Armenien vs. Aserbaidschan
Die strategische Ebene entzieht sich gänzlich einer Bewertung, da der einzige Zugang ein wertloser ist: "offizielle Berichterstattung".
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hunter1:

Zitat:Warum Aserbaidschan überhaupt mitmacht, das verstehe wer will.

Noch mal abgesehen davon dass man beispielsweise durchgehend als friedens- und kompromissbereit dasteht und dadurch politischen Einfluss auf andere Mächte nehmen kann gibt es sogar viele einfache taktische Gründe für dieses Vorgehen: man kann die eroberten Stellungen befestigen und ausbauen, sich für Gegenangriffe wappnen, es ist hervorragend für die eigene Logistik während eines solchen Waffenstillstandes die Versorgung mit den entsprechenden Verbrauchsmitteln nach vorne zu betreiben, zudem können Verwundete evakuiert werden usw usw usf

Kurz und einfach: ständige Waffenstillstände sind militärisch immens nützlich und helfen im Kampf, gerade deshalb sind sie heute ein Mittel der Kriegsführung.

Allgemein:

Nach russischen (und anderen noch weniger neutralen) Quellen ist die Rolle der Türkei in diesem Krieg noch deutlich größer als ohnehin schon angenommen:

https://www.kommersant.ru/doc/4537733

https://greekcitytimes.com/2020/10/18/tu...y-artsakh/

Zitat:According to the report, citing military and diplomatic sources, Azerbaijan’s invasion attempt was “deliberately planned and provoked by Turkey.”

According to these sources, in recent months, Ankara has actively pushed Baku to launch hostilities, promising “comprehensive political, diplomatic, intelligence and military-technical support,” the newspaper reported.

According to the Russian newspaper, with the completion of joint Turkish-Azerbaijani military exercises in July and August, a significant Turkish force remained on the territory of Azerbaijan and reportedly took on the role of coordinating Azerbaijan’s invasion of Artsakh.

Trotz der Quelle meiner Einschätzung nach absolut glaubhaft. Ohne solche türkische Beihilfe im Hintergrund hätte die Azeris den Krieg nicht so ohne weiteres begonnen.
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Zitat:Noch mal abgesehen davon dass man beispielsweise durchgehend als friedens- und kompromissbereit dasteht und dadurch politischen Einfluss auf andere Mächte nehmen kann gibt es sogar viele einfache taktische Gründe für dieses Vorgehen: man kann die eroberten Stellungen befestigen und ausbauen, sich für Gegenangriffe wappnen, es ist hervorragend für die eigene Logistik während eines solchen Waffenstillstandes die Versorgung mit den entsprechenden Verbrauchsmitteln nach vorne zu betreiben, zudem können Verwundete evakuiert werden usw usw usf
Alles klar, aber das Momentum ist ohnehin auf der Seite Aserbaidschans, die Armenier haben keine Chance (man schaue sich einfach mal ein paar Drohnenvideos an) und wenn man eine Pause einlegt, kann der Gegner eben auch verschnaufen. Deswegen macht der Waffenstillstand für die Aseris im Moment eigentlich gar keinen Sinn. Beim ersten Mal dachte ich noch, dass die Überlegenheit vielleicht doch nicht so gross sei und dass der Vormarsch nicht wie geplant laufe. In Zwischenzeit sieht es aber so aus, als könnten die Aseris tun und lassen, was sie wollen, ohne dass Armenien effektive Gegenwehr leisten kann. Der zweite Waffenstillstand macht also nur für Armenien Sinn.
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In diesem konkreten Konflikt sind zugängliche Informationen äußerst spärlich. Das heißt nicht, daß man zu keinen Beobachtungen kommen kann, die zu ersten Schlußfolgerungen führen. Der blinde Fleck ist gegenwärtig die Strategie. Und strategisch ist der Wille zuerst zu identifizieren, da er Interessen vorgelagert ist. Soviel kann man jetzt mit "freiem Auge" sehen: Aserbaidschan versucht keinen schnellen Vorstoß in die Tiefe, sondern einen raupenartigen Ansatz in größter Breite. Armenien geht ganz offensichtlich von einem langen Konflikt aus und ist zuerst an Kampfkrafterhaltung interessiert.

Alle Maßnahmen in einem militärischen Konflikt haben den höchsten Zweck, dem Gegner den eigenen Willen aufzuzwingen (vermittels Gewalt) und ihm damit zwangsläufig
dessen eigenen Willen zu verwehren (wiederum vermittels Gewalt). Der Wille im militärischen Sinn ist nun aber nicht ein banales Gewinnen-Wollen oder dererlei.

Auch wenn es sich nicht so darstellt bzw. nie so dargestellt wird: Ein militärisch geführter Krieg ist von Doktrin und Wille beherrscht. Doktrin ist der konkrete Anteil daran. Der Wille im militärischen Sinne ist abstrakt aber super-dominant:

Der Wille als die zentrale Idee jedes Konflikts - eine fundierte Darstellung in diesem eben erst veröffentlichten Artikel:

https://thestrategybridge.org/the-bridge...flict-will
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hunter1:

Auch wenn die Überlegenheit sehr groß ist, so unterschätzt du meiner Meinung nach vielleicht die Schwierigkeiten die selbst ein erheblich überlegener Gegner in diesem Gelände in einer Offensive gegen einen seit Jahren sich darauf vorbereitenden Feind hat. Dass die Azeris bedacht und vorsichtig vorgehen spricht eher für sie - ebenso die Pausen im Kampfgeschehen.

Eine Offensive in diesem Gelände wird nicht durch ein paar Drohneneinschläge entschieden, oder dass man dem Gegner die mobilen mechanisierten Reserven wegschießt, sondern so etwas ist in der Realität sehr viel schwieriger als auch ich es mir noch vor wenigen Jahren so ausgemalt habe. Und es ist sehr verlustreich - und Verluste minimieren und vorsichtig und geschickt den Gegner abnutzen eine sinnvolle Vorgehensweise. Die Zeit spielt hier ganz klar für die Azeris, sie haben die viel größeren Reserven und schon jetzt erkennbar die längere Ausdauer.

Daher gilt es vor allem zu verhindern dass Armenien zu viel Unterstützung aus anderen Ländern bekommt und die würde es eher bekommen wenn man den Bergkarabach blitzkriegartig größtenteils überrennen würde - wenn das überhaupt möglich wäre ! Das ist immens risikoreich, die eigenen Verluste können in sehr kurzer Zeit untragbar hoch werden und dann rollt vielleicht doch ausländische Unterstützung herbei und das Blatt wendet sich.

Stattdessen Stückchenweise den Gegner vorsichtig abzunutzen ist unter jedem Aspekt für die Azeris einfach nur sinnvoll. Es vermindert deren Risiko, es vermindert deren Verluste, es vermindert Unterstützung für Armenien, es ermöglicht es risikofrei zumindest einen Teilgewinn in jedem Fall einzustreichen und verhindert einen plötzlichen Umschwung im Krieg, es mindert Fritkionen aller Art und erleichtert vor allem erheblich die Logistik. Und die Frage der Logistik ist für den Angreifer in diesem Gelände wesentlich problematisccher als für den Verteidiger.

Kurz und einfach: meiner Ansicht nach zeugt das von einem vergleichsweise intelligenten Vorgehen der Azeris. Langsam ist hier Klug und Klug ist hier Schnell.
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@Quintus Fabius
Alles, was Du beschrieben hast, lässt sich ohne Waffenstillstand machen. Logistik ist beim langsamen Vorrücken nicht so problematisch, da die Nachschubwege nur langsam verlängert werden. Wie gesagt, ein Waffenstillstand bringt hier nur dem Gegner etwas, weil er Ruhe kriegt um sich wieder zu ordnen.

Und die unangreifbare, präzise Luftwaffe, hier in Form von Drohnen, hat tatsächlich einen signifikanten Anteil am aserbaidschanischen Erfolg. Man hat damit ein Mittel, nonstop ohne Gefährdung anzugreifen. Auch deswegen ist ein Waffenstillstand unsinnig.
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Die "notwendige und hinreichende Bedingung" ist mit taktischen Erfolgen und so etwas wie Abschußraten explizit "nicht erfüllt". Ohne textliche Verkürzung hat @Quintus Fabius ja auf die mitlaufenden strategischen Faktoren hingewiesen:

Zitat:Stattdessen Stückchenweise den Gegner vorsichtig abzunutzen ist unter jedem Aspekt für die Azeris einfach nur sinnvoll. Es vermindert deren Risiko, es vermindert deren Verluste, es vermindert Unterstützung für Armenien, es ermöglicht es risikofrei zumindest einen Teilgewinn in jedem Fall einzustreichen und verhindert einen plötzlichen Umschwung im Krieg ...

Und so:

Zitat:Noch mal abgesehen davon dass man beispielsweise durchgehend als friedens- und kompromissbereit dasteht und dadurch politischen Einfluss auf andere Mächte nehmen kann gibt es sogar viele einfache taktische Gründe für dieses Vorgehen ...

Kein Konflikt wird militärisch beendet, sondern politisch. Militärische Erfolge müssen politisch erst gehalten werden können. Beide Staaten bestehen nicht für sich und der größte Faktor ist/wird der Bystander-Effekt!
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