Gestern, 14:14
(Gestern, 12:51)Kongo Erich schrieb: der aktuelle Vorfall ist durch Video-Aufnahmen dokumentiert.Da gehen die Interpretationen natürlich wieder weit auseinander. Mein persönlicher, möglichst neutral gehaltener Eindruck von dem Video ist folgender:
Ein PKW mit dem späteren Opfer steht - offensichtlich bei Glatteis - quer auf der Straße. Dem PKW nähern sich mehrere bewaffnete und vermummte Personen. Der PKW versucht, die Straße frei zu machen, worauf auf das Opfer - die Fahrerin - geschossen wird.
- Die Frau blockierte die Straße. Ob das absichtlich oder eklatant rechtswidrig war, kann man so erstmal nicht beurteilen, eine Ansprache der Fahrerin war aber offensichtlich gerechtfertigt.
- Der erste ICE-Agent näherte sich ihrem offenen Fenster, sie war also für ihn definitiv ansprechbar.
- Er griff jedoch sofort nach dem Türgriff, um die Tür zu öffnen, was auch in den USA keine gängige Vorgehensweise der Polizei ist und dementsprechend bedrohlich auf die Frau gewirkt haben muss, wodurch sie sich anscheinend veranlasst sah, die Flucht zu ergreifen. Das halte ich für nachvollziehbar, wenn in der angespannten Lage, ein bewaffneter und vermummter ICE-Agent trotz der Möglichkeit zur direkten Ansprache (offenes Fenster) direkt die Tür aufzureißen versucht, was zudem auch nicht der ursprünglich nachvollziehbaren Intention der Ansprache entsprochen hätte, die Straße frei zu machen.
- Der spätere Schütze näherte sich von vorne dem Fahrzeug, behindert also den einzigen ihr freistehenden Fluchtweg, bewegt sich aber soweit seitwärts, dass ein Vorbeifahren grundsätzlich möglich erscheint. Dazu setzt sie sogar noch kurz zurück, vmtl. um eben besser an dem Schützen vorbei fahren zu können.
- Es ist nicht erkenn-, aber denkbar, dass sich der Schütze durch das fahrende Fahrzeug gefährdet gesehen hat. Inwiefern die Schussabgabe auf die Fahrerin diese vermeintliche Gefährdung jedoch hätte reduzieren können, ist für mich nicht zu erkennen, insofern fällt die Notwehr-Argumentation -zumindest nach deutschem Rechtsverständnis- dadurch mMn aus, dass es sich nicht um ein "geeignetes" Mittel gehandelt hat, um die Gefährdung zu beenden.
- Auch kann mMn nicht davon ausgegangen werden, dass die Strafverfolgung wegen der vermeintlichen Straßenblockade so hoch priorisiert werden musste, dass der Tod der Fahrerin dazu in Kauf genommen werden konnte.
- Bleibt daher einzig die Frage, ob von der fliehenden Person eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausging. Dazu könnte man argumentieren, dass der Schütze (fälschlicherweise) der Ansicht war, die Frau wolle ihn überfahren, woraus er schlussfolgern musste, dass sie versuchen würde, auch andere Menschen zu überfahren, wenn er sie nicht sofort gewaltsam stoppt.
Zumindest würde ich darauf seine Verteidigung aufbauen, auch wenn ich selbst natürlich nicht daran glaube. Meiner persönlichen Meinung nach, haben beide Agents eklatantes Fehlverhalten gezeigt. Der erste halt unnötig eskaliert, der zweite überzogen reagiert.
Es gibt übrigens auch noch Videoaufnahmen, auf denen zu sehen und zu hören ist, wie jemand, der sich selbst als Arzt ausgibt, versucht, sich Zugang zu der Erschossenen zu verschaffen, um erste Hilfe zu leisten, was ihm verwehrt wird, mit der Begründung, man hätte eigene Sanitätskräfte, die allerdings offenbar zu dem Zeitpunkt noch nicht eingetroffen waren. Erste Hilfe durch ICE fand sichtbar zu dem Zeitpunkt nicht statt. Wie nennt man sowas wohl? "Unterbundene Hilfeleistung"?
