09.11.2024, 22:45
(09.11.2024, 10:53)lime schrieb: Ein Stratege ist Girkin nicht gerade.Wie konnte er dann so viele überzeugen, dass man ihn einsperren musste?
Girkin ist Oberst des FSB (und wahrscheinlich auch Oberstleutnant des GRU), war federführend am russischen Angriff auf die Ukraine 2014 und an der militärischen Stabilisierung der "Volksrepubliken" Luhansk und Donetsk beteiligt. Den bisherigen Kriegsverlauf der Invasion seit 2022 hat er korrekt vorhergesagt, und er ist keineswegs der einzige in Russlands Armee- und Sicherheitsapparat, der eine Mobilisierung fordert.
(09.11.2024, 10:53)lime schrieb: Meines Erachtens steht eine russische Mobilisierung überhaupt nicht auf der Agenda weil sie aus russischer Sicht strategisch völlig falsch wäre. Ein bis zwei Millionen Soldaten mehr würden Rußland aktuell überhaupt nichts nutzen, weil die Kapazitäten der Rüstungsindustrie endlich sind.Dieser Gedanke geht meines Erachtens völlig in die falsche Richtung.
Der Personalmangel ist bereits erheblich.
Man nimmt Wehrpflichtige in den Schwitzkasten, damit sie sich verpflichten;
man schickt Kriminelle und den sozialen Bodensatz als Z-Sturm an die Front;
man holt sich Söldner aus Afrika und Truppen aus Nordkorea (!);
Matrosen untergegangener Schiffe und Luftwaffen-Bodenpersonal werden in die Schlacht geworfen;
und es gibt die Mobilisierten aus dem Herbst 2022, die völlig demoralisiert sind und nur noch heim wollen.
Und da soll es kein Bedürfnis zur Mobilisierung geben?
Schon um die eigenen Kräfte aufzufrischen, müsste man zum Mittel der Zwangsverpflichtung greifen, wenn der Personalersatz auf freiwilliger Basis nicht zu bewerkstelligen ist. Die militärische Notwendigkeit scheint mir offenkundig.
Es sprechen auch auf politischer Ebene mehrere Argumente dafür: ausbleibende militärische Erfolge, derentwegen man Tatkraft signalisieren müsste; die Rhetorik des Regimes, wonach man sich in einem Überlebenskampf gegen die ganze NATO befindet (aber trotzdem nicht alle Kräfte aufwendet?); und die Kursk-Invasion. Der KPRF-Vorsitzende Gennadi Sjuganow hat Putin schon im August vorgeworfen, er breche seinen Amtseid, wenn er nicht endlich den Krieg erklärt und mobilisiert, obwohl wieder "Nazis" vor Kursk stünden.
Es gibt nur einen, aber entscheidenden Grund dafür, es nicht zu tun. Mobilisieren hieße, die Hosen runterzulassen und den russischen Gesellschaftsvertrag aufzukündigen, der da sagt: Sicherheit und Wohlstand gegen Gehorsam. Es wäre der ultimative Offenbarungseid. Aus den "drei Tagen bis Kiew" sind "drei Jahre bis Charkiw" geworden. Wenn man der Wirtschaft noch mehr Arbeitskräfte entzieht, geht sie erst recht den Bachgraben runter.
Ich kann nicht erkennen, dass die von Dir behaupteten Folgen im Falle der Mobilisierung eintreten würden. Die würden sich nicht gegenseitig auf die Füße treten, und der Materialmangel (v.a. geschützte Transportkapazität) wäre auch nicht schlimmer als jetzt. Doch würde Russland mobilisieren und so eine Personalreserve schaffen, um über einen sorgfältig gestreckten Zeitraum hinweg peu à peu ausgelaugte durch frische Kräfte zu ersetzen, sie könnten diesen Krieg gewinnen.