
Fest steht jedenfalls, das in Syrien sehr viel wieder neu aufgebaut werden muss. Die Zerstörungen an der Infrastruktur sind bereits jetzt beträchtlich. Ebenfalls schwer sind die Verluste an Humankapital, Stichwort Flüchtlinge und imho ein daraus resultierender Brain-Drain.
Das Regime von Assad wird nicht mehr in der Lage sein, ohne weiteres die Kontrolle über ganz Syrien zurückzugewinnen, und auch der IS ist lichtjahreweit davon entfernt. Ebenso ist der Bürgerkrieg in Syrien eine erhebliche Belastung für den Iran und die Hizbollah.
(hier: viewtopic.php?f=42&t=1903&start=1680)

Ich meine, die derzeitigen Grenzen zwischen den arabischen Staaten sind "unnatürlich". Diese kolonialen Grenzziehungen nehmen keinerlei Rücksicht auf ethnische und religiöse Zusammengehörigkeit oder ebensolches Trennendes.
Es ist nach meiner Überzeugung nahezu zwingend, dass in Zeiten der Unruhe genau diese unnantürlichen Grenzziehungen infrage stehen, und die Staaten an ihren ethnischen und religiösen Grenzen zerbrechen.
Die derzeitigen Konfliktlinien spiegeln genau diese ethnischen Grenzen (Kurden, Araber) und innerhalb der arabischen Sprachfamilie die religiösen Grenzen (Schiiten, Sunniten) wieder, und zwar sowohl im Irak wie auch in Syrien.
Wenn man daraus eine Zukunftsprognose schreiben will, dann muss man zunächst konstatieren, dass sich keine der Konfliktparteien dauerhaft im "fremden Gebiet" etablieren kann. Die Bodengewinne der Kurden zeigen das genauso, wie die Bodengewinne von IS gegenüber den syrischen Regierungstruppen. Die kontrollieren im Endeffekt das Gebiet der Alawiten, und die menschenleeren Regionen im Osten. Schon die Kämpfe im palästinensischen Flüchtlingslager von Damaskus zeigen, dass auch die Hauptstadt nicht sicher ist.
Daraus folgt, dass Syrien (wie der Irak) wohl zunächst in seine ethnischen und religösen Gebiete zerfallen wird. Und IS wird nicht so leicht von der Bildfläche verschwinden. IS hat in seinem Gebiet eine brutale, aber funktionierende, staatsähnliche Struktur aufgebaut - beruhend auf einem absolut infiltrierenden Spitzelsystem und bis hin zur "Steuererhebung" absolut "kontrollierend". Die klassischen Vorgaben ("Staatsgebiet", "Staatsvolk", "Staatsgewalt") sind im IS-Gebiet prinzipiell vorhanden. Und das stabilisiert den Bestand dieses "Pseudo-Staates", der durch Luftangriffe geschwächt, aber nicht besiegt werden kann.
Sowohl den Kurden wie den alawitisch-syrischen (und schiitisch-Irakischen) Regierungstruppen und Milizen dürfte es kaum gelingen, diesen Pseudo-Staat zu bewältigen. Ein sunnitisches Gegengewicht zu IS hätte allenfalls die FSA bilden können - die aber für eine solche "Rolle" die massive Unterstützung von türkischen und arabischen Verbündeten benötigen würde. Mit dem Sturz von Mursi und den Muslimbrüdern in Ägypten ist aber der wichtigste arabische Verbündete der FSA weg gefallen. Und die Türkei dürfte sich wie bisher nicht zu einer massiven Konfrontation mit IS durchringen können.
Sie hat schon in der Vergangenheit die FSA gegenüber IS eher halbherzig unterstützt.

Was folgt?

1.
zwischen Schiiten - Alawiten und Kurden einerseits sowie den sunnitischen Arabern im Irak und Syrien wird sich schon kurzfristig ein Frontverlauf entlang der ethnisch - religiösen Grenzen stabilisieren.

2.
Im Bereich der sunnitischen Araber, insbesondere zwischen FSA und Syrien, wird dagegen der Kampf um die Vormacht weiter gehen. Und die syrischen Regierungstruppen scheinen in diesem Konflikt ebenso auf die FSA einzudreschen, und die IS eher zu "übersehen". Also ist - wenn sich Syriens Regierung nicht doch noch eines Besseren besinnt - eine Ausdehnung der Macht von IS in Syrien zulasten der FSA zu erwarten.
Und wenn sich die IS in diesem um das FSA Areal vergrößerten "Machtbereich" erst etabliert hat, wird das für die syrischen Regierungstruppen dann auch "ans Eingemachte" gehen. Allenfalls, dass sich dann die alawitischen Dörfer noch halten können - für wie lange, steht dann auf einem anderen Blatt.

Wenn Assad klug wäre, würde er seine schlimmsten Gegner - also IS - angreifen, und versuchen, mit der FSA eine gegenseitige Tolerierung zu erreichen. Denn die sunnitischen Gebiete Nordsyriens dürften für ihn gegen die IS sowieso verloren sein.
Im Gegenteil: wenn die FSA ihre Kräfte beim Kampf gegen IS verschleißt, könnte es den syrischen Regierungstruppen leichter fallen, wieder in den Norden vorzustoßen. Die Regierungstruppen also als "lachende Dritte" bei einem Konflikt zwischen IS und FSA.

Daraus ergibt sich eine klare Alternative für Nordsyrien:

2.1.
= Entweder, die IS überrennt das schwache FSA Gebiet und greift dann nach ganz Syrien

2.2.
= Oder, die FSA wird gegen IS unterstützt, verdrängt die IS und wird dabei immer schwächer

Auf jeden Fall wird mittelfristig der Konflikt zwischen den Rebellentruppen in Nordsyrien - FSA und IS - an Intensität zunehmen.
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