Aegrotare:
Zitat:Kannst du das noch etwas ausführen? Weil für mich ist das keine zwingende Logik.
Natürlich, sehr gerne.
Zitat: Ich hätte gedacht das man dann zum Beispiel eine Art von Vorhängen in Gräben einbaut durch die eine FPV-Drohen einfach nicht durchfliegen kann, und das mit den Netzen zur Tarnung und zum Schutz gegen bomber Drohnen habe ich ja auch schon geschrieben.
Zum einen gibt es nicht nur FPV Drohnen. Beide Seiten setzen inzwischen Flammenwerferdrohnen ein und regelrechte Anti-Material-Drohnen welche Hindernisse für andere Drohnen beseitigen sollen, Drohnen mit teilweise erstaunlich starken Sprengladungen und bei aller Dominanz darf man in diesem Kontext auch die Artillerie nicht vergessen, welche gerade eben wegen der Drohnen sehr viel besser trifft und viel leichter und besser aufklärt und nicht zuletzt auch die Gleitbomben, welche sogar primär gegen ukrainische Grabensysteme zum Einsatz kommen. Oft ist es dann aber so, dass die Gleitbomben schlussendlich nur das Gabensystem beschädigen, aber kaum Ukrainer dadurch umkommen (weil die Gräben ohnehin in erstaunlich weiten Teilen leer sind), man dann aber die durch die Gleitbomben geschaffenen Schäden für präzisere Drohnenangriffe in die Gräben hinein nutzt. Denn warum sollte man mit Infanterie Gräben stürmen, wenn dies auch mit einer Kombination anderer Wirkmittel aus der Distanz geht ?! usw.
Darüber hinaus - und diesen Punkt hattest du ja auch schon vermutet bzw. hast ihn hier nochmal angesprochen, ist - wie ich es ja explizit geschrieben habe - einfach die Mannstärke vorne zu gering. Die Menge der ukrainischen Infanterie reicht nicht, um ein Grabensystem wie es notwendig wäre zu besetzen, geschweige denn es zu bauen. Der Druck ist an der Front auch zu groß, um Gräben ruhig ausbauen zu können. Noch bevor die Gräben überhaupt richtig errichtet sind, hagelt es bereits dermaßen und derart durchgehend, dass man einfach nicht mehr dazu kommt die Gräben noch selbst zu verbessern.
Auf der Gegenseite natürlich das gleiche. Das Problem hierbei - im Kontext der Drohnen (!) - ist die Frage der Aufklärung durch Drohnen und die Tiefe des Raumes der mit ihnen bestrichen werden kann. Man hat praktisch statt einer Front mit einem Niemandsland dazwischen wie es im 1WK war auf beiden Seiten Stellungssysteme, mit einem Niemandsland dazwischen, aber zugleich einem Niemandsland dahinter (!) Das ist der entscheidende Unterschied zum 1WK. Die Drohnen beherrschen den Raum teilweise 20 km tief, teilweise 30 km tief und in sehr hoher Dichte und mit einer Unzahl von FPV Drohnen teilweise bis zu 10 km hinter den Stellungssystemen. Damit hat man das Problem, dass man neue Gräben sehr viel weiter hinten ausheben müsste, um diese überhaupt einsatzfähig zu kriegen. Weiter vorne aber kriegt man weder Material noch genug Mannkraft bewegt um die Gräben auszubauen.
Deshalb steigen russische Soldaten hier und heute bei einer Distanz von 20 km zu den Ukrainern von ihren Fahrzeugen ab und bringen inzwischen in manchen Frontabschnitten fast alles nur noch zur Fuß in kleinen Trupps irgendwie nach vorne. Einschließlich des Mannersatz und neuer Sturmtruppen. Dabei erleiden sie bereits signifikante Verluste vor allem durch Drohnen bevor sie überhaupt vorne in den Gräben angekommen sind. Das gleiche gilt für die Ukrainer, wobei diese dank westlicher Panzer da öfter mal näher ran können.
Dazu kommt die psychologische und körperliche Überlastung der Soldaten durch die Drohnenkriegsführung. Die ständige Drohnengefahr, der erhebliche Dauerstress (beide Seiten setzen auch Drohnen ein deren Zweck es allein ist laute Drohnengeräusche zu verursachen damit die Gegenseite dadurch in Angst versetzt wird usw usw), dieses ständige nach oben ausgeliefert sein, führen dazu, dass beide Seiten am Boden rasant erschöpfen (analog zu einer fortwährenden massiven Scharfschützenbedrohung nur noch viel krasser). Entsprechend sind die Soldaten teilweise nach kurzer Zeit kaum noch in der Lage irgend etwas zu tun als sich zu verstecken. Die schaffen es körperlich wie geistig gar nicht mehr unter diesen Bedingungen die Feldbefestigungen ständig auszubauen.
Man unterschätzt auch den Aufwand dafür. Beispielsweise benötigt ein Grabenabschnitt in einem gut ausgebauten Zustand der einen Zug fassen soll wenn dieser Zug ihn selbst errichten soll ungefähr eine Woche durchgehende harte Arbeit. Und entsprechendes Material. Das ist alles so nicht mehr gegeben. Man gräbt sich nur noch notdürftig ein und errichtet die Gräben nur noch so weit wie möglich, und kann dann schon nicht mehr weiter.
Da die Gräben aber wie schon geschrieben immer mehr zu bloßen Ausfallwegen von den Verstecken werden, ist das auch nicht weiter relevant und so greift eins ins andere: gerade weil die Gräben in ihrer Bedeutung nachlassen, werden sie nicht mehr so stark ausgebaut wie es möglich wäre, wodurch sich ihre Bedeutung von einem Stellungssystem von dem aus gekämpft wird zu einem Bewegungssystem für Ausfälle ändert. Eine solche Form benötigt aber eben keinen klassisch ausgebauten Graben.
Man sieht das übrigens als Kontrapunkt sehr gut an der weißrussischen Grenze, wo tiefe und sehr gut ausgebaute Grabensysteme vorhanden sind und viele tief gelegene Bunkeranlagen usw. Die ukrainischen Grabensysteme im Norden der Ukraine sind daher völlig andere als an der Front im Osten, die Unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Der Grund ist höchst einfach: dass die Ukrainer es dort aufgrund von Zeit, Abwesenheit von Kämpfen und weitgehender Abwesenheit von Drohnen geschafft haben, diese Grabensysteme sehr weitgehend auszubauen.
Zitat:Am Ende ist es warscheinlich echt die geringe Mannstärke die zu diesen schlecht ausgebauten Stellungen führt.
Eben nicht nur. Die Mannzahl ist unzureichend - aber die Männer sind auch viel erschöpfter als früher, sie kommen nicht mehr zur Ruhe und man hat wie gesagt ein Niemandsland von 10 bis 25 km Tiefe auch hinter sich. Also nicht nur zwischen den eigenen Gräben und denen des Feindes, sondern auch hinter sich. Man kriegt weder genug Material nach vorne noch können die Soldaten das überhaupt leisten und selbst wo sie es schaffen, werden die stärker befestigten Gräben auch schlicht und einfach dann wieder durch den Drohnenhagel, Artilleriehagel und Gleitbomben degradiert, aufgebrochen und zerstört so dass die kleineren präziseren Drohnen schon wieder in sie hinein wirken können.
Entsprechend ist das primäre Stellungssystem eigentlich die Vielzahl der verstreut liegenden Verstecke, von denen aus man operiert (wenn möglich).
Zitat:Und das die Ukraine ein Problem mit Korruption und inkompetenz im Festungsbau ein paar Kilometer hinter der gehaltenen Front hat ist ja auch bekannt.
Ein paar Kilometer reichen da gar nicht. Neue Stellungssysteme muss man eigentlich so um die mindestens 30 km hinter der Front bauen. Das Problem ist aber, dass die ukrainische Führung zunehmend nicht umsetzbare Haltebefehle raushaut, weil man aus politischen Gründen nicht so weit zurück gehen will und es daher den Truppen verbietet. Entsprechend baut man neue Stellungssysteme oft zu nah an der Front und kriegt diese dann gar nicht mehr richtig fertig. Besser wäre es sogar, in ungefähr 50 km Tiefe neue Stellungen zu bauen, aber das kann und will die ukrainische politische Führung nicht verantworten. Also versuchen die Truppen selbst an der Front irgendwie neue Stellungen zu bauen.
Wie alphall es so richtig anführt, ist das Problem auf russischer Seite geringer, weil die ja nur ständig in (sehr langsamer) Vorwärtsbewegung sind, und erbeutete ukrainische Gräben hinter sich haben welche sie ausbauen. Die Russen verschleißen auch dabei zudem nach belieben Menschenmaterial, dass ist ihnen egal und sie haben einfach auch viel mehr davon. Entsprechend werden die russischen Gräbensysteme hinter der Front immer stärker, weitreichender und besser, einfach weil sie schon aufgreifen und ausnützen können, was die Ukrainer bereits vorgelegt haben.
Die Korruption würde ich im weiteren zwar auch als ein Problem einschätzen, aber nicht als das wesentlichste, zumal die Korruption auf russischer Seite noch mal viel extremer ist. Ein Problem ist hier sicherlich der Mangel an Können (Inkompetenz) - welcher aber auch aus den immensen Verlusten her rührt. Zudem setzt man erfahrene Soldaten woanders ein und lässt daher oft Zivilisten das bauen, teilweise sogar ohne genauere Anleitungen wie sie das machen sollen. Der Druck ist einfach zu hoch, die Möglichkeiten das zu lenken zu gering. Entsprechend werden manche dieser Grabensysteme nicht einmal verwendet, sondern einfach nur beim zurück gehen für die eigene Ari und Mörser eingemessen und vermint.
Zitat:Noch eine andere Frage. Ich sehe auch recht viele Angriffe an Tag und nur wenige in der Nacht. Haben Wärmebildoptiken den Angriff in der Nacht überflüssig gemacht oder haben die Sachen die ich sehen einfach einen Bias?
Meiner Meinung nach Bias, dahingehend, dass die Kämpfe dort eben nicht ganz so ablaufen wie das die Bilder so implizieren.
Thermalsichtgeräte sind im weiteren auf russischer Seite nicht so häufig. Die haben meist eher normale Restlichtverstärker. Das wird von russischen Soldaten als ständiger Mangel seit Kriegsbeginn massiv kritisiert, dass Thermalsichtgeräte fehlen. Und auch die Ukrainer haben nicht so viele davon wie man meinen möchte.
Interessante Randnotiz: die Russen warnen davor, sich Nachts zu sehr auf Nachtsichgeräte zu verlassen, weil man damit zwar gut aufklären könne, aber nicht gut treffen könne. Die Nachtsicht-Zieloptiken der Russen taugen anscheinend nicht, sie treffen damit nicht.
Beide Seiten kämpfen Nachts sehr weitgehend mit Granaten. Da wird sehr oft mehr Granaten geworfen als geschossen. Teilweise werden sogar nur Granaten geworfen und gar nicht geschossen. Und die Ukrainer haben auch schon mal öfter den Befehl rausgegeben möglichst nicht zu schießen bei Nacht, weil stärkeres Mündungsfeuer sehr schnell russische Artillerie anzieht. Sobald die Russen irgendwo mehr Mündungsfeuer sehen in der Nacht, wird alles kreuz und quer mit Artillerie beschossen. Umgekehrt fahren die Russen auf schallgedämpfte Waffen ab welche das Mündungsfeuer schlucken. Aber es gibt kaum Schalldämpfer bzw. schallgedämpfte Spezialwaffen, obwohl gerade die Russen hier für den Grabenkrieg und den Nachteinsatz herorragend geeignete Systeme hätten (Kaliber 9x39mm).
Noch eine spaßige Randnotiz in diesem Kontext: die Russen feuern Nachts mal gerne mit ROP Flammenwerfern (eigentlich Raketenwerfer mit einem Flammsatz) vor ukrainische Gräben bevor sie versuchen diese zu stürmen oder sie entzünden vor ihren eigenen Stellungen größere Feuer in der Nacht. Das soll alles ukrainische Nachtsicht / Thermalsicht behindern.
Aber auch sonst ist die Tarnung vor Thermalsicht ein großes Thema, aber man hat kaum irgendwelche Mittel dafür. Die Russen kriegen teilweise am Boden und halten einfach einen mit Dreck und Blättern beklebten Pappkarton vor sich oder schmieren Fahrzeuge und sich selbst mit Schlamm ein und was sonst noch alles. Das meiste davon funktioniert nicht oder nur kaum. Auch Ponchos mit innen eingenähten Rettungsdecken u.ä. werden als Schutz gegen Thermalsicht getragen, ebenfalls mit bescheidenem Erfolg.
Der Umstand dass die Tarnung gegen Thermalsicht bei den Russen so ein Dauerthema ist, bei den Ukrainern aber weniger zeigt auf, dass die Russen hier einen deutlichen Mangel bei Thermalsichtgeräten haben. Entsprechend ist der Nachtkampf nicht so von Thermalsichtgeräten geprägt wie man das meinen könnte. Im übrigen sind Thermalsichtgeräte nicht nur Nachtsüber ein Problem - auch Tagsüber ist Thermalsicht hochproblematisch, insbesondere beim Kampf in und um Gräben. Weil man auch Tagsüber mit seiner Wärmesignatur im Gegensatz zum Boden / Grabenrand sofort heraus sticht:
https://www.youtube.com/shorts/xKZb4xHaxdE
Beide Seiten kontern das manchmal mit Glasscheiben, welche sie wie Fenster in Sichtlöcher verbauen. Sie blicken dann durch die Glasscheibe mit einigem Abstand dahinter und sind damit für Thermalsicht dann hinter der Glasscheibe nicht zu sehen. Die Russen verwenden stattdessen oft einfach erneut Kartons welche sie im inneren mit Rettungsdecken bekleben oder auch Isomatten in welche sie Schlitze reinschneiden. Das schränkt aber dann natürlich auch wiederum das eigene Sichtfeld ein.
Und man verwendet wieder stark Periskope und heute vor allem auch Smartphones als Ersatz für Grabenperiskope. Extrem gefragt sind deshalb auch alte russische Scharfschützen-Periskope weil diese eine eingebaute Vergrößerung haben, extrem robust und zuverlässig sind und man mit der Optik darin die Entfernung messen kann. Aber weil es so wenige davon gibt, spähen die meisten stattdessen mit dem Smartphone um Ecken oder über den Grabenrand. Die Smartphones haben natürlich keine SIM Karte und sind so eingestellt, dass sie nichts senden. Oder man verbindet zwei Smartphones auf kurze Distanz (ich hab sowas sogar schon mit Kabel gesehen) und verwendet dann ein Smartphone außerhalb der Deckung zum aufklären indem man durch das andere Gerät über dieses schaut. Und viele weitere solche Varianten.
Auch viele Drohnen haben immer noch keine Thermalsicht ! Das befördert eigentlich den Nachtkampf. Aber auch hier gilt erneut, dass beide Seiten oft zu erschöpft sind um überhaupt noch groß agieren zu können. Und Nachtkampf ist anstrengender.
Noch ein amüsanter Aspekt in diesem Kontext: russische Truppen haben oft Nachts Sehprobleme wegen Mangelernährung / Vitaminmangel. Auch sind etliche Einheiten inzwischen derart fertig, dass sie kaum noch aus ihren Verstecken heraus kriechen um nicht einer Vampire / Baba Yaga zum Opfer zu fallen. Aktuell grassiert zudem rasant zunehmend Tuberkulose unter den russischen Truppen.
Ich hoffe ich konnte das Bild welches ich hier aufzeigen will durch diese Ausführungen etwas vervollständigen.