Großbritannien
Helios schrieb:Auf der einen Seite erwähnst du, dass man auf die älteren Mitbürger und deren Bedürfnisse eingehen muss, auf der anderen Seite unterstellst du eine pauschalisierte Bewertung als egoistisch und kurzsichtig, wenn ich darauf Hinweise, dass der Einfluss der demografischen Entwicklung auf politische Entscheidungen zu einem stärkeren Fokus auf die älteren Mitbürger und deren Bedürfnisse führt. Davon abgesehen bin ich nicht der Meinung, dass die älteren Wähler egoistisch denken, sondern dass ein ähnlicher Anteil in allen Bevölkerungsschichten eher an der persönlichen Perspektive interessiert ist, als an einer gesamtgesellschaftlichen.
Den ersten Teil verstehe ich nicht. Ich unterstelle nicht, dass eine Pauschalisierung der älteren Generation kurzsichtig und egoistisch sei, sondern dass es falsch sei, die ältere Generation pauschal als kurzsichtig und egoistisch darzustellen.
Den zweiten Teil kann ich nachvollziehen. Ich verstehe Dein Argument jetzt.
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(18.07.2016, 09:41)hunter1 schrieb: Den ersten Teil verstehe ich nicht. Ich unterstelle nicht, dass eine Pauschalisierung der älteren Generation kurzsichtig und egoistisch sei, sondern dass es falsch sei, die ältere Generation pauschal als kurzsichtig und egoistisch darzustellen.

Es ist vielleicht etwas kompliziert von mir formuliert, aber genau darauf will ich ja hinaus. Du kannst doch nicht auf der einen Seite ausdrücken, dass man auf die älteren Mitbürger und ihre Bedürfnisse eingehen muss, auf der anderen Seite aber kritisieren, wenn ich befürchte, dass es zu einer Fokusbildung auf die älteren Mitbürger und deren Bedürfnisse kommt. Ich unterstelle nicht, dass diese Bevölkerungsgruppe egoistischer ist als andere, sehe aber auch nicht, warum sie weniger egoistisch sein sollte. Und das eine egoistische Sichtweise auf die Gesellschaft mit zunehmendem Alter zwangsläufig kurzsichtiger wird liegt in der Natur der Sache. 

Oder anders ausgedrückt: wir hatten in meinen Augen bis Ende der neunziger Jahre ein auf die Altersgruppen bezogen ein relativ ausgewogenes Meinungsbild. Das kippte mit Aufkommen der neuen Medien immer mehr Richtung Jugend, weil die deutlich stärker in diesem Bereich aktiv waren und es von da auch in traditionelle Medien überschwappte. Eine Folge davon war die sehr liberale Entwicklung der letzten Jahre bei vielen gesellschaftlichen Themen. Ältere Generationen fühlten sich weniger Verstanden, weniger Vertreten, was wiederum in einen stärkeren Konservatismus mündete. Und dies drückt sich eben in den Wahlergebnissen aus, auch, weil die Jüngeren zu großen Teil lieber im Internet quatschen oder auf der Straße demonstrieren als in den Wahllokalen für ihre Interessen einzustehen. Noch könnten sie es, durch die demografische Entwicklung wird allerdings auch das immer schwieriger.
Im Brexit hat diese Situation in meinen Augen nun auch die ersten langfristigen Konsequenzen, weil die Entscheidung eben eine für Jahrzehnte sein wird. Dabei halte ich sie gar nicht so sehr als Ausdruck gegen die EU, wie dies teilweise suggeriert wird, sondern zu einem nicht unerheblichen Teil auch als Ausdruck einer gefühlten Entfremdung ganzer Personenkreise vom Leitbild unserer Gesellschaft, so wie es in den Medien transportiert wird. Glücklich kann mit der Situation auf Dauer niemand sein, nur will sie offensichtlich auch niemand ändern. Stattdessen überlässt man Populisten das Feld.
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Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man diese Situation ändern sollte, außer indem man Älteren das Wahlrecht entzieht oder ihr Stimmrecht mit jedem Jahr prozentual verringern würde. Und beide Maßnahmen wären höchst undemokratisch und verfassungsfeindlich. Im Übrigen wird davon ausgegangen, dass der Brexit ein Fehler war und die Jungen gegen ihren Mehrheitswillen drunter leiden müssen. Was aber wenn der Brexit sich nicht als Fehler entpuppt, sondern genau das Richtige wahr und UK nun den möglichen Untergang der EU nicht mitfinanzieren und daran teilnehmen muß? Dann nämlich hätte die Mehrheit der konservativen und erfahreneren Alten die Jugend vor einem bösen Fehler bewahrt.
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(18.07.2016, 23:41)frieder75 schrieb: ...Was aber wenn der Brexit sich nicht als Fehler entpuppt, sondern genau das Richtige wahr und UK nun den möglichen Untergang der EU nicht mitfinanzieren und daran teilnehmen muß? Dann nämlich hätte die Mehrheit der konservativen und erfahreneren Alten die Jugend vor einem bösen Fehler bewahrt.

Dann würde das trotzdem so nicht in der Zeitung stehen.
Es sind verrückte Zeiten, und wo Kritik schon verteufelt wird darf man erst recht keine Selbstkritik oder Einsicht erwarten. Irgendwie hat man es geschafft, den jungen Leuten einzureden dass die EU genau so wie sie jetzt ist den alternativlosen Urzustand darstellt. Vielleicht bedient die EU bei den Jüngeren das Bedürfnis nach Entmündigung durch eine starke Zentralmacht oder so was. Die Wahlbeteiligung nach Altersgruppen lässt es vermuten.  Außerdem: Die jungen Leute sind auf ihre Art genauso ängstlich, naiv und widerspenstig wie ihre Eltern waren, als sie damals gegen die EU gestimmt haben (wo sie es durften). So sind Menschen nun mal.
Antiseparatismus an sich ist natürlich auch nichts neues, da wird von der Obrigkeit immer mit harten Bandagen gekämpft. Aber woher sollen die jungen Leut so was wissen.
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(18.07.2016, 23:41)frieder75 schrieb: Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, wie man diese Situation ändern sollte, außer indem man Älteren das Wahlrecht entzieht oder ihr Stimmrecht mit jedem Jahr prozentual verringern würde. Und beide Maßnahmen wären höchst undemokratisch und verfassungsfeindlich.

Auch wenn ich nicht glaube, dass ein festes Maximalalter für das Wahlrecht wirklich verfassungsfeindlicher oder undemokratischer als ein festes Mindestalter wäre, so ist das sicherlich kein Weg, den man beschreiten sollte. In meinen Augen kann man die Situation nur ändern, wenn man wieder zu einem medialen Konsens findet. Meinungsfreiheit kann nur dann ausgeübt werden, wenn Meinungsvielfalt eine gesellschaftliche Basis hat, sich also auch in allen Massenmedien nicht nur niederschlägt, sondern von diesen auch gestützt wird. Allerdings bezweifel ich, dass die Menschen vernünftig genug dazu sind, genau deswegen empfinde ich die Entwicklungen auch als gefährlich, sowohl in die eine wie auch in die andere Richtung. Sogar gefährlicher wie der immer wieder betonte Unterschied zwischen Arm und Reich.

Zitat:Im Übrigen wird davon ausgegangen, dass der Brexit ein Fehler war und die Jungen gegen ihren Mehrheitswillen drunter leiden müssen. Was aber wenn der Brexit sich nicht als Fehler entpuppt, sondern genau das Richtige wahr und UK nun den möglichen Untergang der EU nicht mitfinanzieren und daran teilnehmen muß? Dann nämlich hätte die Mehrheit der konservativen und erfahreneren Alten die Jugend vor einem bösen Fehler bewahrt.

Ja, und? Es kommt im Leben mehr als einmal vor, dass man falsch liegt mit seiner Einschätzung, und dass sich dementsprechend eine Meinung auch nachträglich als törricht herausstellt. Deswegen sollte man aber nicht aufhören, eine Situation zu beurteilen und eine Meinung zu haben. 


(19.07.2016, 00:07)Mitleser schrieb: Aber woher sollen die jungen Leut so was wissen.

... wenn die älteren es ihnen nicht beibringen.  Wink 
Bildung genießt, von den älteren Generationen gesteuert, heutzutage ein Großteil der Bevölkerung Europas. Die Erziehung derjenigen, die heute in vielen Bereichen die Meinung vorgeben, wurde von jenen geleistet, die diese Meinungen heute kritisieren oder sich dadurch diskriminiert fühlen. Das ist ja die Krux am Generationenkonflikt, die Schuld lässt sich beliebig hin und her schieben, alleine eine Lösung wird daraus nicht erwachsen. Die kann es nur geben, wenn das Wohl der Gemeinschaft nicht nur in der Darstellung nach Außen, sondern auch über den persönlichen Egoismus im Inneren siegt. Und ich wiederhole mich wenn ich befürchte, dass dies in weiten Teilen nicht passieren wird.
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Nachdem die Deutschen im Rahmen ihrer Rachephantasien so taten, als wollten sie die Briten jetzt schmerzhaft schnell aus der EU kicken, betteln sie nun im Hintergrund um genug Zeit, um die nächsten Wahlen zu überstehen.
Das würden sich die Briten freilich vergolden lassen.
http://www.express.co.uk/news/world/7007...-elections

Sind evtl auch nur Latrinenparolen, aber die deutsche Hysterie um den Brexit sprach ja schon Bände.
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(17.08.2016, 11:53)Mitleser schrieb: Sind evtl auch nur Latrinenparolen, aber die deutsche Hysterie um den Brexit sprach ja schon Bände.

Die deutsche Hysterie war eine Mediensache, die für ein paar Tage das Sommerloch ausgefüllt hat. Nach zwei Wochen war das Thema Brexit dann wieder weitgehend irrelevant. Und Boulevardmedien sind hier wie da keine gute Informationsquelle für eine seriöse Diskussion. Wink
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Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen in Großbritannien haben die Tories von Premierministerin May einen Dämpfer erlitten. Im Kontext des Brexit kamen manche Hardliner-Töne vermutlich bei den Wählern, denen langsam die möglichen negativen Folgen des Brexit bewusst werden, nicht gerade gut an. Allerdings dürften lt. Beobachtern auch interne politische und wirtschaftliche Probleme (Altersarmut, Bildungsfragen, Infrastruktur) die Wahlniederlage begünstigt haben.
Zitat:Wahl in Großbritannien

Die Tür zurück zur EU steht einen Spaltbreit offen [...]

Auf den zwei Bildschirmen bei der Wahlparty der Pro-Europäer von „Best for Britain“ und „InFact“ blitzt es immer öfter rot auf. Mehr und mehr Sitze gehen überraschend an Labour. Für die Gäste hier im West End klar ein Votum gegen Theresa Mays Plan vom harten Ausstieg. [...] Die britische Parlamentswahl am Donnerstag hat der Premierministerin nicht das von ihr erhoffte „starke Mandat“ gegeben, im Gegenteil. Aber das heißt noch lange nicht, dass der Brexit nun ganz anders ausgeht. [...]

Gerade eine angeschlagene Premierministerin „könnte jetzt noch mehr auf die Konfrontation mit Brüssel setzen“, warnt Simon Tilford vom Centre for European Reform. Denn in ihrer Tory-Partei sind die brennenden Euroskeptiker gegenüber den Moderaten noch immer in der Überzahl. Angesichts der knappen Mehrheit, die May sich gerade zusammenklaubt, klingt Tilfords Warnung nicht weit hergeholt. [...]

Momentan gibt es nur eine Folgerung, auf die sich die Experten einigen können: dass dem Königreich eine lange Zeit wirtschaftlicher wie politischer Instabilität bevorsteht. Zumal die Brexit-Verhandlungen, die am 19. Juni beginnen sollen, nur eine der riesigen Herausforderungen sind, vor denen die Regierung steht. Schon vor der Wahl haben die Briten die steigende Inflation zu spüren bekommen, jüngste Zahlen zum Wirtschaftswachstum sind dürftig. Es knirscht an allen Ecken und Enden: bei der Gesundheitsversorgung, der Altersabsicherung, im Wohnungsmarkt, im Bildungssystem. [...]

Doch immerhin: „Die Regierung wird in den Brexit-Gesprächen nun weit demütiger auftreten“, glaubt Adam Thomson, Direktor des European Leadership Network. Bis dato hat May den Europäern beispielsweise unverhohlen gedroht, die Kooperation im Sicherheitsbereich aufzukündigen, sollte es keinen guten Deal geben. „Jetzt wird London vermutlich viel mehr betonen, was es in Europa alles beitragen kann.“
https://www.welt.de/politik/ausland/arti...offen.html

Ferner: Die Gespräche zwischen Tories (die eine Minderheitsregierung planen) und der DUP (die diese Regierung "dulden" soll) sind bislang nicht so ganz erfolgreich gewesen, wie den ersten Meldungen zufolge man hätte annehmen können. Und auch hier überschattet der Brexit anscheinend die Verhandlungen. Es wird sogar darüber spekuliert, dass May, die mit der vorgezogenen Wahl ein starkes Mandat angestrebt hatte, zurücktritt...
Zitat:Großbritannien: Mays Regierung wackelt wieder

Tories und rechte nordirische DUP haben sich, anders als gemeldet, noch nicht geeinigt. Premierministerin May strebt eine von der DUP tolerierte Minderheitsregierung an.

Die Verhandlungen zwischen den britischen Konservativen und der nordirischen Partei DUP über eine Zusammenarbeit im Parlament dauern entgegen früherer Meldungen an. "Die bisherigen Gespräche waren positiv", teilte DUP am Sonntag mit; die Diskussionen würden nächste Woche fortgesetzt. Mays Büro hatte zuvor gemeldet, es gebe im Grundsatz eine Verständigung. Eine offizielle Koalition sei nicht geplant, aber die DUP habe zugesagt, bei wichtigen Abstimmungen im Parlament für die konservative Regierung zu stimmen. [...]

Ein Streitpunkt in den Gesprächen dürfte die Grenze zwischen Irland und Nordirland nach dem EU-Austritt der Briten sein. Die Brexit-Verhandlungen sollen am 19. Juni starten. Die DUP will keine geschlossene EU-Außengrenze zu Irland, für Theresa May ist die Kontrolle über die Grenzen aber einer der wichtigsten Punkte in den Verhandlungen. [...] May hat in der vorgezogenen Parlamentswahl am Donnerstag ihre Regierungsmehrheit verloren und strebt nun eine Minderheitsregierung an. [...] Beobachter halten es für möglich, dass die Premierministerin zurücktritt, sobald sie eine Minderheitsregierung gebildet hat.

Mays Ansehen hat auch in den eigenen Reihen schwer gelitten.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-...handlungen

Schneemann.
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