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Ich möchte dazu nur nocheinmal in den Raum stellen, dass diese späte Zeit des Exodus alles andere als sicher ist. Der späte Exodus mag Lehrmeinung sein, vllt weil man ihn mit der ganzen Seevölkergeschichte verwursten kann, folgt man der biblischen Zeitrechnung landet man eher 200 Jahre früher vor 1400BC. Diese Zeitperiode passt dann auch wesentlich besser zu dem was man von Ägypten in dieser Zeit meint zu wissen sowie zu archäologischen Ausgrabungen in Israel und etliche vermeidliche Widersprüche lösen sich auf.
Die Theorie des späten Exodus geht hauptsächlich auf einen Vers in Exodus zurück, wonach man die Stadt Ramses erbaut habe. Man schließt daraus, dass die Herbräer in ihrem Narrativ während des Regierungszeit Ramses II in Ägypten gelebt haben mussten. Genauso wahrscheinlich ist allerdings, dass man die während er Kodifzierung des Textes gebräuchlichen Namen verwendet hat. Das ist insofern eine naheliegende Erklärung, da gerade Ramses II dafür bekannt/berüchtigt ist, seine Kartusche auf noch jede ältere Statue und Steinwand gemeiselt und sich zum Besitzer erklärt zu haben.
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Es ist sogar sehr fragwürdig, ob es je eine solche Einwanderung (Exodus) gab, bzw. ob dieser nicht völlig falsch verstanden wird. Aktuell gibt es eine Reihe führender israelischer Archäologen, welche durch ihre Ausgrabungen ganz klar eine durchgehende Besiedelungskontinuität nachweisen konnten.
Was sich veränderte, und zwar erst mit dem Seevölkersturm, war die Lebensweise. Vor diesem gab es eine klare Zweiteilung zwischen den Stadtstaaten in der Küstenebene, den flacheren Gebieten, und den Nomadisch / Halbnomadisch lebenden Kanaaitern im Hochland / in den Bergen. Beide Gruppen unterschieden sich durch die Lebensweise, und durch die Religion. Vor der Seevölkerwanderung dominierten die Stadtstaaten, nach dieser verfiel diese Kultur und erlangten die kanaaitischen Nomaden die Übermacht und begannen von Osten nach Westen Kanaan unter Kontrolle zu kriegen.
Auch wenn ich rein persönlich - wie beschrieben - von einer zusätzlichen Einwanderung nach Kanaan durch einen Stamm ausgehe, welcher vorher auf dem Sinai lebte, so muss man doch festhalten, dass die archäologischen Fakten klar belegen, dass die Proto-Hebräer in weiten Teilen Kanaaiter waren, und dass die Hebräer daraus entstanden, dass nomadische / halbnomadische Kanaaiter aus dem Hochland zusammen mit den aus dem Sinai eingewanderten Nomaden eine gemeinsame Religion teilten.
Beide kannten sich zudem schon vorher aus einer längeren gemeinsamen Geschichte, da entsprechende Söldner / Kämpfer / Räuber aus den Reihen dieser Nomaden sowohl aus dem Sinai als auch aus dem Osten von Kanaan (Hapiru) schon vorher lange in diesem Raum vorhanden waren.
Die Hebräer sind also entweder: Kanaaiter mit einer anderen Lebensweise (Nomaden statt Stadtkultur) oder: eine Mischung aus Kanaaitern mit einer anderen Lebensweise und eingewanderten Nomaden aus dem Sinai. Wobei beide in diesem Fall schon vorher eine längere gemeinsame Geschichte hatten und dazu die gleiche Religion teilten.
Wie man es dreht und wendet: es gibt eine ganz klare, eindeutige Besiedelungskontinuität. Hier wurde also selbst wenn man die Einwanderung (Exodus) annimmt eben nicht ein Volk durch ein anderes ersetzt, sondern von der Abstammung her entstammten die Hebräer größtenteils den Kanaaitern. Die Hebräer sind also praktisch gesehen in jedem Fall vor allem die Nachfahren der vor ihnen dort lebenden Kanaaiter.
So kurz wie möglich: die Hebräer sind Kanaaiter von der Abstammung her. Sie unterschieden sich von den anderen Kanaaitern nur durch ihre Lebensweise und ihre Religion. Damit sind die Hebräer keine Invasoren aus einem anderen Land, sondern sie sind die Ureinwohner. Was sich lediglich änderte war, dass die Religion auch in die Stadtstaaten hinein ausgebreitet wurde und dass diese wiederum durch die Seevölkerwanderung ihre vormalige beherrschende Stellung verloren.
Die Hebräer kann man daher überspitzt als die kanaaitische Landbevölkerung verstehen.
Werter Nightwatch:
Zitat:Die Theorie des späten Exodus geht hauptsächlich auf einen Vers in Exodus zurück, wonach man die Stadt Ramses erbaut habe. Man schließt daraus, dass die Herbräer in ihrem Narrativ während des Regierungszeit Ramses II in Ägypten gelebt haben mussten.
Wenn man mal die Bibel beiseite lässt, dann lässt sich aus rein ägpytischen Quellen nachweisen, dass Ramses der II explizit Nomaden vom Sinai und auch aus Kanaan in Ägypten als Arbeiter verwendet und diese zu seiner Zeit dort von ihm auch angesiedelt wurden. Unter seinen Nachfolgern aber sind diese dann verschwunden.
Das passt einfach so perfekt zum Exodus, dass eine frühere Verortung meiner Meinung nach deutlich unwahrscheinlicher ist.
Erich:
Zitat:die Philister oder "Seevölker" könnten - so die neuere These - auch aus der westlichen Küste Kleinasiens gekommen sein.
Vielen Dank dass du die sogenannte luwische These hier vernetzt hast. Ich wollte eigentlich schon selbst darauf hinweisen, aber dachte, es ginge eventuell zu weit weg vom eigentlichen Thema hier.
Die Luwier waren in viele Stämme und kleine Staaten aufgespalten. Das passt auch gut zu den Seevölkern, da diese ja aus vielen verschiedenen "Völkern" zusammen gesetzt waren. Entsprechend waren die Phillister nur eines dieser Völker. Zur luwischen These passt auch die Verbindung der späteren Etrukser (Tyrsener) nach Lemnos und die pelasgische Frage.
Spezifischer zu den Phillistern da diese ja bei der Ethnogenese der Hebräer eine gewisse Rolle spielten: hier ist der archäologische Bezug zu Zypern offensichtlich. Nun nahmen die Seevölker ja explizit Zypern ein und dem folgend die damals sehr bedeutende Metropole Ugarit. Deshalb waren die Phillister höchstwahrscheinlich Flüchtlinge aus Zypern mit einem gewissen Anteil an Luwiern unter ihnen.
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So, entschuldigt, ich bin in letzter Zeit nicht wirklich groß zum Schreiben gekommen, nun aber der Fortsetzung dritter Teil...
Situation in Kanaan:
Um 1200 v. Chr.: Unser noch kleines Völkchen der Hebräer hatte sich also im Bergland Kanaans niedergelassen. Großartige Städte gab es keine, man muss sich die Siedlungen, die man archäologisch bestätigen konnte, als kleinere, unbefestigte Runddörfer vorstellen, d. h. die Gebäude waren kreisförmig um eine Art mittig liegendem Markt-/Versammlungsplatz angeordnet. Die Gebäude selbst besaßen steinerne Rundfundamente und beherbergten allenfalls fünf bis zehn Personen, vermutlich weniger, und es gab zumeist etwa 20 bis 30 Gebäude je Dorf, wobei die Archäologen bislang rund 30 Siedlungsorte lokalisieren konnten. Insgesamt sprechen wir also von grob 4.500 bis 5.500 Menschen.
Das muss eine Momentaufnahme sein. Und: Das Leben selbst muss äußerst hart gewesen sein. Im Osten, hin zur wasserreichen, aber schwer zugänglichen Jordansenke und dem Toten Meer, breitete sich eine stocktrockene Wüstenei aus, und wenn der - normal aus Westen blasende - Wind mal auf Ost drehte, wurden Sandstürme und Temperaturen von schnell über 40 Grad nach Kanaan getragen. Im Westen, am Mittelmeer, lag fruchtbares Land auf Meeresniveau, das zudem den Vorteil hatte, dass der Westwind Wolken gen Osten bließ, die dann an den Bergriegeln abregneten, was die Küstenareale mit Wasser versorgte. Die Niederungen des Jordangrabens einerseits und die Küstengebiete andererseits waren insofern zwar fruchtbarer (solange die Versalzung nicht überhand nahm) und wasserreicher, aber dort, in den sumpfigen, brackigen Gewässern schlummerten andere Gefahren - darunter einer der größten Feinde der Menschheit, die Malaria. (Und die westlichen Küstengebiete wurden zudem, wie bereits in vorangegangenen Beiträgen beschrieben, [noch] von kanaanitischen Staathaltern der Ägypter kontrolliert.)
Im Bergland selbst kam also wenig Niederschlag an. Viele denken bei Israel eher an Tel Aviv und Palmen bzw. den flachen Negev, aber man muss bedenken, dass das Land durchaus bergig ist; alleine der Ölberg bei Jerusalem steigt schon auf über 800 m an, bei Hebron liegt das Niveau bereits bei über 1.000 m - also fast deutsches Mittelgebirgsniveau. Die Winter waren durchaus kalt, die Sommer heiß und trocken.
Die Israeliten hatten es also mit schwierigen Bedingungen zu tun. Zumal es auch keine nennenswerten Bodenschätze gab, auch kein Zinn und kein Kupfer (für Bronze), und selbst Bauholz war knapp. Aber dennoch konnten sie sich mit einfachem Ackerbau, vor allem Viehzucht und - der große Schatz der Region - mit Oliven und Olivenöl über Wasser halten. Vor allem letzteres war in Ägypten und bei den Hethitern sehr gefragt.
Rückblende und ein historischer Ausflug zur Einordnung der weiteren Entwicklungen:
1259 v. Chr.: In einem aufsehenerregenden Vertrag beschließen die beiden Großreiche der Region, Ägypten und die Hethiter, einen Friedensvertrag, der ihre jahrhundertelange Fehde beendet (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84gypt...ensvertrag). In der Folge entwickelten sich beinahe freundschaftliche Verhältnisse zwischen den Reichen, Ägypten unterstützte die Hethiter sogar mit Nahrungsmitteln. Ramses (II.) sandte mehrfach seine besten Ärzte nach Hattuscha, um zu unterstützen, wenn Krankheiten (oder Geburten) anstanden; und höhere Söhne und Töchter aus beiden Reichen wurden gerne verheiratet. Im Windschatten dieses Vertrages kommt nun Kanaan, das ja eine Schnittstelle zwischen den Reichen war, zeitweise zur Ruhe. Dieser Umstand dürfte die Besiedlung sicherlich erleichtert haben.
Um 1200 v. Chr. zeichnete sich aber eine Katastrophe ab. Was man sagen kann, ist, dass es vermutlich eine Verkettung von Ereignissen war. Innerhalb weniger Jahrzehnte zerbrach das Hethiterreich, ebenso die mykenische Kultur. Einstmals große und blühende Städte zerfielen zu Ruinen, etwa Hattuscha, Mykene, Tyrins oder Ugarit. Um 1180 v. Chr. bestand von den einstmaligen Reichen nur noch das ägyptische. Und auch dieses musste alle Kräfte zusammenfassen, um dem Untergang zu entgehen. Die spätbronzezeitliche Kultursphäre des östlichen Mittelmeerraumes war verwüstet und zerfallen.
Was war geschehen? Stichwort Verkettung: In ägyptischen Quellen und auch in hethitischen wird vor 1200 v. Chr. mehrfach niedergeschrieben, dass das Hethiterreich die Ägypter um Nahrungsmittel gebeten hatte. Es wird von ausgegangen, dass - vermutlich infolge Klimaveränderungen - das Hethiterreich schwere agrarische Versorgungskrisen durchlitt. Die Pharaonen halfen zwar, konnten aber die Krise beim Verbündeten nur bedingt mildern. In der Folge kam es zu inneren Unruhen bei den Hethitern, was u. a. unter deren letzten König, Suppiluliuma II., sogar zur Flucht des Hofes aus Hattuscha nötigte. (Möglicherweise war Karkemisch das Ziel?)
Und in diese labile Lage hinein platze das, was die Historiker heute den sog. "Seevölkersturm" nennen.
Um 1190 v. Chr. tauchten diese mysteriösen "Völker" erstmals vor Ugarit auf. Der dortige Statthalter, Ammurapi (bitte nicht verwechseln mit Hammurapi, der stammte nämlich aus Babylon), schlug Alarm und bat flehentlich das Königreich Alaschia (Zypern) um Hilfe, denn seine Soldaten standen tief in Anatolien, um das Hethiterreich gegen innere Unruhen zu stabilisieren, und er war fast hilflos. Alaschia konnte jedoch auch nicht helfen, da es selbst im Verteidigungskampf stand. Dennoch leistete Ugarit ca. fünf Jahre lang Widerstand, unterlag dann aber und wurde um 1185 v. Chr. eingenommen.
Bis etwa 1180 v. Chr. fallen den Seevölkern alle wichtigen Städte der Hethiter im westlichen Anatolien und entlang des Mittelmeeres und die mykenischen und frühgriechischen auf Zypern und Kreta zum Opfer. Das Hethiterreich zerbricht.
1177 v. Chr. kann Ramses III. die Seevölker in einer erbitterten Seeschlacht vor dem Nildelta abwehren. Auch wenn die (ägyptischen) Quellen von einem Sieg der Ägypter sprechen, so war es allenfalls ein Pyrrhussieg, denn die ägyptischen Verluste müssen schwer gewesen sein, so schwer, dass von einer Verfolgung des Gegners Abstand genommen wurde. Der Seevölkerangriff wurden zwar abgeschlagen, aber sie wurden nicht vernichtet. Und sie ließen sich nach 1177 v. Chr. in der fruchtbaren Küstenebene des heutigen Israel nieder - so sie von den geschwächten Ägyptern auch nicht behelligt wurden.
Die Ursprünge dieser Invasoren sind unsicher und in der Wissenschaft bis heute umstritten. Ohne nun allzu sehr auf die Seevölker eingehen zu wollen, eine kurze Beschreibung von Möglichkeiten: Die nebulösen Angreifer werden in hethitischen Texten als schiqalaya bezeichnet - was in etwa mit "Bootsbewohner" oder "die, die auf Schiffen hausen" gedeutet werden kann; zudem tragen manche Anführer der Seevölker indogermanische Namen. In ägyptischen Texten, die aber vermutlich erst deutlich nach 1200 v. Chr. entstanden, werden die Angreifer auch als Danaer bezeichnet, wobei dieser Begriff eigentlich auf Homer zurückgeht und die frühen Griechen definierte. Darüber hinaus nennen die Ägypter für die Eindringlinge noch die Namen (oder Namen von Volksgruppen?) der Schekelesch, Tjeker, Waschascha und ... Philister.
Die letztgenannten - die wichtigsten (nachweisbaren) Philisterstädte waren Aschdod und Gaza an der Küste und Ekron (etwas weiter im Landesinneren) - werden bald von noch von sich reden machen, denn sie gehen unseren in Kanaan siedelnden Israeliten alsbald auf die Nerven.
Fortsetzung folgt (und dann wieder näher an den Israeliten und der Bibel).
Schneemann
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So, nach rund eineinviertel Jahren, versuche ich, die Geschichte unseres kleinen Völkchens fortzuführen.
Stehengeblieben waren wir im 12. Jahrhundert vor Christus. (Kursive Textstellen bauen auf der Bibel auf.)
Um die Zeit von 1.200 v. Chr. greift das Buch der Richter. Die hebräischen Stämme schlossen sich vermutlich in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr. zu einem Bündnis zusammen, um den Angriffen der Philister besser widerstehen zu können. In der Legende wurden als Anführer dieses Bündnisses die sogenannten Richter erwählt, so sind die Richter eine Art von Anführer und Stammesoberhaupt in einem. Starb einer der Richter, so wurde der Nachfolger per Wahl bestimmt.
Zwistigkeiten bei den Wahlen sollen schließlich dazu geführt haben, dass es das Streben danach gab, eine klar definierte königliche Dynastie zu begründen. Nach dem Buch der Richter wurde als erster "König" Gideon, Sohn von Joasch und erfolgreicher Heerführer, ernannt. Man trug Gideon die Königswürde an, doch dieser lehnte sie ab mit dem Hinweis, dass nur alleine Gott der König der Israeliten sein könne. Wir bewegen uns hier im rein legendumwobenen Bereich der Erzählung, denn außer der Bibel gibt es keine Beweise für die Existenz der Richter. Auch wenn Gideon der erste gewesen sein soll, dem die Königswürde angetragen wurde, so wird er als rein mythische Figur gedeutet.
Gemäß der Bibel bzw. des Buches Josua (und später der Richter) stellen vermutlich um das Jahr 1150 v. Chr. die Hebräer in der Ortschaft Silo (vgl. Shiloh in den heutigen USA), heute die archäologische Grabungsstätte Khirbet Sailun (etwa 30 Kilometer nördlich von Jerusalem), in einem großen Zelt, der sogenannten Stiftshütte, die zehn Gebote, die bislang mobil in der Bundeslade mit herumgetragen wurden, in einem kleinen Schrein auf. Es ist der erste feste Anlaufpunkt und die Begründung eines festen Ortes für ein Heiligtum sowie für das Ausrichten von religiösen Feierlichkeiten.
Der erste gemäß Bibel sicher greifbare König, der aus den Richtern hervorging, ist Saul. Er wird mutmaßlich um 1.020 v. Chr. zum König erhoben und nimmt den Titel auch an. Seine Regierungszeit ist nicht eindeutig zu erfassen und wird, je nach Quelle, auch nur grob in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts v. Chr. verortet. Es handelt sich aber auch bei Saul um eine legendenbehaftete Figur, die historisch nicht belegt werden kann. Sauls Amtszeit wird als geprägt vom Kampf gegen die Philister beschrieben. Laut der Bibel wird er anfangs weitgehend als gottgefällig beschrieben, der sich aber im Laufe seiner Herrschaft immer mehr von Gott entfremdet.
David wurde vermutlich um 1.034 v. Chr. in Betlehem geboren. Er ist der erste König der Israeliten, der auch historisch greifbar ist. Hierbei müssen wir ein wenig herumrechnen. Auf der sogenannten Tel-Dan-Stele, die 1994 in Nordisrael ausgegraben wurde, findet sich ein Eintrag über einen Sieg des aramäischen Königs Hasael aus Aram über einen Hebräerkönig aus dem Hause Davids. Die Stele entstand vermutlich um 835 v. Chr. Eine Dynastie Davids (also ein Herrscherhaus) muss also vor 835 v. Chr. bestanden haben. Gemäß der Bibel wiederum unterhielt König Hiram I. von Tyros gute Beziehungen zu König David. Der historisch belegte Hiram I. wiederum regierte im 10. Jahrhundert v. Chr. (962 bis 935 v. Chr.) - und die Handelsbeziehungen von diesem zu den Hebräern sind belegt -, folglich muss es also hier bereits eine Herrschaft Davids gegeben haben. Nun haben wir aber bei der direkten Umrechnung der Daten in der Bibel, und die Daten aller Könige bis zur Babylonischen Gefangenschaft (587 v. Chr.) sind dort enthalten, eine Unschärfe: Addiert man alle Regierungszeiten zusammen und rechnet von 587 v. Chr. zurück, so ergibt sich eine Differenz von ca. 50 Jahren.
Rechnet man diese Lücke auf die Regierungszeit Hirams I. hinzu, so fiele die Herrschaftszeit Davids in den Zeitraum von 1.004 bis 964 v. Chr. Und in der Tat ist dies die Regierungszeit, die für David in den meisten Quellen angegeben wird.
Bliebe aber die Frage, wie es zum Machtwechsel vom legendenbehafteten Saul auf David kam?
Saul stand in erbitterten Kämpfen gegen die Philister. David war ein einfacher Hirte und Zitherspieler (siehe Kinnor). Als Saul wieder einmal in Trübsal versinkt, wird der junge David an den Hof geholt und erheitert der Herrscher mit seinem Spiel (Buch Samuel 1). Er wird nachfolgend zu Sauls Begleiter und Waffenträger. Und er begleitet ihn an die Front vor der Philisterstadt Gat. Dort stellt sich den Israeliten ein hünenhafter Krieger entgegen namens Goliath - der Legende nach war er 2,90 Meter groß (sic!) und völlig in Eisen gepanzert -, der Saul und die Hebräer verspottet und sie auffordert, ihren besten Mann zum Zweikampf herzuschicken. David bietet sich an, den Hünen herauszufordern. Man zögert zunächst, erlaubt es David dann aber, wobei man ihm die Rüstung Sauls anbietet. Dieses lehnt er ab, und er tritt dem Riesen nur mit seiner Hirtenkleidung und seiner Steinschleuder entgegen; der Rest der Geschichte ist bekannt...
Nach dem Tode Goliaths macht der beeindruckte Saul David zu seinem Heerführer und Schwiegersohn. Gleichwohl trübte sich das Verhältnis nach und nach ein. Nach der Bibel war Saul hochgradig von Davids wachsendem Ansehen in seinen Kreisen gestört und er sah in ihm zunehmend einen Rivalen.
In seiner Situation, da er sich im Krieg unterlegen glaubte und der Kampf gegen die Philister noch lange nicht gewonnen war (und da er Gottes Rat nicht mehr glaubt bzw. keine Antworten auf entscheidende Fragen mehr erhält), sucht Saul den Rat der "Hexe" von Endor (eigentlich eher eine Mischung aus Wahrsagerin und Nekromantin, vgl. Buch Samuel 1). Interessant dabei ist, dass er von ihr eine Vorhersage haben wollte, wobei er selbst es war, so die Legende, der die Wahrsagerei eigentlich untersagt hatte. Von ihr erfährt er, dass er sein Königtum an seinen Nachfolger David verlieren würde - und er selbst noch zugleich sein Leben im Kampf gegen die Philister. Weswegen dies so ist, ist unsicher. Zumeist wird in der biblischen Überlieferung von ausgegangen, dass Gott sich von Saul abgewandt hatte, da dieser seine Anweisung, die Amalekiter (ein lt. der Bibel hinterlistiges und räuberisches Nomadenvolk in Kanaan) zu vernichten, nicht in letzter Konsequenz bereit war umzusetzen.
In jedem Fall führte die Endor-Aussage zu einem enormen Misstrauen bei Saul. Dies soll soweit gegangen sein, dass er schließlich eine Ermordung Davids plante. Dieser erkannte jedoch die Absicht und flüchtete rechtzeitig mit einer rund 300 Mann starken Gruppe von Getreuen in die Bergregionen Judäas. Von dort führte er einen jahrelangen Kleinkrieg gegen Saul und lässt anscheinend um 1010 v. Chr. auch Dörfer niederbrennen, die zu Saul hielten. Und er ließ einen Stammesführer der Kalebiter töten, der sich weigerte ihn zu unterstützen. Danach heiratete er dessen Witwe. Angeblich kämpfte David sogar als Söldner zeitweilig auf Seiten der Philister gegen Saul, dies wird aber von der Bibel verneint.
Ob es nun das wahnhafte Misstrauen Sauls war, oder aber es tatsächliche Usurpationsabsichten Davids gab (immerhin versprach er seinen Leuten namhafte Titel, sobald er König wäre), ist nicht mehr sicher zu eruieren. In jedem Falle endete das nahöstliche "Game of Thrones" im Jahr 1.004 v. Chr., als Saul in einer Schlacht gegen die Philister im Gilboa-Gebirge getötet wird. Mit ihm sterben zudem drei seiner Söhne.
David hielt sich zu diesem Zeitpunkt im Negev auf. Als er vom Tode des Rivalen hörte, eilte er nach Hebron und ließ sich dort vermutlich noch im Jahr 1.004 v. Chr. zum neuen König krönen. (Wenngleich er auch erst nur König von Juda ist.) Er ist rund 30 Jahre alt und beinahe am Ziel, aber nur beinahe, denn die zehn nördlichen Stämme Israels verweigern ihm die Gefolgschaft, erklären sich für eigenständig und rufen einen der Söhne Sauls als König aus...
Fortsetzung folgt.
Schneemann
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Um da mal ein ernenut paar Korrekturen vorzunehmen:
Zitat:Um 1200 v. Chr.: Unser noch kleines Völkchen der Hebräer hatte sich also im Bergland Kanaans niedergelassen.
Was wie ich es oben schon ausführlich erläuterte so nicht stimmt. Es gab keine Einwanderung eines Völkchens der Hebräer. Diese bildeten sich vor Ort, mit der Machtübernahme des Berglandes durch herummarodierende Söldner- und Räuberbanden. Welche auch von dort stammten. Denn es ist ja gerade eben der entscheidende Punkt, dass es für Kanaan eine ganz eindeutige Besiedlungskontinuität gibt, außer an der Küste entlang, wo die Seevölker durchgezogen sind bzw. sich Anteile von diesen dort niederließen. Was wahrscheinlich ebenfalls ein wesentliches Motiv für eine zunehmende Machtkonzentration im Bergland war, um dem militärischen Druck der Neuankömmlinge besser standhalten zu können.
Zitat:Um die Zeit von 1.200 v. Chr. greift das Buch der Richter. Die hebräischen Stämme schlossen sich vermutlich in der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr. zu einem Bündnis zusammen, um den Angriffen der Philister besser widerstehen zu können.
Die Philister (Peleset) waren 1200 v Chr noch gar nicht präsent. Die semitischen Stämme, aus welchen sich zu dieser Zeit die Habiru bildeten - wobei der Begriff Habiru keine Stamm und keine Ethnie bezeichnet, sondern eine Art soziale Klasse bzw. Gruppenzugehörigkeit über verschiedene Stämme hinweg, dienten zu dieser Zeit oft als Söldner im Dienste der Ägypter.
Zitat:David wurde vermutlich um 1.034 v. Chr. in Betlehem geboren. Er ist der erste König der Israeliten, der auch historisch greifbar ist.
David war höchstwahrscheinlich einer der Söldnerführer / Warlords der Habiru, welchem es gelang verschiedene Gruppen der Habiru zu vereinigen und sich zu deren alleinigem Anführer aufzuschwingen. Damit entstand ein unabhängiges "Königreich" der Habiru aufgrund des Zerfall der ägyptischen Macht in dieser Gegend. Alles vor David ist im Prinzip reine Spekulation.
Zitat:In jedem Fall führte die Endor-Aussage zu einem enormen Misstrauen bei Saul. Dies soll soweit gegangen sein, dass er schließlich eine Ermordung Davids plante. Dieser erkannte jedoch die Absicht und flüchtete rechtzeitig mit einer rund 300 Mann starken Gruppe von Getreuen in die Bergregionen Judäas. Von dort führte er einen jahrelangen Kleinkrieg gegen Saul und lässt anscheinend um 1010 v. Chr. auch Dörfer niederbrennen, die zu Saul hielten. Und er ließ einen Stammesführer der Kalebiter töten, der sich weigerte ihn zu unterstützen. Danach heiratete er dessen Witwe. Angeblich kämpfte David sogar als Söldner zeitweilig auf Seiten der Philister gegen Saul, dies wird aber von der Bibel verneint.
Durch die Präsenz der Peleset waren die Habiru gezwungen sich zusammen zu schließen um dem militärischen Druck der Peleset zu begegnen. Dem folgend kam es zu internen Machtkämpfen bei den Habiru um die Kontrolle des von ihnen beherrschten Landes. Dem folgend setzte sich David bei diesen Machtkämpfen verschiedener Söldner-/ Räuberanführer durch (das beschreibt die Saul-Legende in Wahrheit) und stieg zum Machthaber über die Habiru auf.
Zitat:David hielt sich zu diesem Zeitpunkt im Negev auf. Als er vom Tode des Rivalen hörte, eilte er nach Hebron und ließ sich dort vermutlich noch im Jahr 1.004 v. Chr. zum neuen König krönen. (Wenngleich er auch erst nur König von Juda ist.) Er ist rund 30 Jahre alt und beinahe am Ziel, aber nur beinahe, denn die zehn nördlichen Stämme Israels verweigern ihm die Gefolgschaft, erklären sich für eigenständig und rufen einen der Söhne Sauls als König aus...
Interessant ist in diesem Kontext die Einnahme von Jerusalem durch David. Die sich auch archäologisch nachweisen lässt.
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@Quintus
Zitat:Was wie ich es oben schon ausführlich erläuterte so nicht stimmt. Es gab keine Einwanderung eines Völkchens der Hebräer.
Jein. Wie ich schon 2024 auf den vorangegangenen Seiten geschrieben hatte, lassen sich für ca. 1.200 v. Chr. Einwanderungsspuren dort nachweisen, auch gibt es Siedlungsnachweise. Ob dies nun "Hebräer" waren und ob meine Formulierung so zutreffend ist, darüber kann man sicher streiten. Ebenso gibt es ja die bekannten Thesen, dass es Vermischungen zwischen den Einwanderern und den dort bereits ansässigen Völkerschaften gab. Da wir das aber nach rund 3.200 Jahren nicht zur Sicherheit klären werden können, habe ich meistens auf biblische Umschreibungen zurückgegriffen - die, was ebenso unbestreitbar ist, wiederum diskutabel sind.
Zitat:Die Philister (Peleset) waren 1200 v Chr noch gar nicht präsent.
Auch ein jein - wobei ich mir mit dem "Jein" nicht zu eigen machen will, eine hundertprozentige Antwort zu kennen. Ich bezog mich auf das Buch der Richter. Und diese greift grob ab 1.200 v. Chr., zudem sprach ich von "der 1. Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr.", was die Herausbildung des Richterwesens bei den Israeliten angeht, also von einer Zeit, in der der Seevölkersturm bereits stattfand. Ob man nun die Philister darunter subsummiert oder nicht - wobei es auch Forscher gibt, die den Beginn des Seevölkersturms schon auf das Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. terminieren -, bleibt dahingestellt. Das Problem ist, dass wir uns hier in sehr unscharfen Zeitströmen bewegen, was natürlich mehrere Thesen zulässt.
Nur aber nochmals um Missverständnissen vorzubeugen: Sowohl die Richter als auch Saul sind rein in biblischen Quellen erwähnt, es gibt (bislang) keine wissenschaftlich-archäologischen Quellen, die sie bestätigen würden. Es sind also somit reine Theorien.
Zitat:David war höchstwahrscheinlich einer der Söldnerführer / Warlords der Habiru, welchem es gelang verschiedene Gruppen der Habiru zu vereinigen und sich zu deren alleinigem Anführer aufzuschwingen.
Das ist durchaus möglich. Zu David gibt es verschiedene Thesen. Ich werde aber David und die Einnahme Jerusalems in meinem nächsten Beitrag aufgreifen. Vielleicht am kommenden Wochenende.
Schneemann
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Zitat:Jein. Wie ich schon 2024 auf den vorangegangenen Seiten geschrieben hatte, lassen sich für ca. 1.200 v. Chr. Einwanderungsspuren dort nachweisen, auch gibt es Siedlungsnachweise. Ob dies nun "Hebräer" waren und ob meine Formulierung so zutreffend ist, darüber kann man sicher streiten. Ebenso gibt es ja die bekannten Thesen, dass es Vermischungen zwischen den Einwanderern und den dort bereits ansässigen Völkerschaften gab. Da wir das aber nach rund 3.200 Jahren nicht zur Sicherheit klären werden können, habe ich meistens auf biblische Umschreibungen zurückgegriffen
Darüber kann man nicht streiten, wenn man sich auf den archäologischen Befund stützt. Und nicht auf die Bibel oder andere schriftliche Aufzeichnungen.
Fakt ist, dass es keine Einwanderung von außen bzw. von Fremden in das Bergland / Hinterland von Kanaan in dieser Zeit gab - sondern: es wanderten Kanaaiter von der Küste weg ins Hochland bzw. Hinterland und gründeten dann dort auch neue Siedlungen. Das waren also Binnenflüchtlinge. Mit der exakt gleichen Kultur, weshalb die "Einwanderungsspuren" sich dem folgend kulturell auch von den Spuren der Altansässigen praktisch nicht unterscheiden. Allenfalls dahingehend, dass es zu dieser Zeit in diesem Gebiet eine deutlich Deurbanisierung gab.
Es war also keine Vermischung von Kanaaitern mit Einwanderern, oder eine Einwanderung eines vermeintlichen Stammes der Hebräer, sondern eine Verschiebung der exakt gleichen Bevölkerung weg von der Küste. Mit zugleich ablaufenden deutlichen sozialen Veränderungen. Die archäologischen Funde zeigen das absolut eindeutig.
Zitat:Auch ein jein - wobei ich mir mit dem "Jein" nicht zu eigen machen will, eine hundertprozentige Antwort zu kennen. Ich bezog mich auf das Buch der Richter. Und diese greift grob ab 1.200 v. Chr.
Und wieder: Archäologischer Befund und Bibel "widersprechen" sich hier. Wobei man der Bibel zugute halten muss, dass jeder heutige Versuch hier exakte Chronologien aufzustellen wann welches biblische Ereignis genau war höchst fragwürdig ist. Man könnte es auch so interpretieren, dass die Bibel hier einfach Ereignisse zu einem anderen, späteren Zeitpunkt beschreibt.
Zitat:Nur aber nochmals um Missverständnissen vorzubeugen: Sowohl die Richter als auch Saul sind rein in biblischen Quellen erwähnt, es gibt (bislang) keine wissenschaftlich-archäologischen Quellen, die sie bestätigen würden. Es sind also somit reine Theorien.
Und deshalb schreibe ich auch nicht über die Richter oder über Saul, sondern über die tatsächlich nachgewiesenen archäologischen Befunde, welche belegen, dass es keine Einwanderung eines Volkes der Hebräer nach Kanaan gab. Sondern dass es in Kanaan zu sozialen und höchstwahrscheinlich auch religiösen Umwälzungen kam, einschließlich einer Verlagerung der Bevölkerung weg von der Küste.
Zitat: Das Problem ist, dass wir uns hier in sehr unscharfen Zeitströmen bewegen, was natürlich mehrere Thesen zulässt.
Nur was die Bibel angeht, oder andere Schriften aus dieser Zeit, wie beispielsweise das Amarna Archiv oder entsprechende andere Schriften aus Ägypten, aber aus dem Bereich des Zweistromlandes etc.
Der archäologische Befund hingegen ist absolut klar und es ist hier aktueller wissenschaftlicher Konsens, dass das Volk der Hebräer vor Ort entstand, aus Gruppen die schon vorher dort lebten und eben nicht einwanderten. Etwaig - wie ich es ja früher hier schon erwähnt habe - mit einer gewissen, geringen Einwanderung von kulturell und sprachlich verwandten Gruppen vom Sinai (Moses).
Die Hebräer sind unmittelbare direkte Nachfahren der Kanaaiter. Sie sind Kanaaiter.
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Ich will dir da gar nicht widersprechen. Und ja, es ist durchaus möglich, dass die Hebräer aus den Kanaanitern hervorgingen - oder solche waren.
Allerdings ist unklar, was die Abwanderung ins Binnenland verursachte, denn die "Landnahme" dürfte um die 100 Jahre gedauert haben, das lässt sich archäologisch nachweisen. Für ein so kleines Gebiet eine sehr lange Zeit. D. h. es ist eher unwahrscheinlich, dass von der Küste vertriebene Kanaaniter, denen ein Gegner im Nacken saß, sich derart lange Zeit ließen. Hinzu kommt, dass die Seevölker ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. in der Ostlevante eindrangen (vgl. meinen Hinweis auf Ugarit bzgl. deren erstmaliger Nennung; um 1.190 v. Chr.), aber dann bleibt die Frage, was für eine Ursache die Wanderungsbewegung hatte, denn diese setzte bereits im 13. Jahrhundert v. Chr. ein?
Zitat:Wobei man der Bibel zugute halten muss, dass jeder heutige Versuch hier exakte Chronologien aufzustellen wann welches biblische Ereignis genau war höchst fragwürdig ist.
Zweifelsohne. Das Problem findet sich auch bei direkten Überlieferungen. Die Angabe einer Regierungszeit von 40 Jahren kann bedeuten, dass die Person tatsächlich 40 Jahre lang herrschte, aber es kann auch bedeuten, dass sie nur vergleichsweise lange herrschte, ohne dass man eine Jahresdauer ableiten kann. Ich werde hier auch keine Lösung anbieten können, denn dafür reichen auch Doktorarbeiten nicht aus, insofern stütze ich mich bei Postings hier auf die "gängigsten" Angaben.
Schneemann
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Genau deshalb schrieb ich ja, dass die Peleset et al nicht der Grund für die Abwanderung waren.
Sondern ich schrieb von drastischen Sozialen und Politischen Veränderungen innerhalb der Kanaaiter selbst, Deurbanisierung (!), Verlagerung ins Hinterland, Verfall der Landwirtschaft und deutliche Zunahme der Viehzucht sowie Rückkehr halbnomadischer Wirtschaftsformen, allgemein sinkende Bevölkerungszahlen und höchstwahrscheinlich - eine deutliche Zunahme an inneren Kämpfen, Alltagsgewalt usw.
Wir sehen hier schlussendlich eine Abwärtsspirale innerhalb der Kanaaiter selbst, welche bis zur Errichtung neuer Strukturen (Königreich der Hebräer / David) schlussendlich ein langsamer aber massiver sozialer Zerfall war.
Was verursachte diesen? Zum einen der Verfall der ägyptischen Macht in dieser Region, der Rückzug ägyptischer Truppen bzw. das Ausbleiben ägyptischer Eingriffe in die Inneren Querelen, zunehmendes Banditen- und Räubertum, Warlordtum, schlussendlich genau das was man auch heute in Failed States beobachten kann, Fragmentisierung der Macht, sich ausweitende innere Kriege und Auseinandersetzungen, Söldnertum, herumziehende Marodeure, Verfall der Landwirtschaft weil diese der immer massiveren inneren Unsicherheit nicht standhalten konnte, ein Abflauen jedweden Handels, religiöse und soziale Wirren und vermutlich - und das ist inbesondere wichtig für die Entstehung der Hebräer / Protojuden: neue Kulte bzw. hier ein neuer Kult. Etwaig (Spekulation) kam es dem folgend auch zu massiven religiös begründeten Auseinandersetzungen, in welchen sich schließlich der neue Kult als einigendes Band der Söldnerbanden durchsetzte.
Kurz und einfach: der soziale Zerfall fand in Kanaan schon statt, bevor die Seevölker kamen. Und das lässt sich hier auch eindeutig archäologisch so nachweisen.
Und nun zum eigentlich interessanten Umkehrschluss: es gibt daher die These, dass der allgemeine soziale Verfall in dieser Zeit eine der wesentlichsten Grundlagen dafür war, dass es überhaupt zum Seevölkersturm kam, bzw. dass dieser überhaupt möglich wurde und dann stattfand. Damit drehen sich Ursache und Wirkung um.
Die Seevölker konnten sich an der Küste von Kanaan festsetzen, gerade eben weil die kanaaitischen Stadtstaaten im Untergang begriffen waren, nicht umgekehrt. Die Kanaaiter flohen also nicht vor den Seevölkern ins Landesinnere, sondern die Seevölker konnten sich wegen der Entvölkerung, Deurbanisierung und dem Verfall in Kanaan an der Küste festsetzen.
In diesem Kontext ist der Begriff Hebräer meiner Meinung nach höchst aufschlussreich. Denn er leitet sich meiner Überzeugung nach absolut eindeutig von den Habiru ab. Dies ist allerdings ein Wort dass es im Nahen Osten schon lange vor den Seevölkern gab. Es bezeichnete zum einen Marodeure, Söldner, größere Räuberbanden, aber auch zugleich Abschaum, Gesindel, und vor allem auch entlaufene Sklaven.
Die großen Streitwagenheere der Großmächte dieser Zeit heuerten nun in den Jahrzehnten vor dem Seevölkersturm nachweislich die vielen verschiedenen Gruppen der Habiru sehr weitgehend in ihren Kriegen als Söldner an. Dieses Söldnertum, kurz und einfach Warlordtum, wurde dann in Kanaan zu einem immer massiven destabilisierenden Faktor, zumal die Kanaaitischen Stadtstaaten mit dem Verfall der ägyptischen Macht in Kanaan in ihren internen Kämpfen auch Habiru einsetzten.
Ich will in diesem Kontext eine interessante Analogie anbringen: In den vielen internen Kämpfen in Süditalien im Frühmittelalter kam es vom reinen Prinzip her zur gleichen Entwicklung. Die Macht von Byzanz in Süditalien verfiel, ebenso sie des Weströmischen Kaisers, die Stadtstaaten und andere Gruppen dort gerieten in eine massive Abwärtsspirale, es kam zur Invasion der Muslime in Sizilien und auch in Teilen Süditaliens, welche aber ja gerade eben erst durch diesen Verfall ermöglicht wurde, also nicht die Ursache desselben war, sondern die Folge desselben. Und schlussendlich setzten alle Seiten immer mehr normannische Söldner ein, bis diese sich dann langsam durchsetzten und ein völlig neues geeignetes süditalienisches Königreich errichteten.
Schlussendlich muss man sich meiner Meinung nach die Entwicklung in Kanaan in der Zeit unmittelbar vor dem Angriff der Seevölker sehr ähnlich vorstellen (vom Konzept her). Und es drangen mit den Kanaaiten eng verwandte Gruppen vom Sinai nach Kanaan vor, welche ebenfalls zu den Habiru zu rechnen sind (Moses / Israel Gruppe). Schließlich setzte sich einer dieser Söldner / Warlords durch und begann das ganze Land zu vereinigen und dass war dann schlussendlich David, womit das Hebräische Königtum und der bei den Habiru Banden zuerst verbreitete neue Kult sich durchsetzen.
Die Binnnenflüchtlinge von der Küste flohen also zunächst (!) nicht vor den Seevölkern, sondern die Stadtstaaten Kanaans verfielen bereits davor. Söldnerbanden, Räuber und Marodeure, teilweise aus Halbnomaden vom Sinai bestehend wurden in den inneren Kämpfen eingesetzt. Das ganze Land ging zugrunde und dann fielen auch noch die Seevölker ein (ermöglich durch eben diesen Verfall). Dann setzte sich bei den Kämpfen dieser ganzen Warlordbanden eine Gruppe der Habiru durch und errichtete den ersten jüdischen Staat.
So meine Sichtweise des damaligen Geschehens, welche meiner Ansicht nach sehr weitgehend vom aktuellen archäologischen Befund gestützt wird. Aber ist das nun überhaupt ein wirklicher Widerspruch zur Bibel ?! Nein überhaupt nicht.
1 Samuel 27
Zitat:Es bleibt nichts anderes übrig, als mich im Land der Philister in Sicherheit zu bringen. Dann wird Saul mich in Ruhe lassen und aufhören, mich weiter im ganzen Gebiet Israels zu suchen, und ich bin seiner Hand entkommen. David machte sich also auf den Weg und ging mit den sechshundert Männern, die bei ihm waren, zu Achisch hinüber, dem Sohn Maochs, dem König von Gat. Und er blieb mit seinen Leuten bei Achisch in Gat; alle hatten ihre Familien bei sich, David seine beiden Frauen: Ahinoam, die Jesreeliterin, und Abigajil aus Karmel, die Frau Nabals. Als man Saul meldete, dass David nach Gat geflohen war, suchte er nicht mehr weiter nach ihm. David sagte zu Achisch: Wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, dann weise mir einen Wohnraum in einer der Städte des flachen Landes zu, wo ich mich niederlassen kann. Warum soll dein Knecht bei dir in der Königsstadt wohnen? Da gab ihm Achisch noch am gleichen Tag Ziklag. Deshalb gehört Ziklag den Königen von Juda bis zum heutigen Tag. Die Zeit, die David im Land der Philister verbrachte, betrug ein Jahr und vier Monate.
David zog mit seinen Männern aus und sie unternahmen Raubzüge bei den Geschuritern, den Geresitern und den Amalekitern; diese bewohnen von jeher das Gebiet in Richtung Schur und nach Ägypten zu. David verheerte das Land und ließ weder Männer noch Frauen am Leben; Schafe und Rinder, Esel, Kamele und Kleider aber nahm er mit. Wenn er dann zurückkehrte und zu Achisch kam und Achisch ihn fragte: Wohin habt ihr heute euren Raubzug gemacht?, antwortete David: ins Südland von Juda, oder: ins Südland der Jerachmeeliter, oder: ins Südland der Keniter. Weder Männer noch Frauen ließ er am Leben und er brachte niemand nach Gat; denn er sagte sich: Niemand soll etwas über uns berichten und sagen können: Das und das hat David gemacht. So hielt er es die ganze Zeit über, solange er sich im Land der Philister aufhielt. Achisch aber schenkte David Vertrauen, denn er sagte sich: Er hat sich bei seinem Volk, bei den Israeliten, so verhasst gemacht, dass er für immer mein Knecht bleiben wird.
Könnte eins zu eins auch in Süditalien im Frühmittelalter sein. Man setze beispielsweise Aversa oder Melfi für Ziklag, Drengot für Saul und Hauteville für David usw.
Ich hoffe dass ich meine Sichtweise dadurch klarer darlegen konnte.
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Um die wesentlichsten 7 Kernpunkte nochmal hervorzuheben:
1. Die Proto-Juden stammen (weitestgehend) direkt von den Kanaaitern ab, weil sie Kanaaiter sind. Es gab keine Einwanderung eines Volkes der Hebräer bzw. der Juden nach Kanaan, sondern es kam zu sozialen und religiösen Umwälzungen in Kanaan selbst.
2. Der entscheidendste Punkt ist also, dass es hier eine Bevölkerungskontiunität gab. Es wandere kein anderes Volk ein und ersetzte die Kanaaiter, sondern es gab eine eindeutige und archäologisch und genetisch gesichert nachgewiesene Bevölkerungskontinuität. Was sich änderte waren Lebensweise, Wirtschaftsweise und Religion.
3. Die Siedlungen im Hochland die neu gegründet wurden, bzw. die Verlagerung der Bevölkerung von der Küste ins Hochland ist eine Innere Sache der Kanaaiter. Es sind Kanaaiter welche hier ins Hochland abwandern. Aus einer Vielzahl von Gründen.
4. Die Sozialkultur und die Religion änderten sich bei den Gruppen im Hochland. Wobei der Kult des JHWH zunächst nur einer neben mehreren anderen war. Es steht zu vermuten, dass sich der Kult des JHWH dann vor allem bei den Habiru durchgesetzt hat.
5. Schließlich setzte sich eine der Gruppen der Habiru durch und unterwarf die anderen und dem folgend entstand damit der erste Proto-Jüdische Staat.
6. David war ein Warlord und Söldnerführer aus der gesellschaftlichen Klasse der Habiru.
7. Und absolut wesentlich und entscheidend: Die Habiru sind kein Volk, keine Ethnie, sondern eine soziale Klasse und zudem ein Begriff der schon lange und bei verschiedenen Völkern in dieser Region verwendet wurde. Es war also die Machtübernahme dieser sozialen Klasse bzw. einer Gruppe dieser Klasse, welche den ersten jüdischen Staat entstehen ließ.
https://www.youtube.com/watch?v=JC5lt5E3eXU7
Schlussendlich setzte sich eine Gruppe aus einer bestimmten sozialen Schicht der Kanaaiter durch, die einem eigenen Gott anhing, unterwarf alle (kanaaitischen) Gruppen im Hochland unter ihre Vorherrschaft, und so entstand das Judentum.
Oder um die Bibel selbst zu zitieren (wobei das natürlich jetzt aus dem Kontext gerissen ist)
Ezechiel 16
Zitat:So spricht GOTT, der Herr, zu Jerusalem: Deiner Herkunft und deiner Geburt nach bist du aus dem Land der Kanaaniter. Dein Vater ist ein Amoriter und deine Mutter eine Hetiterin. Bei deiner Geburt, am Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht abgeschnitten........du wurdest auf das freie Feld hingeworfen, weil man dich verabscheute am Tag, an dem du geboren wurdest. Da kam ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blut strampeln; und ich sagte zu dir in deinem Blut: Bleib am Leben! .........Da kam ich an dir vorüber und sah dich und siehe, deine Zeit war da, die Zeit der Liebe. Ich breitete den Saum meines Gewandes über dich und bedeckte deine Blöße. Ich leistete dir den Eid und ging mit dir einen Bund ein - Spruch GOTTES, des Herrn - und du wurdest mein.
(ich weiß, es ist im Gesamtkontext an dieser Stelle nicht so gemeint, aber es trifft es so perfekt)
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