Deutschland
Nachdem eine Reihe von Auftritten von türkischen Politikern auf lokaler Ebene untersagt wurden, teils aus "Brandschutzsorgen", scheint sich bei den AKP-Politikern in der Türkei einiges an Zorn aufgestaut zu haben...
Zitat:Angriffe auf Deutschland

Türkei legt nach

Die rigorosen Vorwürfe gegen Deutschland kommen von immer mehr Mitgliedern der türkischen Regierung. Nun legt der Vize-Ministerpräsident mit "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" nach. Erdogans Nazi-Vergleich spiegelt sich derweil in türkischen Medien wider.

In ihrer scharfen Kritik an Deutschland hat die türkische Regierung noch einmal eins draufgesetzt: Der türkische Vize-Ministerpräsident Nurettin Canikli warf der Bundesrepublik "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vor. Denselben Vorwurf richtete er an Österreich und die Niederlande. [...]

Es blieb nicht die einzige Kritik, bei der sich Canikli im Fahrwasser des türkischen Präsidenten hielt: So wiederholte er die Aussage, dass in Deutschland wieder "Praktiken der Nazis und des Nationalsozialismus" auftauchen, das sei "äußerst beunruhigend". Erdogan hatte gegen deutsche Behörden dieselbe Anschuldigung erhoben, nachdem Wahlkampfauftritte türkischer Minister in deutsche Städten abgesagt worden waren - allerdings laut städtischen Behörden aus organisatorischen Gründen oder Sicherheitsrisiken. [...]

Die regierungsnahe türkische Zeitung "Günes" veröffentlichte eine Fotomontage, die Merkel mit einem schwarzen Hitlerbärtchen und dem Gruß der Nationalsozialisten zeigt. Getitelt wurde die Darstellung sinngemäß mit der Zeile: "Dann verhalte Dich halt nicht wie ein Nazi." Die Zeitung "Aksam" bezeichnete die Bundeskanzlerin als "Kandils große Schwester" - eine weitere Anspielung auf die vermeintliche Unterstützung von Terroristen. Im nordirakischen Kandil hat die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK ihr Hauptquartier.
http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei...d-109.html

Was ist davon zu halten? Nun, zunächst einmal sollte man die Sache nicht so hoch kochen, wie es auf den ersten Moment den Anschein hat. Irgendwelche NS-Vergleiche sind genauso sinnentleert wie provokant. Und ja, sie sind auch ärgerlich. Sicherlich.

Aber: Sie zeigen vor allem eines: Nämlich, dass den AKP-Herrschaften das Wasser ziemlich am Halse steht - und umso schriller werden die Töne. Umfragen zufolge ist es nämlich keineswegs sicher, dass Erdogan seine umstrittene Abstimmung über das Präsidialsystem gewinnt. Im SPIEGEL PRINT von letzter Woche (Ausgabe 10, S. 36 - 38) wird sogar darauf hingewiesen, dass die Zustimmung zum Präsidialsystem in der Türkei stetig sinkt (ca. 40 bis 50% der Befragten wollen mit "Ja" stimmen). Die in Deutschland lebenden Menschen mit türkischstämmigem Hintergrund, sofern sie in der Türkei wählen dürfen, wollen jedoch zu ca. 55 bis 60% mit "Ja" stimmen.

Folglich ist es für die AKP-Herrschaften sicherlich wichtig, die türkischen Wähler in Deutschland zu mobilisieren. (Türkische Oppositionelle behaupten sogar, dass die Zukunft der Türkei von den Türken in Deutschland maßgeblich mitbeeinflusst werden wird.) Und wenn nun die Chance auf eine Mobilisierung der Wahlberechtigten in Deutschland durch Auftrittsverbote sinkt, so sehen einige Herren in Ankara ihre Felle wegschwimmen. Und dementsprechend wirr, provokant, unfair und lautstark sind folglich die Reaktionen der AKP in der Türkei bzw. der dortigen AKP-nahen Medien.

Wie also umgehen damit? Eine genauso schrille Retourkutsche wäre nicht produktiv. Zwar wird immer wieder behauptet, dass "Erdogan Frau Merkel wegen des Flüchtlingsdeals in der Tasche habe", aber dies ist nur die halbe Wahrheit. Die Türkei möchte nämlich, zumindest durch die Hintertüre und im stillen Kämmerlein, ein stärkeres Engagement Deutschlands in der Türkei. Im Kontext von Terrorakten, dem 2016er-Putsch, von Kurden- und Syrienkrieg, Verhaftungswellen und einem immer autoritärer agierenden Erdogan geht nämlich die türkische Wirtschaft derweilen den Bach hinab und Investitionen harren der Dinge. Die Erwerbslosenquote steigt beständig. Und der türkische MP, Mehmet Simsek, war nicht ohne Grund kürzlich bei Herrn Schäuble, um bezüglich verstärkter deutscher Investitionen anzufragen (s. hierzu: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziale...37745.html).

Kurzum: Die ganze Angelegenheit ist also keine Einbahnstraße. Insofern: Wir sollten ruhig und besonnen bleiben, allzu dreiste Vorwürfe höflich und ohne Hysterie abtropfen lassen, und ansonsten unseren Kurs halten. Das heißt: Wir stehen an der Seite der Türkei, aber gehen eben nicht konform mit vielem, was Herr Erdogan und einige Politiker innerhalb der AKP vorhaben.

Schneemann.
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