(Zweiter Weltkrieg) Die Kokoda-Track-Kampagne 1942
#14
Das ist tatsächlich eine dieser typischen Absonderlichkeiten in der kaiserlich japanischen Armee gewesen und bezog sich nicht nur auf den Nachschub. Man hatte oft sehr gute Aufklärungsergebnisse, wusste im Prinzip also was auf einen zukommt, und zog daraus trotzdem völlig haarsträubende Schlußfolgerungen. Beispielsweise wusste man erstaunlich exakt über die feindliche Stärke Bescheid, stellte fest das man weit überlegen war, lehnte aber verfügbare Verstärkungen ab und entschied sich für eine aus unserer Sicht vollkommen irrsinnige Offensivtaktik. Das war ein Ausfluss der militärischen Kultur und auch der Doktrin in der japanischen Armee und meiner Meinung nach ein Erbe falscher Schlußfolgerungen aus dem Russisch-Japanischen Krieg. Man hatte dort "gelernt", dass der freiwillige Verzicht vor Ort auf taktischer oder gar auf operativer Ebene wesentlich war für den Erfolg auf der nächsthöheren Ebene bis auf die strategische Ebene hinauf.

Die Idee dahinter war also, dass der Versuch mit weniger mehr zu erreichen an anderer Stelle Kräfte freisetzt und man insgesamt so mehr erreichen kann. Wenn ich also an Ort A auf Versorgung verzichte, an Ort B auf Verstärkung, steht beides für Ort C zur Verfügung und kann dort eine weitere Baustelle betrieben werden. Diese grundsätzlich nicht falsche Idee selbst vor Ort mit möglichst wenig auszukommen wurde dann ins Extrem übertrieben, dies wiederum aus der Einschätzung heraus (ebenfalls ein Erbe des Russisch-Japanischen Krieges) dass man absolut jede Situation zu einem Sieg wenden kann, und jede Niederlage nur ganz knapp von einem Sieg entfernt ist und nur ein kleines - geringes bißchen mehr an Willen reicht den Sieg selbst dann noch zu erzwingen. Man ging in der japanischen Armee davon aus, dass Sieg und Niederlage in jedem Kampf direkt nebeneinander liegen und jede Niederlage mit ganz geringen Änderungen auch ein Sieg sein kann und umgekehrt.

Dazu kam noch der immense Einfluss der Reformen von Araki Sadao in der Vorkriegszeit. Dieser veränderte die Doktrin und die ganze militärische Kultur sehr viel weitergehend als dies meist verstanden wird. Beispielsweise führten die japanischen Offiziere vorher gar nicht die bekannten "Katana" Schwerter (eigentlich Shin-Guntō), sondern einen de facto europäischen einhändigen Militärsäbel (Kyū-Guntō). Im Rahmen der Wiedererweckung des nationalen japanischen Geistes in der Armee wurde die traditionellere Form eingeführt. Das ist jetzt nur ein Beispiel, ein einziger Aspekt, aber das greift sehr gut auf, worauf man damit hinaus wollte. Man führte in der kaiserlich japanischen Armee künstlich von oben eine scheinbare "Rückbesinnung" auf vermeintliche japanische Samuraiwerte und ein Kriegerideal ein, welches dem der Samurai entsprechen sollte, obwohl es von diesen in vielem deutlich abwich. Die Idee dahinter war Schwächen im technologischen und materiellen Bereich durch ideelle Werte auszugleichen und dadurch die Kampfkraft erheblich zu steigern. Die Rechnung ging prinzipiell auch auf, hatte aber schwerwiegende "Nebenwirkungen". Auch diese Überbetonung des Willens und Ideeller Werte vor Technologie und Materieller Ausstattung ist ein direktes Erbe des russisch-japanischen Krieges und der Idee vom japanischen Kämpfer mit seinem Bajonett als lebender Kugel.

Man wandte sich also de facto bewusst von der Idee eines professionellen modernen Soldaten ab und erschuf im Endeffekt eine neue Art von Kriegertum, um dadurch die Kampfkraft der Armee zu steigern. Dies führte dann rasch zu Exzessen, wie auch dem beschriebenen Umstand vor Ort auf notwendiges zu verzichten obwohl es verfügbar gewesen wäre um dadurch (das eigene Opfer) die Lage insgesamt zu stärken (und dies selbst dort wo das erkennbar Unsinn war). (Vergleichbar dem Trinkwasser sparen in Deutschland weil weltweit in vielen Ländern Trinkwasser knapp wird).

Das hatte also nicht so sehr mit dem eigenen Ruhm zu tun, sondern mit Exzessen einer aus dem Ruder laufenden Kriegerkultur, welche aber (was ich eben daran am interessantesten finde) künstlich von oben implementiert wurde. Die Idee dahinter war wie schon beschrieben auch eine Art "Making yesterday perfect". Daher ist es schon eine Ironie, dass die ganzen hochspezialisierten Anpassungen für einen Krieg gegen Russland in den Weiten der Mandschurei sich dann vor allem im Dschungelkampf im Pazifikraum und in Südasien so bewährten, denn dafür waren sie nie gedacht gewesen.
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Die Kokoda-Track-Kampagne 1942 - von Schneemann - 04.01.2022, 23:30
RE: Die Kokoda-Track-Kampagne 1942 - von Quintus Fabius - 09.01.2022, 23:18

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