23.08.2026, 15:24
muck:
Man kommt zu nichts mehr......
Ja, ich meine es ziemlich genau so. Das Nicht-Kämpfen-Müssen bedeutet modern und zivilisiert. Ich sehe darin aber keinen erstrebenswerten Zustand, dass ist die Ursache meines Konfliktes mit dieser Geisteshaltung, die das Nicht-Kämpfen-Müssen als besser beurteilt als das Kämpfen-Müssen. Gerade im Früh- und auch noch recht weitgehend im Hochmittelalter herrschte das Kämpfen-Müssen vor und war ein Nicht-Kämpfen-Müssen nicht möglich. Daraus ergeben sich viele immense Implikationen.
Ein Ritter war spätestens im Hochmittelalter ein "Waffensystem", dass ein direktes Gefolge benötigte um zu funktionieren. Kurz und einfach: es waren zusätzliche Männer notwendig, damit ein Ritter tatsächlich im Kampf agieren konnte, für sich allein oder nur mit wenigen Männern, wäre er nicht durchhaltefähig oder zum Teil gar nicht einsetzbar gewesen. Die Größe seines Anhangs habe ich dabei gar nicht mit irgendwelchen festen Zahlen beziffert und die Zahl 7 stammt hier von dir und nicht von mir. Im weiteren hatten wir die Fragestellung mit den in der Burg tatsächlich durchgängig anwesenden Personen schon: die notwendige Kriegsbesatzung einer Burg war größer als du es hier darstellst, und zwar kann man dies so genau sagen, weil die praktischen Notwendigkeiten eine gewisse Mindestzahl erzwingen. Man kann viele Burgen nicht mit so wenig Männern verteidigen wie du es hier schon mehrfach behauptet hast. Das geht rein praktisch nicht und kann daher nicht so gewesen sein.
Natürlich führten mehr Kämpfer wiederum zu weniger Durchhaltefähigkeit was die Lebensmittel angeht. Entsprechend wird man die Zahl falls möglich (!) auf das Minimum beschränkt haben. Diese zwingend notwendige Minimalbesatzung war im Kampf aber, wenn man die Burg überhaupt noch richtig dafür aufstellen konnte nicht so klein wie von dir behauptet. Wo es dazu kam, dass Burgen von unzureichenden Zahlen von Kämpfern gehalten wurden, waren dies Sonderfälle (beispielsweise durch überraschende Einschließung, aus einer Notlage heraus usw.)
In diesem Kontext vielleicht ganz interessant: im Frühmittelalter gab es in Form der Ungarnwälle erstaunlich große Anlagen, die aber vor allem auf Gräben und mit Palisaden verstärkten Erdwällen bestanden. Diese erforderten für die Verteidigung nochmals deutlilch größere Mannzahlen.
Spätmittelalter.
Und das entscheidende Wort ist bewacht. Nicht verteidigt. Nicht gehalten. Nicht im Krieg so besetzt. Sondern im Friedensbetrieb lediglich bewacht. Und wir sind wieder im Spätmittelalter, mit völlig anderen Strukturen, und insbesondere einer komplett anderen und deutlich stärker legalistisch abgestützten Macht des Hochadels. Er konnte die de facto stillgelegte Burg von einem Mann bewachen lassen, weil er entsprechende Macht hatte.
Was sagt das nun über die Zustände aus?! Nicht dass man diese Burg mit wenigen Männern halten könnte, sondern dass die Umstände, das bereits zu dieser Zeit erstaunlich weit fortgeschrittene Recht und die Macht des Kurfürsten es nicht mehr nötig machten durchgehend eine starke Besatzung in eine solche Burg zu legen.
Entsprechend wurde besagter Kunz auch kurz danach von den Männern des Kurfürsten gefangen genommen und hingerichtet.
Ob da übrigens tatsächlich nur ein Mann Wache hielt sei mal dahingestellt. Von Kauffungen hatte 30 Reiter dabei, drang so weit man es rekonstruieren kann einfach in die Burg ein weil diese im Friedensbetrieb war und niemand dort von Kauffungen Böses annahm und er war vorher sogar mal der Burgvogt von Altenburg gewesen, kann sich dort also aus und kannte auch die Leute in der Burg gut.
Was hat nun diese einzigartige (!) Geschichte, welche sich eben vor allem dadurch auszeichnet, dass sie eine absolute Ausnahme war mit der Frage zu tun, wieviel Besatzung eine Burg im Krieg benötigt?!
Du greifst dir einfach irgendwelche Ausnahmeerscheinungen und verallgemeinerst sie. Das fiel mir schon dezidiert bei deinem Beispiel von Sir John Cheyne so aufgefallen. Der Ritter welcher Jura studierte und nach einer diplomatischen Mission zum Ritter geschlagen wurde. Gekonnt hast du damals unterschlagen, dass er zugleich ein brutaler Nahkämpfer mit Schlachterfahrung war, Leibwächter des Königs, und der Ritter welche die zweifelhafte Ehre hatte in der Schacht von Bosworth persönlich von Richard dem III aus dem Sattel gestochen worden zu sein. Nein, du nennst nur sein Ziviles Leben und stellst es dann so dar, als wäre dies vorherrschend.
So auch hier: du nimmst einen extrem einzigartigen Vorfall im Friedensbetrieb im Spätmittelalter und meinst dadurch irgendeine Aussage über die Besatzungen von Burgen im Allgemeinen im gesamten Mittelalter tätigen zu können.
Doch kann man und kann ich. Warum?! Höchst einfach, weil Dinge entweder real funktionieren oder eben auch nicht. Die Burgen sind ja noch da. Man kann sie ansehen und dann genau ausrechnen, was man benötigt um die jeweilige Burg tatsächlich im Krieg zu halten.
Das ergibt sich schlicht und einfach aus den realen praktischen Anforderungen. Die nicht umgehbar sind. Und deshalb weiß man heute, dass so einiges was in den Schriften überliefert wurde oder bildlich abgebildet wurde nicht stimmen kann, weil es nicht so gewesen sein kann.
Das würde ich auch nicht so verallgemeinern. Otto der Große war beispielsweise berühmt dafür, immens viele Befestigungsanlagen im Sturm zu nehmen. Selbst befestigte Städte wo die Lebensmittel schnell ausgegangen wären und auch sehr starke Befestigungen. Es gab auch noch etliche andere solche Belagerungsspezialisten im Mittelalter.
Weil es Untergrenzen gibt, egal wie man die Burg konzipiert. Menschen werden Krank, haben Durchfall, müssen Schlafen, erschöpfen, werden verletzt und je nach Gelände und Umständen kann der Feind dann selbst eine sehr wehrhafte Burg stürmen.
Ein faszinerendes Beispiel ist Montsegur. Die Burg wurde zuerst 10 Monate lang belagert, aber es sah dann so aus, als ob eher die Belagerer als die Belagerten aufgeben müssten weil der Winter drohte und Schneefälle. Daher erkletterte man den Berg auf welchem die Burg stand, installierte dort auf einem Plateau neben der Burg Katapulte und beschoss diese unentwegt. Dann gab es mehrere Versuche sie zu stürmen und schließlich gaben die Verteidiger wegen des Beschuss und der Sturmversuche auf. Weil zu viele der Kämpfer in der Burg verletzt und ausgefallen waren und der Fall damit ohnehin bevor stand.
Es gab Höhlenburgen mit einer in der Burg gelegenen Quelle, welche praktisch von nur einem Mann gehalten werden konnten. Nur was war der strategische und militärische Wert einer solchen Burg? Sie war irrelevant, man konnte sie mit einer kleinen Gruppe Männer einfach abstellen und konnte sie im weiteren einfach total ignorieren.
Eine Burg mit nur einer Handvoll Männer ist irrelevant und muss nicht erobert werden. Sie bedeutete einfach nichts.
Eine hübsche Geschichte, aber eben nur dies: eine Geschichte:
https://castlestudiestrust.org/blog/2022...er-castle/
Das waren keine 5 Mann. Die Besatzung bestand zudem auch aus einer Gruppe sehr erfahrener Söldner. Und die Burg kapitulierte aufgrund von Beschuss mit Kanonen (Schwarzpulver!), nicht weil die Lebensmittel aus waren.
Das ist überhaupt kein Widerspruch zu den von mir genannten Zahlen, denn diese stellen bereits ein Minimum an Personal dar. Im weiteren war keineswegs jede Burg oder Festungsanlage dafür geeignet von wenigen Kämpfern gehalten zu werden.
Man kann sich jede Burg ja ansehen und dann ziemlich genau eine Mindestbesatzung ausrechnen. Das reicht von Extremfällen wie abgelegenen Höhlenburgen bis hin zu ausgedehnten Befestigungen die mindestens hunderte von Kämpfern benötigten. Das alles über einen Kamm scheren zu wollen ist arg verzerrend.
Zwanzig Mann sind tatsächlich die (beispielhafte) Obergrenze dessen, was ich für eine "normale" Belagerung an Verteidigern annehmen würde.
Kommt darauf an wann genau im Mittelalter, was für Burgen genau und welcher Kontext. In den Ungarnwällen die Otto der Große bemannen ließ, standen keineswegs nur 20 Mann. Das waren teilweise riesige Anlagen. Diese hatten aber vor allem auch einen offensiven Wert, sie sollten also gerade eben nicht lange belagert werden, sondern nur kurz / vorübergehend einen Schwerpunkt der Ungarn kontern bis man eine Konterkonzentration herbei führen konnte oder als feste Basis und Rückzugsort für überfallartige Ausfälle und Streifzüge dienen.
Wenn ich also den Buschelberg bei Fischach nehme, die Burg Lueg am Brenner, die Burg Burghausen und die Burg Falkenstein bei Pfronten, sollte sofort offenkundig sein, dass du zu sehr verallgemeinerst.
Nicht gerade der, sondern ich meinte es so, dass es auch andere Kriegszüge im Früh- und Hochmittelalter mit teilweise erheblicher Truppenstärke gab und das / die Heer(e) des Ersten Kreuzzuges meiner Ansicht nach zwar an der Obergrenze lagen, aber nicht deutlich darüber. Beispielsweise hob Robert Guiscard für seinen Krieg gegen Byzanz ein Heer aus, dass vermutlich von der reinen Mannzahl her gar nicht weit weg war.
Geld bzw. Entgelt war im Früh- und Hochmittelalter nicht so entscheidend als Faktor wie du es hier meiner Ansicht nach implizierst. Der begrenzende Faktor war es, größere Truppenmengen überhaupt zusammen halten zu können, aufgrund Verpflichtungen der Kämpfer daheim, Reibereien, Individualismus, Disziplinlosigkeit, Inneren Konflikten und der Frage der Versorgung - insbesondere im Feindgebiet, welches nach kurzer Zeit ausgeplündert / verheert war und dann keine ausreichende Versorgung mehr bieten konnte.
Zehntausend Bauern in hundert Dörfern sind einfacher zu ernähren und einfacher als funktionierende gesellschaftliche Organisationseinheit zu erhalten als zehntausend Bürger in fünf Städten. Deswegen sind Größe und Anzahl der Städte in einem Territorium schon eine Möglichkeit, die wirtschaftliche und administrative Leistungsfähigkeit der Obrigkeit abzuschätzen, auch was das Heereswesen anlangt.
Gerade im Frühmittelalter sind viele Staaten noch keine vollständig feudalisierten Staaten gewesen, teilweise ja nicht einmal als Feudalstaaten ansprechbar. Und auch in Feudalstaaten war es besonders starken, besonders angesehenen und fähigen Anführern möglich, sehr große Heere aufzustellen.
Umgekehrt waren die Mongolischen Heere nicht so groß wie es oft behauptet wird. Sie waren tatsächlich nicht viel größer als das was in Europa so aufgestellt werden konnte. Der primäre Unterschied lag in der extrem hohen Mobilität, der Befähigung diese Truppengrößen für längere Zeit aufrecht und zusammen halten zu können und der völlig anderen Art der Kriegsführung auf der strategischen Ebene.
Zehntausend Bauern in hundert Dörfern sind einfacher zu ernähren und einfacher als funktionierende gesellschaftliche Organisationseinheit zu erhalten als zehntausend Bürger in fünf Städten. Deswegen sind Größe und Anzahl der Städte in einem Territorium schon eine Möglichkeit, die wirtschaftliche und administrative Leistungsfähigkeit der Obrigkeit abzuschätzen, auch was das Heereswesen anlangt.
Fünfhundert Soldaten aus hundert Dörfern zu rekrutieren ist organisatorisch komplexer als fünfhundert Soldaten aus fünf Städten zu rekrutieren. Das macht organisatorisch 100 Rekrutierungsaktionen statt nur 5, also den 20fachen Rekrutierungsaufwand. Darüber hinaus können sich die Männer in 100 Dörfern viel eher im Wald und sonstwo der Rekrutierung entziehen und es gibt kein Mittel die Dörfer wirklich dazu zu pressen außer durch kontraproduktive Gewalt, weil Städte damals viel abhängiger waren, durch die Kontrolle des Zustrom an Lebensmitteln. Städte waren trotz Vieh, Feldern und Gärten in der Stadt Netto-Lebensmittelverbraucher.
Randnotiz: viele Konflikte von Städten mit umliegenden Adel hatten ihren Ursprung in der Frage der Kontrolle über die Lebensmittelzufuhr.
Geht mir ganz genau so. Das hätte wirklich ein Meilenstein werden können, aber man hat es verschenkt.
Die Fechtbücher welche überliefert sind, richten sich eigentlich nicht an Ritter. Darüber hinaus sind viele der Darstellungen und auch etliche der Techniken fragwürdig.
Ganz allgemein werden diese Fechtbücher überschätzt in ihrem Wert für die Rekonstruktion damaligen Kämpfens, insbesondere aber für die Frage wie Ritter kämpften.
Das ist ohnein einees meiner Lieblingsthemen, ich fechte ja dergleichen nach seit über 20 Jahren. Im Laufe der Jahre habe ich da immer neue Einblicke gewonnen, was für Fehlannahmen es da alles in der HEMA Szene gibt und wie weitgehend gerade durch die Fechtbücher Verzerrungen auftreten.
In diesem Kontext sollte man noch betonen, dass die meisten Fechtbücher nicht dem Mittelalter zugerechnet werden können, sondern in die frühe Neuzeit gehören und dass sich diese explizit nicht an Adelige / Ritter richten bzw. nicht für diese gedacht sind. Fechtmeister war beispielsweise damals kein Beruf oder Titel den ein Adeliger führte. Gerade die Fechtergilden, Fechtmeister, Fechtschulen welche es dann ab dem Spätmittelalter gab waren eine vom Rittertum und vom Adel, teilweise auch vom Krieg und dem Militär deutlich getrennte komplett eigene Welt.
Das heutige HEMA rekonstruiert eigentlich eher die Welt dieser Fechtergilden und der Fechtschulen der frühen Neuzeit, und nicht den Kampf der damaligen Militärs bzw. des militarisierten Adels.
Da hast du allerdings völlig recht. Aber auch bei den Edelknechten, Serjeanten, Milites, Konstafler, Milites pro Commune kämpften ganz genau so wie die Milites Liberi oder welchen Begriff man auch sonst immer noch verwenden will eben so gut wie gar nicht so wie es in den Fechtbüchern gezeigt wird.
Wenn die Quelle aber etwas beschreibt, was so real praktisch nicht gewesen sein kann, dann ist die Quelle falsch. Und umgekehrt: wenn ich keine Quelle habe, aber die Funktion ergibt sich aus zwingenden praktischen Schlußfolgerungen, dann ist dies genau so gut wie eine Quelle.
Ja richtig. Aber warum ist dem so?! Meine These ist, dass Waffen wie Rüstugen damals wegen ihres deutlich höheren Wertes viel mehr weiterverwendet wurden als später, wo man sie in der frühen Neuzeit teilweise nicht einmal mehr vom Schlachtfeld plünderte. Warum also findet man so gut wie keine Kettenhemden?! Schlicht und einfach weil diese zu wertvoll waren und man sie solange wie nur irgendwie machbar weiter verwendet hat.
Randnotiz: es gibt aus der gesamten karolingischen Epoche nicht einen einzigen archäologischen Fund auch nur einer einzigen Schuppe eines Schuppenpanzers. Und trotzdem stellt man selbst heute noch Panzerreiter der Scara mit Schuppenpanzern dar. Weil die Quellen (!) dies scheinbar so zeigen. Dabei würden die Schuppenpanzer so wie die Quellen sie scheinbar zeigen nicht einmal praktisch funktionieren.
Schlußfolgerung: die schriftlichen / bildlichen Quellen zeigen nicht die Realität wie sie war.
Nicht irrelevant, aber nicht so relevant wie heute. Man trennte nicht so zwischen Fiktion und Realität wie wir dies heute tun.
Ja, bedingt hätte dies selbst bei Augenzeugen Effekte gehabt oder diese hätten, wider besseres Wissen solcher Gräuelpropaganda zugestimmt obwohl sie selbst etwas anderes sahen. Man wäre gleichermaßen empört gewesen. Und hätte dann die Geschichte allenfalls etwas modifiziert: ich war ja dort, und alles ist wahr, die sind so schlimm wie ihr es sagt, aber dass mit den herausgeschnittenen Säuglingen war ein Dorf weiter, nicht in dem Dorf in dem ich war, habe ich selbst von Kameraden gehört die dort waren usw. Ich hatte dazu mal im Kontext der Normannen in Süditalien eine Reihe witziger Beispiele für diesen Mechanismus gelesen.
Anbei: mir ging es primär um den Unterschied zwiscchen der Moderne und dem Mittelalter. Die Antike weist genug militarisierte Kulturen auf die genau so kriegerisch waren wie der Adel und andere Teile der Bevölkerung im Mittelalter.
Fakt ist: der Adel im Mittelalter war hochgradig kriegerisch (um den Begriff Militarisiert zu vermeiden). Viel kriegerischer als die Moderne. Nun könnte man den 2WK und das Dritte Reich anführen etc. aber es ist ein Unterschied wenn die gesamte gesellschaftliche Elite hochgradig militarisiert ist und das Töten in Handarbeit im Nahkampf mit blankem Stahl vornimmt, oder man Bomben aus einem Flugzeug auf anonymisierte Ziele wirft.
Es gibt keinen faktischen Beleg für das Massaker, weil es keinen archäologischen Nachweis gibt. Man hat kein Massengrab und auch sonst keine archäologischen Funde dazu. Man sieht aber deutlich im archäologischen Befund den Abfall der Besiedlungsdichte bei den Sachsen und keineswegs sind diese alle umgesiedelt worden.
Ernst Schubert hat mehrfach geschrieben, dass es keinen einzigen Beleg für deine These mit dem Schreibefehler gibt und dass die Zahl nun mal in den Reichsannalen so überliefert wurde. Ebenso Alessandro Barbero in seinem Buch Karl der Große: Vater Europas geschrieben, dass alle Versuche das Massaker herunter zu spielen um Karl den Großen dadurch zu entlasten schlussendlich widerlegbar sind.
Es gibt also keinerlei Belege oder tatsächliche Beweise dafür, dass es stattgefunden hat, es gibt aber auch keine dafür dass es nicht stattgefunden hat. Ich finde es erstaunlich, dass gerade Historiker wie du, welche sonst immer die schriftlichen Quellen so betonen, gerade hier die schriftlichen Quellen derart massiv anzweifeln.
Viel eher wären hier rein praktische Einwände relevant: beispielsweise ob dies logistisch und auch sonst überhaupt so durchführbar gewesen wäre!?
Ja das ist richtig, bezüglich Todes- und Körperstrafen habe ich hier eine Falsche Aussage gemacht. Aber das ist das eine und die Frage der Militarisierung des Adels und der Sozialkultur insgesamt eine völlig andere.
Tatsächlich passt es sogar eher zu meiner These, dass die Militarisierung vom Frühmittelalter ausgehend abnahm, dass die Todes- und Körperstrafen parallel zunahmen.
Es mag sein, dass ich die Pest als Wasserscheide überbetone, aber ich halte sie für viel maßgeblicher als das die meisten Leute heute annehmen. Meiner rein persönlichen Meinung nach unterscheiden sich Früh- und Hochmittelalter als eine Hälfte des Mittelalters von Spätmittelalter und Früher Neuzeit als zweiter Hälfte des Mittelalters gerade eben durch den Einschnitt der Pest so erheblich voneinander.
Mit abnehmend meine ich, dass der Grad der Militarisierung des Adels, der Eliten und der Sozialkultur im Frühmittelalter am höchsten war. Und im Spätmittelalter bereits deutlich niedriger im Vergleich.
Ich halte die Sozialkultur insgesamt im Frühmittelalter für hochgradig militarisiert, auch dadurch für weniger differenziert und den Adel dieser Zeit für ultramilitaristisch. Buchempfehlungen in diesem Kontext:
Early medieval militarisation - von Bennett et al
Warfare in Tenth-Century Germany - von Bachrach
Und meiner Ansicht nach lässt diese Militarisierung der Sozialkultur wie des Adels im Laufe des Mittelalters nach. Der Adel des Spätmittelalters war daher meiner Meinung nach weniger kriegerisch als der des Frühmittelalters. Ebenso die Gesellschaft. Ebenso die Sozialkultur.
Man kommt zu nichts mehr......
Zitat:Du müsstest jetzt noch definieren, was für Dich eine "zivilisierte" Gesellschaft ist. Denn nach einer der möglichen Definitionen des Adjektivs kann eine "militarisierte" Gesellschaft gar nicht "zivilisiert" sein. Und vielleicht liegt darin auch die Ursache Deines Konflikts mit der Geisteshaltung, die Du als die moderne, heute vorherrschende ausgemacht hast. Denn: Nicht-kämpfen-Können oder Nicht-kämpfen-Wollen ist kein Zeichen von Zivilisiertheit, darin hast Du völlig Recht. Nicht-kämpfen-Müssen hingegen ist es sehr wohl, weil es einen deutlich höheren Organisationsgrad und etablierte Normen und Regeln erfordert, wenn ich meinen Willen auf andere Weise als durch Gewalt durchsetzen kann. In diesem Sinne sind wir heute deutlich zivilisierter als die Menschen des Mittelalters.
Ja, ich meine es ziemlich genau so. Das Nicht-Kämpfen-Müssen bedeutet modern und zivilisiert. Ich sehe darin aber keinen erstrebenswerten Zustand, dass ist die Ursache meines Konfliktes mit dieser Geisteshaltung, die das Nicht-Kämpfen-Müssen als besser beurteilt als das Kämpfen-Müssen. Gerade im Früh- und auch noch recht weitgehend im Hochmittelalter herrschte das Kämpfen-Müssen vor und war ein Nicht-Kämpfen-Müssen nicht möglich. Daraus ergeben sich viele immense Implikationen.
Zitat:Sieben Mann sind aber doch nicht "gerade mal das, was einen einzigen Ritter abdeckt". Sieben Mann Gefolge würden im deutschen Sprachraum schon die "Mittelschicht" des Ritterstandes darstellen. Auf der durchschnittlichen Burg hielt sich normalerweise niemand auf außer der Familie des Burgherrn und einer Handvoll höriger Bediensteter. Sieben Mann unter Waffen zu halten, bedeutete bereits einen erheblichen finanziellen Aufwand, der für viele Ritter unerreichbar gewesen sein muss, während etliche andere ihn scheuten, wann immer sie konnten.
Ein Ritter war spätestens im Hochmittelalter ein "Waffensystem", dass ein direktes Gefolge benötigte um zu funktionieren. Kurz und einfach: es waren zusätzliche Männer notwendig, damit ein Ritter tatsächlich im Kampf agieren konnte, für sich allein oder nur mit wenigen Männern, wäre er nicht durchhaltefähig oder zum Teil gar nicht einsetzbar gewesen. Die Größe seines Anhangs habe ich dabei gar nicht mit irgendwelchen festen Zahlen beziffert und die Zahl 7 stammt hier von dir und nicht von mir. Im weiteren hatten wir die Fragestellung mit den in der Burg tatsächlich durchgängig anwesenden Personen schon: die notwendige Kriegsbesatzung einer Burg war größer als du es hier darstellst, und zwar kann man dies so genau sagen, weil die praktischen Notwendigkeiten eine gewisse Mindestzahl erzwingen. Man kann viele Burgen nicht mit so wenig Männern verteidigen wie du es hier schon mehrfach behauptet hast. Das geht rein praktisch nicht und kann daher nicht so gewesen sein.
Natürlich führten mehr Kämpfer wiederum zu weniger Durchhaltefähigkeit was die Lebensmittel angeht. Entsprechend wird man die Zahl falls möglich (!) auf das Minimum beschränkt haben. Diese zwingend notwendige Minimalbesatzung war im Kampf aber, wenn man die Burg überhaupt noch richtig dafür aufstellen konnte nicht so klein wie von dir behauptet. Wo es dazu kam, dass Burgen von unzureichenden Zahlen von Kämpfern gehalten wurden, waren dies Sonderfälle (beispielsweise durch überraschende Einschließung, aus einer Notlage heraus usw.)
In diesem Kontext vielleicht ganz interessant: im Frühmittelalter gab es in Form der Ungarnwälle erstaunlich große Anlagen, die aber vor allem auf Gräben und mit Palisaden verstärkten Erdwällen bestanden. Diese erforderten für die Verteidigung nochmals deutlilch größere Mannzahlen.
Zitat: Als Kunz von Kauffungen den Altenburger Prinzenraub verübte—im Jahre 1455, in einer Zeit fortschreitender Territorialisierung und Professionalisierung der obrigkeitlichen Organisation—, wurde die Altenburg von einem einzigen Mann unter Waffen bewacht. Einem. Der Sitz eines der mächtigsten Fürsten Mitteldeutschlands, bewacht von einem einzelnen Mann.
Spätmittelalter.
Und das entscheidende Wort ist bewacht. Nicht verteidigt. Nicht gehalten. Nicht im Krieg so besetzt. Sondern im Friedensbetrieb lediglich bewacht. Und wir sind wieder im Spätmittelalter, mit völlig anderen Strukturen, und insbesondere einer komplett anderen und deutlich stärker legalistisch abgestützten Macht des Hochadels. Er konnte die de facto stillgelegte Burg von einem Mann bewachen lassen, weil er entsprechende Macht hatte.
Was sagt das nun über die Zustände aus?! Nicht dass man diese Burg mit wenigen Männern halten könnte, sondern dass die Umstände, das bereits zu dieser Zeit erstaunlich weit fortgeschrittene Recht und die Macht des Kurfürsten es nicht mehr nötig machten durchgehend eine starke Besatzung in eine solche Burg zu legen.
Entsprechend wurde besagter Kunz auch kurz danach von den Männern des Kurfürsten gefangen genommen und hingerichtet.
Ob da übrigens tatsächlich nur ein Mann Wache hielt sei mal dahingestellt. Von Kauffungen hatte 30 Reiter dabei, drang so weit man es rekonstruieren kann einfach in die Burg ein weil diese im Friedensbetrieb war und niemand dort von Kauffungen Böses annahm und er war vorher sogar mal der Burgvogt von Altenburg gewesen, kann sich dort also aus und kannte auch die Leute in der Burg gut.
Was hat nun diese einzigartige (!) Geschichte, welche sich eben vor allem dadurch auszeichnet, dass sie eine absolute Ausnahme war mit der Frage zu tun, wieviel Besatzung eine Burg im Krieg benötigt?!
Du greifst dir einfach irgendwelche Ausnahmeerscheinungen und verallgemeinerst sie. Das fiel mir schon dezidiert bei deinem Beispiel von Sir John Cheyne so aufgefallen. Der Ritter welcher Jura studierte und nach einer diplomatischen Mission zum Ritter geschlagen wurde. Gekonnt hast du damals unterschlagen, dass er zugleich ein brutaler Nahkämpfer mit Schlachterfahrung war, Leibwächter des Königs, und der Ritter welche die zweifelhafte Ehre hatte in der Schacht von Bosworth persönlich von Richard dem III aus dem Sattel gestochen worden zu sein. Nein, du nennst nur sein Ziviles Leben und stellst es dann so dar, als wäre dies vorherrschend.
So auch hier: du nimmst einen extrem einzigartigen Vorfall im Friedensbetrieb im Spätmittelalter und meinst dadurch irgendeine Aussage über die Besatzungen von Burgen im Allgemeinen im gesamten Mittelalter tätigen zu können.
Zitat:Das kann man so nicht sagen, und das kannst Du so auch nicht wissen.
Doch kann man und kann ich. Warum?! Höchst einfach, weil Dinge entweder real funktionieren oder eben auch nicht. Die Burgen sind ja noch da. Man kann sie ansehen und dann genau ausrechnen, was man benötigt um die jeweilige Burg tatsächlich im Krieg zu halten.
Das ergibt sich schlicht und einfach aus den realen praktischen Anforderungen. Die nicht umgehbar sind. Und deshalb weiß man heute, dass so einiges was in den Schriften überliefert wurde oder bildlich abgebildet wurde nicht stimmen kann, weil es nicht so gewesen sein kann.
Zitat:Selten wurden Burgen im Sturm genommen, in der Regel fielen sie in Folge von Belagerungen, und auch nur deshalb, weil den Verteidigern die Lebensmittel ausgingen.
Das würde ich auch nicht so verallgemeinern. Otto der Große war beispielsweise berühmt dafür, immens viele Befestigungsanlagen im Sturm zu nehmen. Selbst befestigte Städte wo die Lebensmittel schnell ausgegangen wären und auch sehr starke Befestigungen. Es gab auch noch etliche andere solche Belagerungsspezialisten im Mittelalter.
Zitat:Warum sollte man da zwanzig Mann in eine Burg stecken und u.U. über Monate hinweg ernähren wollen, wenn konzeptionell deutlich weniger genügten, um die Burg zu halten?
Weil es Untergrenzen gibt, egal wie man die Burg konzipiert. Menschen werden Krank, haben Durchfall, müssen Schlafen, erschöpfen, werden verletzt und je nach Gelände und Umständen kann der Feind dann selbst eine sehr wehrhafte Burg stürmen.
Ein faszinerendes Beispiel ist Montsegur. Die Burg wurde zuerst 10 Monate lang belagert, aber es sah dann so aus, als ob eher die Belagerer als die Belagerten aufgeben müssten weil der Winter drohte und Schneefälle. Daher erkletterte man den Berg auf welchem die Burg stand, installierte dort auf einem Plateau neben der Burg Katapulte und beschoss diese unentwegt. Dann gab es mehrere Versuche sie zu stürmen und schließlich gaben die Verteidiger wegen des Beschuss und der Sturmversuche auf. Weil zu viele der Kämpfer in der Burg verletzt und ausgefallen waren und der Fall damit ohnehin bevor stand.
Zitat:War eine Burg in gutem Zustand und klug konzipiert, und waren die Verteidiger motiviert, bedurfte es in sehr vielen Fällen nur einer Handvoll, um einer Belagerung zu widerstehen.
Es gab Höhlenburgen mit einer in der Burg gelegenen Quelle, welche praktisch von nur einem Mann gehalten werden konnten. Nur was war der strategische und militärische Wert einer solchen Burg? Sie war irrelevant, man konnte sie mit einer kleinen Gruppe Männer einfach abstellen und konnte sie im weiteren einfach total ignorieren.
Eine Burg mit nur einer Handvoll Männer ist irrelevant und muss nicht erobert werden. Sie bedeutete einfach nichts.
Zitat: Ein schönes Beispiel wäre die Belagerung von Caister Castle 1469, der Burg des von Shakespeare zur Berühmtheit gebrachten John Fastolf, die von Margaret Paston und fünf Männern drei Wochen lang gegen ein fast tausendköpfiges Heer des Herzogs von Norfolk gehalten wurde. Wie wir den Paston Letters entnehmen können, war einer der fünf Männer "cupshotten"—was so viel heißt wie: er war ständig besoffen—, ein zweiter (mit dem passenden Namen Thomas Stumps) hatte keine Hände, machte sich aber beim Nachladen der Armbrüste nützlich.
Eine hübsche Geschichte, aber eben nur dies: eine Geschichte:
https://castlestudiestrust.org/blog/2022...er-castle/
Das waren keine 5 Mann. Die Besatzung bestand zudem auch aus einer Gruppe sehr erfahrener Söldner. Und die Burg kapitulierte aufgrund von Beschuss mit Kanonen (Schwarzpulver!), nicht weil die Lebensmittel aus waren.
Zitat:Die Stärke der mittelalterlichen Burg, die sie seit der normannischen Eroberung Englands immer wieder unter Beweis stellte, lag gerade darin, dass sie von einem Minimum an Personal erfolgreich verteidigt werden konnte.
Das ist überhaupt kein Widerspruch zu den von mir genannten Zahlen, denn diese stellen bereits ein Minimum an Personal dar. Im weiteren war keineswegs jede Burg oder Festungsanlage dafür geeignet von wenigen Kämpfern gehalten zu werden.
Man kann sich jede Burg ja ansehen und dann ziemlich genau eine Mindestbesatzung ausrechnen. Das reicht von Extremfällen wie abgelegenen Höhlenburgen bis hin zu ausgedehnten Befestigungen die mindestens hunderte von Kämpfern benötigten. Das alles über einen Kamm scheren zu wollen ist arg verzerrend.
Zwanzig Mann sind tatsächlich die (beispielhafte) Obergrenze dessen, was ich für eine "normale" Belagerung an Verteidigern annehmen würde.
Kommt darauf an wann genau im Mittelalter, was für Burgen genau und welcher Kontext. In den Ungarnwällen die Otto der Große bemannen ließ, standen keineswegs nur 20 Mann. Das waren teilweise riesige Anlagen. Diese hatten aber vor allem auch einen offensiven Wert, sie sollten also gerade eben nicht lange belagert werden, sondern nur kurz / vorübergehend einen Schwerpunkt der Ungarn kontern bis man eine Konterkonzentration herbei führen konnte oder als feste Basis und Rückzugsort für überfallartige Ausfälle und Streifzüge dienen.
Wenn ich also den Buschelberg bei Fischach nehme, die Burg Lueg am Brenner, die Burg Burghausen und die Burg Falkenstein bei Pfronten, sollte sofort offenkundig sein, dass du zu sehr verallgemeinerst.
Zitat:Zitat:Und die Annahme, der erste Kreuzzug sei von der Truppenstärke her exzeptionell hinterfragt werden sollte.Warum gerade der?
Nicht gerade der, sondern ich meinte es so, dass es auch andere Kriegszüge im Früh- und Hochmittelalter mit teilweise erheblicher Truppenstärke gab und das / die Heer(e) des Ersten Kreuzzuges meiner Ansicht nach zwar an der Obergrenze lagen, aber nicht deutlich darüber. Beispielsweise hob Robert Guiscard für seinen Krieg gegen Byzanz ein Heer aus, dass vermutlich von der reinen Mannzahl her gar nicht weit weg war.
Zitat:Das ist sicherlich richtig, der begrenzende Faktor dürfte aber schlichtweg das Geld gewesen sein, oder vielleicht besser: das Entgelt.
Geld bzw. Entgelt war im Früh- und Hochmittelalter nicht so entscheidend als Faktor wie du es hier meiner Ansicht nach implizierst. Der begrenzende Faktor war es, größere Truppenmengen überhaupt zusammen halten zu können, aufgrund Verpflichtungen der Kämpfer daheim, Reibereien, Individualismus, Disziplinlosigkeit, Inneren Konflikten und der Frage der Versorgung - insbesondere im Feindgebiet, welches nach kurzer Zeit ausgeplündert / verheert war und dann keine ausreichende Versorgung mehr bieten konnte.
Zehntausend Bauern in hundert Dörfern sind einfacher zu ernähren und einfacher als funktionierende gesellschaftliche Organisationseinheit zu erhalten als zehntausend Bürger in fünf Städten. Deswegen sind Größe und Anzahl der Städte in einem Territorium schon eine Möglichkeit, die wirtschaftliche und administrative Leistungsfähigkeit der Obrigkeit abzuschätzen, auch was das Heereswesen anlangt.
Zitat:Betonung liegt auf: eine Möglichkeit. Natürlich gibt es Ausnahmen. Die Mongolen konnten ohne nennenswerte Verstädterung riesige Heere bilden, aber das war eben besonderen Bedingungen geschuldet. Europäische Feudalstaaten waren anderen Bedingungen unterworfen.
Gerade im Frühmittelalter sind viele Staaten noch keine vollständig feudalisierten Staaten gewesen, teilweise ja nicht einmal als Feudalstaaten ansprechbar. Und auch in Feudalstaaten war es besonders starken, besonders angesehenen und fähigen Anführern möglich, sehr große Heere aufzustellen.
Umgekehrt waren die Mongolischen Heere nicht so groß wie es oft behauptet wird. Sie waren tatsächlich nicht viel größer als das was in Europa so aufgestellt werden konnte. Der primäre Unterschied lag in der extrem hohen Mobilität, der Befähigung diese Truppengrößen für längere Zeit aufrecht und zusammen halten zu können und der völlig anderen Art der Kriegsführung auf der strategischen Ebene.
Zehntausend Bauern in hundert Dörfern sind einfacher zu ernähren und einfacher als funktionierende gesellschaftliche Organisationseinheit zu erhalten als zehntausend Bürger in fünf Städten. Deswegen sind Größe und Anzahl der Städte in einem Territorium schon eine Möglichkeit, die wirtschaftliche und administrative Leistungsfähigkeit der Obrigkeit abzuschätzen, auch was das Heereswesen anlangt.
Fünfhundert Soldaten aus hundert Dörfern zu rekrutieren ist organisatorisch komplexer als fünfhundert Soldaten aus fünf Städten zu rekrutieren. Das macht organisatorisch 100 Rekrutierungsaktionen statt nur 5, also den 20fachen Rekrutierungsaufwand. Darüber hinaus können sich die Männer in 100 Dörfern viel eher im Wald und sonstwo der Rekrutierung entziehen und es gibt kein Mittel die Dörfer wirklich dazu zu pressen außer durch kontraproduktive Gewalt, weil Städte damals viel abhängiger waren, durch die Kontrolle des Zustrom an Lebensmitteln. Städte waren trotz Vieh, Feldern und Gärten in der Stadt Netto-Lebensmittelverbraucher.
Randnotiz: viele Konflikte von Städten mit umliegenden Adel hatten ihren Ursprung in der Frage der Kontrolle über die Lebensmittelzufuhr.
Zitat:Zu dem Film habe ich eine Hassliebe … So viel vertanes Potential.
Geht mir ganz genau so. Das hätte wirklich ein Meilenstein werden können, aber man hat es verschenkt.
Zitat:Im Übrigen ist gerade für die zweite Hälfte des Mittelalters sehr gut bekannt, welche Waffen der durchschnittliche Ritter beherrschte, nicht zuletzt dank den erhaltenen Fechtbüchern. Der abgesessene Kampf, und der Kampf mit Stangenwaffen, nehmen darin einen breiten Raum ein.
Die Fechtbücher welche überliefert sind, richten sich eigentlich nicht an Ritter. Darüber hinaus sind viele der Darstellungen und auch etliche der Techniken fragwürdig.
Ganz allgemein werden diese Fechtbücher überschätzt in ihrem Wert für die Rekonstruktion damaligen Kämpfens, insbesondere aber für die Frage wie Ritter kämpften.
Das ist ohnein einees meiner Lieblingsthemen, ich fechte ja dergleichen nach seit über 20 Jahren. Im Laufe der Jahre habe ich da immer neue Einblicke gewonnen, was für Fehlannahmen es da alles in der HEMA Szene gibt und wie weitgehend gerade durch die Fechtbücher Verzerrungen auftreten.
In diesem Kontext sollte man noch betonen, dass die meisten Fechtbücher nicht dem Mittelalter zugerechnet werden können, sondern in die frühe Neuzeit gehören und dass sich diese explizit nicht an Adelige / Ritter richten bzw. nicht für diese gedacht sind. Fechtmeister war beispielsweise damals kein Beruf oder Titel den ein Adeliger führte. Gerade die Fechtergilden, Fechtmeister, Fechtschulen welche es dann ab dem Spätmittelalter gab waren eine vom Rittertum und vom Adel, teilweise auch vom Krieg und dem Militär deutlich getrennte komplett eigene Welt.
Das heutige HEMA rekonstruiert eigentlich eher die Welt dieser Fechtergilden und der Fechtschulen der frühen Neuzeit, und nicht den Kampf der damaligen Militärs bzw. des militarisierten Adels.
Zitat:Die große Masse der gepanzerten Kombattanten des Mittelalters, die heute populär als "Ritter" angesprochen werden, waren Edel- und Waffenknechte. Auch in der gepanzerten Reiterei waren Ritter bzw. ritterbürtige Männer oft allenfalls in der relativen Mehrheit, und in vielen Fällen nicht einmal das.
Da hast du allerdings völlig recht. Aber auch bei den Edelknechten, Serjeanten, Milites, Konstafler, Milites pro Commune kämpften ganz genau so wie die Milites Liberi oder welchen Begriff man auch sonst immer noch verwenden will eben so gut wie gar nicht so wie es in den Fechtbüchern gezeigt wird.
Zitat:Wenn ich aus dem Jahr 800 so gut wie keine schriftliche oder archäologische Quelle habe, die zu einem bestimmten Sachverhalt Aufschluss gibt, und aus dem Jahr 1400 eine Fülle solcher Quellen, dann ist es völlig unerheblich, ob vielleicht manches Exemplar der letztgenannten Gruppe falsch interpretiert wurde—die Quellenlage ist trotzdem besser.
Wenn die Quelle aber etwas beschreibt, was so real praktisch nicht gewesen sein kann, dann ist die Quelle falsch. Und umgekehrt: wenn ich keine Quelle habe, aber die Funktion ergibt sich aus zwingenden praktischen Schlußfolgerungen, dann ist dies genau so gut wie eine Quelle.
Zitat: Das ist richtig, ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Irrtum sich auch deshalb so lange halten konnte, weil so wenige archäologischen Funde von Schutzwaffen aus karolingischer Zeit erhalten sind.
Ja richtig. Aber warum ist dem so?! Meine These ist, dass Waffen wie Rüstugen damals wegen ihres deutlich höheren Wertes viel mehr weiterverwendet wurden als später, wo man sie in der frühen Neuzeit teilweise nicht einmal mehr vom Schlachtfeld plünderte. Warum also findet man so gut wie keine Kettenhemden?! Schlicht und einfach weil diese zu wertvoll waren und man sie solange wie nur irgendwie machbar weiter verwendet hat.
Randnotiz: es gibt aus der gesamten karolingischen Epoche nicht einen einzigen archäologischen Fund auch nur einer einzigen Schuppe eines Schuppenpanzers. Und trotzdem stellt man selbst heute noch Panzerreiter der Scara mit Schuppenpanzern dar. Weil die Quellen (!) dies scheinbar so zeigen. Dabei würden die Schuppenpanzer so wie die Quellen sie scheinbar zeigen nicht einmal praktisch funktionieren.
Schlußfolgerung: die schriftlichen / bildlichen Quellen zeigen nicht die Realität wie sie war.
Zitat:Du hattest mit Deiner Formulierung (oder jedenfalls hatte ich Dich so verstanden) nahegelegt, dass die Trennung zwischen Fiktion und Realität für den mittelalterlichen Menschen irrelevant gewesen sei:
Nicht irrelevant, aber nicht so relevant wie heute. Man trennte nicht so zwischen Fiktion und Realität wie wir dies heute tun.
Zitat:Im Endeffekt behauptest Du hier (oder jedenfalls hatte ich Dich so verstanden), dass eine Gräuelpropaganda auf den Augenzeugen, der weiß, dass das angebliche Ereignis nicht (oder nicht so) stattgefunden hat, genauso effektiv wirkt wie auf jene, die hundert Meilen entfernt leben und im mittelalterlichen Kontext keine Möglichkeit hatten, die Behauptung zu überprüfen.
Ja, bedingt hätte dies selbst bei Augenzeugen Effekte gehabt oder diese hätten, wider besseres Wissen solcher Gräuelpropaganda zugestimmt obwohl sie selbst etwas anderes sahen. Man wäre gleichermaßen empört gewesen. Und hätte dann die Geschichte allenfalls etwas modifiziert: ich war ja dort, und alles ist wahr, die sind so schlimm wie ihr es sagt, aber dass mit den herausgeschnittenen Säuglingen war ein Dorf weiter, nicht in dem Dorf in dem ich war, habe ich selbst von Kameraden gehört die dort waren usw. Ich hatte dazu mal im Kontext der Normannen in Süditalien eine Reihe witziger Beispiele für diesen Mechanismus gelesen.
Zitat:Selbstredend macht es für den ursprünglichen Diskussionsgegenstand—wie unterschied sich der Krieg des Mittelalters von dem der Antike und der Moderne; hatten die Kombattanten eine andere Mentalität bezüglich des Tötens; nahmen sie z.B. bereitwilliger zivile Opfer in Kauf
Anbei: mir ging es primär um den Unterschied zwiscchen der Moderne und dem Mittelalter. Die Antike weist genug militarisierte Kulturen auf die genau so kriegerisch waren wie der Adel und andere Teile der Bevölkerung im Mittelalter.
Fakt ist: der Adel im Mittelalter war hochgradig kriegerisch (um den Begriff Militarisiert zu vermeiden). Viel kriegerischer als die Moderne. Nun könnte man den 2WK und das Dritte Reich anführen etc. aber es ist ein Unterschied wenn die gesamte gesellschaftliche Elite hochgradig militarisiert ist und das Töten in Handarbeit im Nahkampf mit blankem Stahl vornimmt, oder man Bomben aus einem Flugzeug auf anonymisierte Ziele wirft.
Zitat:Übrigens habe ich zwischenzeitlich ein bisschen gegraben, ich konnte nichts zu Deiner Äußerung finden, die neuere Forschung habe belegt, dass doch ein Massaker stattgefunden habe. Hättest Du dazu einen Link, eine Leseempfehlung?
Es gibt keinen faktischen Beleg für das Massaker, weil es keinen archäologischen Nachweis gibt. Man hat kein Massengrab und auch sonst keine archäologischen Funde dazu. Man sieht aber deutlich im archäologischen Befund den Abfall der Besiedlungsdichte bei den Sachsen und keineswegs sind diese alle umgesiedelt worden.
Ernst Schubert hat mehrfach geschrieben, dass es keinen einzigen Beleg für deine These mit dem Schreibefehler gibt und dass die Zahl nun mal in den Reichsannalen so überliefert wurde. Ebenso Alessandro Barbero in seinem Buch Karl der Große: Vater Europas geschrieben, dass alle Versuche das Massaker herunter zu spielen um Karl den Großen dadurch zu entlasten schlussendlich widerlegbar sind.
Es gibt also keinerlei Belege oder tatsächliche Beweise dafür, dass es stattgefunden hat, es gibt aber auch keine dafür dass es nicht stattgefunden hat. Ich finde es erstaunlich, dass gerade Historiker wie du, welche sonst immer die schriftlichen Quellen so betonen, gerade hier die schriftlichen Quellen derart massiv anzweifeln.
Viel eher wären hier rein praktische Einwände relevant: beispielsweise ob dies logistisch und auch sonst überhaupt so durchführbar gewesen wäre!?
Zitat:Wieso gerade das? Wieso "abnehmend"? Deine Überbetonung des Unterschieds zwischen den beiden "Hälften" des Mittelalters wirkt auf mich etwas konstruiert. Teilweise fußt sie vielleicht auch auf falschen Annahmen, siehe bspw. die ursprüngliche Aussage zur Häufigkeit von Todes- und Körperstrafen.
Ja das ist richtig, bezüglich Todes- und Körperstrafen habe ich hier eine Falsche Aussage gemacht. Aber das ist das eine und die Frage der Militarisierung des Adels und der Sozialkultur insgesamt eine völlig andere.
Tatsächlich passt es sogar eher zu meiner These, dass die Militarisierung vom Frühmittelalter ausgehend abnahm, dass die Todes- und Körperstrafen parallel zunahmen.
Es mag sein, dass ich die Pest als Wasserscheide überbetone, aber ich halte sie für viel maßgeblicher als das die meisten Leute heute annehmen. Meiner rein persönlichen Meinung nach unterscheiden sich Früh- und Hochmittelalter als eine Hälfte des Mittelalters von Spätmittelalter und Früher Neuzeit als zweiter Hälfte des Mittelalters gerade eben durch den Einschnitt der Pest so erheblich voneinander.
Mit abnehmend meine ich, dass der Grad der Militarisierung des Adels, der Eliten und der Sozialkultur im Frühmittelalter am höchsten war. Und im Spätmittelalter bereits deutlich niedriger im Vergleich.
Ich halte die Sozialkultur insgesamt im Frühmittelalter für hochgradig militarisiert, auch dadurch für weniger differenziert und den Adel dieser Zeit für ultramilitaristisch. Buchempfehlungen in diesem Kontext:
Early medieval militarisation - von Bennett et al
Warfare in Tenth-Century Germany - von Bachrach
Und meiner Ansicht nach lässt diese Militarisierung der Sozialkultur wie des Adels im Laufe des Mittelalters nach. Der Adel des Spätmittelalters war daher meiner Meinung nach weniger kriegerisch als der des Frühmittelalters. Ebenso die Gesellschaft. Ebenso die Sozialkultur.
