20.11.2024, 07:00
@Quintus
Die Streitkräfte müssen nicht repräsentativ für die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft sein, aber sie müssen bereit sein, jeden Staatsbürger in ihre Reihen aufzunehmen, der physisch und psychisch zum Dienst geeignet und dienstwillig ist. Eine Armee, die nicht mit der Gesellschaft verbunden ist, deren Freiheit und Rechte sie verteidigen soll, kann jederzeit gegen die Gesellschaft eingesetzt werden. Die historischen Beispiele sind Legion.
Überhaupt muss gerade für den bewaffneten Teil der Exekutive gelten, was für die Exekutive insgesamt gilt. Seit 1789 gilt es als ausgemacht, und zu Recht, dass die Exekutive ihre demokratische Legitimität nicht allein aus der Kontrolle durch gewählte Volksvertreter bezieht, sondern auch aus dem Zugang aller Bürger zu allen öffentlichen Ämtern und Verwendungen (Eignung vorausgesetzt). Denn nur so wird sichergestellt, dass die Exekutive nicht zum willfährigen Instrument der Regierung wird. Und schon die aufgeklärt absolutistischen Monarchen des 18. Jahrhunderts hatten bemerkt, dass sie einen effektiveren Staatsapparat erhielten, wenn sie Ämter ausschließlich nach Eignung besetzten.
"Eine von der Gesellschaft vollkommen getrennte Kriegerkaste" ist in einer Demokratie nicht zu verwirklichen, noch scheint es selbst unter utilitaristischen Gesichtspunkten wirklich wünschenswert, sie zu verwirklichen. Die Nazis etwa hatten eine Kriegerkaste, die Russen haben sie heute auch. Bildet das Militär (und sei es bloß mental) einen Staat im Staate, führt das nahezu unweigerlich zu militärischen und politischen Katastrophen.
Wenn es der neuen US-Regierung nur um die Zurückdrängung von "wokem" Gedankengut gehen würde, wäre ich bei Dir. Doch Pete Hegseth und Donald Trump haben sich in meinen Augen rhetorisch zu weit aus dem Fenster gelehnt, als dass ich davon ausgehen könnte, dass sie nur zum Status quo ante zurück wollen.
Ein Präsident, der sich Generäle wie Hitler wünschte, und ein Verteidigungsminister, der angedeutet hat, dass er am liebsten jeden Offizier feuern würde, der unter den politisch unliebsamen Generälen Milley und Brown befördert wurde … Das ist schlicht und ergreifend eine politische Säuberung à la Viktor Orbán.
An Hegseth stört mich auch, dass er eine Äußerung Browns ("diversity of thought is our strength") zu "diversity is our strength" verkürzt hat, ihm antwortend: "Unity is our strength". Geht es um identitätspolitische Diversität, hat er zwar Recht. Zur effektiven Auftragserfüllung braucht eine Armee weder Afroamerikaner, noch Frauen, noch Schnauzbartträger mit dem Taufnamen George. Sie braucht einfach nur physisch und psychisch geeignete Soldaten, die ihren Job machen, egal wie sie am Ende aussehen.
Mit seiner korrekt wiedergegebenen Aussage hatte Brown jedoch auch Recht. Gerade in einer strikt hierarchischen Organisation wie einer Armee, in der die Möglichkeiten der Untergebenen begrenzt sind, Bedenken oder Anregungen zu äußern, ist es umso wichtiger, dass dem militärischen Führer verschiedene Perspektiven zur Verfügung stehen. Wenn Hegseth eine Armee will, in der unity of thought herrscht, muss er russischer Verteidigungsminister werden.
Und @Schneemann hat in meinen Augen Recht, wenn er moniert, dass unter Hegseth die Qualität des US-Offizierskorps erodieren wird, weil man als Botschaft verinnerlichen wird: "Die nächste Administration kann mich dafür bestrafen, dass ich den Befehlen dieser Administration folge." Die Amerikaner werden die gleiche Führungsebene bekommen, wie die Bundeswehr sie bereits hat (wenngleich aus anderen Gründen): Rückgratlose Ja-Sager, oder aber Leute, deren hauptsächliche Qualifikation darin besteht, nie jemandem auf die Füße getreten zu sein.
Wo @Schneemann allerdings meiner Meinung nach Unrecht hat, das ist die Behauptung, dass die US-Konservativen das Problem größer machten, als es ist, oder dass es sich um ein Phänomen der 2020er handeln würde. Das ist meines Erachtens absolut nicht der Fall.
Das goldene Kalb der Diversität wurde schon unter Barack Obama angebetet, und die erste Wahl Donald Trumps war auch eine Reaktion darauf. Wir können gerne darüber diskutieren, ob die US-Linke seinerzeit auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen reagierte. Es gibt in den USA unbestreitbaren Rassismus und systemische Ungerechtigkeiten; und es gibt bspw. auch Gemeinden im Bible Belt, aus denen du als Homosexueller lieber wegziehen solltest. Gar keine Frage.
Doch war die Art der Reaktion bereits maximal kontraproduktiv, weil sie grundlegende psychologische Mechanismen missachtete. Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass man um Spenden für Afrika besser mit lachenden Kindern als mit fliegenumschwärmten Hungerleidern wirbt. In einer kollektivistischen Gesellschaft kann man das gewünschte Verhalten erzeugen, indem man die Menschen beschämt, aber in einer individualistischen Gesellschaft funktioniert das nicht. Übergriffig wirkt es obendrein, da es nicht Aufgabe einer Regierung ist, das Verhalten der eigenen Bürger zu bewerten wie ein Lehrer, der Schulnoten vergibt.
Mehr noch, die amerikanische Linke hat mit dieser Ideologie effektiv den amerikanischen Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Ich bin überzeugt, die Demokraten sind in dem Augenblick ins Hintertreffen geraten, als Barack Obama sagte: "Somebody helped to create this unbelievable American system that we have that allowed you to thrive. Somebody invested in roads and bridges. If you've got a business, you didn't build that." Stärker hätte er eine Gesellschaft nicht befremden können, die glaubt und glauben will, dass man durch harte Arbeit alles werden kann. Und deswegen reagiert diese Gesellschaft auch so sensibel auf Versuche, Menschen nach unbedeutenden Eigenschaften wie der Hautfarbe anstatt nach ihrer Leistung, ihrem Wert für die Gesellschaft einzuteilen.
Und die "woke" Dynamik ist in den USA wesentlich älter als der Begriff selbst. Komiker wie Bill Burr und George Carlin haben sich schon vor zwanzig, dreißig Jahren darüber lustig gemacht, dass überall in Amerika ein Rollpodium in Reichweite steht, damit man es für die obligatorische Entschuldigungsrede heranfahren kann.
Die Streitkräfte müssen nicht repräsentativ für die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft sein, aber sie müssen bereit sein, jeden Staatsbürger in ihre Reihen aufzunehmen, der physisch und psychisch zum Dienst geeignet und dienstwillig ist. Eine Armee, die nicht mit der Gesellschaft verbunden ist, deren Freiheit und Rechte sie verteidigen soll, kann jederzeit gegen die Gesellschaft eingesetzt werden. Die historischen Beispiele sind Legion.
Überhaupt muss gerade für den bewaffneten Teil der Exekutive gelten, was für die Exekutive insgesamt gilt. Seit 1789 gilt es als ausgemacht, und zu Recht, dass die Exekutive ihre demokratische Legitimität nicht allein aus der Kontrolle durch gewählte Volksvertreter bezieht, sondern auch aus dem Zugang aller Bürger zu allen öffentlichen Ämtern und Verwendungen (Eignung vorausgesetzt). Denn nur so wird sichergestellt, dass die Exekutive nicht zum willfährigen Instrument der Regierung wird. Und schon die aufgeklärt absolutistischen Monarchen des 18. Jahrhunderts hatten bemerkt, dass sie einen effektiveren Staatsapparat erhielten, wenn sie Ämter ausschließlich nach Eignung besetzten.
"Eine von der Gesellschaft vollkommen getrennte Kriegerkaste" ist in einer Demokratie nicht zu verwirklichen, noch scheint es selbst unter utilitaristischen Gesichtspunkten wirklich wünschenswert, sie zu verwirklichen. Die Nazis etwa hatten eine Kriegerkaste, die Russen haben sie heute auch. Bildet das Militär (und sei es bloß mental) einen Staat im Staate, führt das nahezu unweigerlich zu militärischen und politischen Katastrophen.
Wenn es der neuen US-Regierung nur um die Zurückdrängung von "wokem" Gedankengut gehen würde, wäre ich bei Dir. Doch Pete Hegseth und Donald Trump haben sich in meinen Augen rhetorisch zu weit aus dem Fenster gelehnt, als dass ich davon ausgehen könnte, dass sie nur zum Status quo ante zurück wollen.
Ein Präsident, der sich Generäle wie Hitler wünschte, und ein Verteidigungsminister, der angedeutet hat, dass er am liebsten jeden Offizier feuern würde, der unter den politisch unliebsamen Generälen Milley und Brown befördert wurde … Das ist schlicht und ergreifend eine politische Säuberung à la Viktor Orbán.
An Hegseth stört mich auch, dass er eine Äußerung Browns ("diversity of thought is our strength") zu "diversity is our strength" verkürzt hat, ihm antwortend: "Unity is our strength". Geht es um identitätspolitische Diversität, hat er zwar Recht. Zur effektiven Auftragserfüllung braucht eine Armee weder Afroamerikaner, noch Frauen, noch Schnauzbartträger mit dem Taufnamen George. Sie braucht einfach nur physisch und psychisch geeignete Soldaten, die ihren Job machen, egal wie sie am Ende aussehen.
Mit seiner korrekt wiedergegebenen Aussage hatte Brown jedoch auch Recht. Gerade in einer strikt hierarchischen Organisation wie einer Armee, in der die Möglichkeiten der Untergebenen begrenzt sind, Bedenken oder Anregungen zu äußern, ist es umso wichtiger, dass dem militärischen Führer verschiedene Perspektiven zur Verfügung stehen. Wenn Hegseth eine Armee will, in der unity of thought herrscht, muss er russischer Verteidigungsminister werden.
Und @Schneemann hat in meinen Augen Recht, wenn er moniert, dass unter Hegseth die Qualität des US-Offizierskorps erodieren wird, weil man als Botschaft verinnerlichen wird: "Die nächste Administration kann mich dafür bestrafen, dass ich den Befehlen dieser Administration folge." Die Amerikaner werden die gleiche Führungsebene bekommen, wie die Bundeswehr sie bereits hat (wenngleich aus anderen Gründen): Rückgratlose Ja-Sager, oder aber Leute, deren hauptsächliche Qualifikation darin besteht, nie jemandem auf die Füße getreten zu sein.
Wo @Schneemann allerdings meiner Meinung nach Unrecht hat, das ist die Behauptung, dass die US-Konservativen das Problem größer machten, als es ist, oder dass es sich um ein Phänomen der 2020er handeln würde. Das ist meines Erachtens absolut nicht der Fall.
Das goldene Kalb der Diversität wurde schon unter Barack Obama angebetet, und die erste Wahl Donald Trumps war auch eine Reaktion darauf. Wir können gerne darüber diskutieren, ob die US-Linke seinerzeit auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen reagierte. Es gibt in den USA unbestreitbaren Rassismus und systemische Ungerechtigkeiten; und es gibt bspw. auch Gemeinden im Bible Belt, aus denen du als Homosexueller lieber wegziehen solltest. Gar keine Frage.
Doch war die Art der Reaktion bereits maximal kontraproduktiv, weil sie grundlegende psychologische Mechanismen missachtete. Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass man um Spenden für Afrika besser mit lachenden Kindern als mit fliegenumschwärmten Hungerleidern wirbt. In einer kollektivistischen Gesellschaft kann man das gewünschte Verhalten erzeugen, indem man die Menschen beschämt, aber in einer individualistischen Gesellschaft funktioniert das nicht. Übergriffig wirkt es obendrein, da es nicht Aufgabe einer Regierung ist, das Verhalten der eigenen Bürger zu bewerten wie ein Lehrer, der Schulnoten vergibt.
Mehr noch, die amerikanische Linke hat mit dieser Ideologie effektiv den amerikanischen Gesellschaftsvertrag aufgekündigt. Ich bin überzeugt, die Demokraten sind in dem Augenblick ins Hintertreffen geraten, als Barack Obama sagte: "Somebody helped to create this unbelievable American system that we have that allowed you to thrive. Somebody invested in roads and bridges. If you've got a business, you didn't build that." Stärker hätte er eine Gesellschaft nicht befremden können, die glaubt und glauben will, dass man durch harte Arbeit alles werden kann. Und deswegen reagiert diese Gesellschaft auch so sensibel auf Versuche, Menschen nach unbedeutenden Eigenschaften wie der Hautfarbe anstatt nach ihrer Leistung, ihrem Wert für die Gesellschaft einzuteilen.
Und die "woke" Dynamik ist in den USA wesentlich älter als der Begriff selbst. Komiker wie Bill Burr und George Carlin haben sich schon vor zwanzig, dreißig Jahren darüber lustig gemacht, dass überall in Amerika ein Rollpodium in Reichweite steht, damit man es für die obligatorische Entschuldigungsrede heranfahren kann.