16.10.2024, 23:07
(16.10.2024, 22:09)Quintus Fabius schrieb: Nein haben sie nicht. Lassen wir mal alle rechtlichen und auch alle moralisch-ethischen Fragen beiseite: eine solche Strategie würde für Israel meiner Überzeugung nach extrem negative Fernwirkungen nach sich ziehen. Zum einen hat man dann die Palästinenser aus Gaza welche niemand haben will, und welche zwingend als gemobbte Gruppe sich noch weiter radikalisieren und überall wo sie sind zum Problem werden würden. Zum anderen würde dies die internationale Position Israels, insbesondere aber seine Position in der sunnitisch-arabischen Welt drastisch verschlechtern. Die Regierungen der Nachbarstaaten könnten dann gleich wie sehr sie es selbst wollten gegen den dann immer weiter wachsenden Druck der Straße keinerlei pro-israelische Politik mehr betreiben, nicht mal mehr hinter den Kulissen. [...]Den Regierungen der Nachbarstaaten war es schei*egal, dass man Gaza weitgehend und Schutt und Asche gelegt hat - eine freiwillige Umsiedlung soll da zu dramatischeren Reaktionen führen? Ich meine nicht.
Oder anders betrachtet: Wäre denn die arabische Straße explodiert, wenn Ägypten nach dem 7. Oktober die Grenze geöffnet und ein großer Teil der Bevölkerung Gazas jetzt halt in Sinai versorgt werden würde? Ich sehe das auch nicht.
Das eine derartige Entwicklung auf dem internationalen Parket zu erheblichen Verwerfungen führen würde ist klar. Mir geht es rein um den Punkt, dass diese Siedlerbewegung recht hat, das sich der Gaza-Konflikt lösen ließe, wenn man einen großten Teil der Palästinenser aus Gaza in humaner Weise woanders gut unterbringen und stattdessen dort Israelis ansiedeln würde. So wie ich das überblicke fordert diese Bewegung selbst eben keine gewaltsame Vertreibung.
Ich sage nicht, dass ich das für eine gute Idee oder für unter den momentanen Umständen machbar halte. Oder ich es fordern würde wenn ich es als machbar ansehen würde. Ich gebe dir da völlig recht, dass die internationalen Flurschäden viel zu groß wären. Das die Haltung der internationalen Gemeinschaft völlig verlogen wäre (siehe wieder Bergkarabach) steht auf einem anderen Blatt.
Trotzdem ginge unter etwas anderen Vorzeichen halt auch einiges. Wenn die Situation nicht so verfahren wäre: Man könnte einfach ein Programm für die freiwillige Ausreise ins Westjordanland oder in einen Drittstaat wie Jordanien oder Ägypten (theoretisch, praktisch wollen die das natürlich nicht) auflegen und Ausreisewillige mit Geldbeträgen unterstützen. Das wäre auch völkerrechtlich kaum zu Beanstanden.
Zitat:Noch darüber hinaus würden damit rechtsextremistische Elemente in Israel noch weiteren Aufwind erhalten, und dann noch mehr politischen und sonstigen Einfluss erlangen. Dem folgend würde Israel meiner Einschätzung dauerhaft und tiefgreifend nach nach Rechts kippen, was für die Zukunft Israels eine Katastrophe wäre.Oder auch nicht, denn wenn der Gaza-Konflikt dadurch gelöst wäre und sich die Situation entspannt werden andere politische Themen wieder wichtiger für die es in Israel idR immer noch recht progressive Mehrheitsmeinungen gibt.
Auf der anderen Seite: Der Rechtsruck kommt sowieso, schon Demographisch und erst Recht nach der Diskursverschiebung durch dieses Krieg. Man muss sich da nicht von den momentanen Umfragen täuschen lassen. Die verzerren sich an der Person Netanyahu. Ersetze da post 2026 Netanyahu durch jemanden wie Bennett und die Mehrheiten des rechten Blocks werden größer sein als unter Netanyahu.
Zitat: Und das du Gaza als eine isolierte Enklave bezeichnest, ist bezeichnend für deine Fehlwahrnehmung in diesem Aspekt: Gaza hat einen Meereszugang und könnte seit Jahren schon ein wohlhabender prosperierender Stadtstaat am Meer sein. Die Hamas allein trägt die Schuld daran, dass dies nichts geworden ist, aber ohne die verfehlte Politik und die ebenso verfehlte Strategie der israelischen Regierung, insbesondere Netanyahus, wäre die Hamas nicht einmal in der Position in welcher sie jetzt war.Ich glaube wenn du auf Seite 50 oder so zurückblätterst habe ich ausführlich beschrieben was Gaza sein könnte. Aber die Situation ist wie sie ist, man kann die Hamas nicht wegzaubern.
Davon ab: Es kotzt mich, um mal deutlich zu werden, regelrecht an, dass die Herrschaft der Hamas wohlfeil Netanyahu angelastet wird. Mal abgesehen davon, dass die Hamas 2006 die Macht übernommen und Netanyahu erst 2010 Ministerpräsident geworden ist - was um alles in der Welt hätte er denn bitte tun sollen. Er wird heute dafür kritisiert, dass er Gelder und Güter nach Gaza gelassen hat von denen natürlich auch die Hamas profitierte - die Alternative wäre gewesen Gaza ohne Provokation effektiv auszuhungern und die Gesellschaft dort so unter Druck zu setzen, dass das politische System der Hamas dort zusammenbricht. Keiner, absolut keiner derjenigen die ihn heute kritisieren hätte ein solches Vorgehen vor zehn, fünfzehn Jahren gutgeheißen. Ach du übrigens nicht. Im Gegenteil, praktisch jeder der in heutzutage dafür kritisiert mit der Hamas zu lasch umgesprungen zu sein hat damals genau dieses Vorgehen (und noch viel weitergehende Zugeständnisse!) von ihm eingefordert.
Wenn es überhaupt jemanden gibt der Netanyahu hier stringent kritisieren kann, dann sind es Gestalten wie Ben Gvir oder Smotrich. Und freilich Avidgor Liebermann, der hier schon immer sehr entschlossen eine sehr harte Gangart vertreten hat. Aber damit hat es sich.
Zitat: Nun hätte man durch den Krieg die Chance, die Hamas tatsächlich in einer COIN Kampagne nachhaltig zu schlagen und dann Gaza zu entwickeln, aber diese Chance vertut man nun für die verfehlten Vorstellungen von Rechtsextremisten, welche der größte denkbare Schaden für Israel sind.Die Vorstellungen von Rechtsextremisten sind für die Entscheidungsfindung nicht relevant. Für eine COIN Kampagne gibt es nicht ansatzweise die notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen und erst recht keine politischen Mehrheiten. Aber das hatten wir schon sehr oft.
Zitat: In keinster Weise wird der Nahostkonflikt dadurch gelöst werden können, dass Israel praktisch gesehen Völkermord in Gaza begeht indem es Gaza ethnisch säubert und die Palästinenser dort durch Israelis ersetzt. Eine solche Aussage von dir zu lesen, ist schon erstaunlich, da ich dich grundsätzlich für wesentlich fähiger und intelligenter einschätze.Ich bezog mit auf Gaza, nicht auf den Nahostkonflikt insgesamt. Das hatte ich in meinen Post nicht ausreichend eingegrenzt. Natürlich lässt sich der Nahostkonflikt nicht lösen in dem man Gaza quasi auflöst, aber eine derartige Frontbegradigung würde die Problematik Gaza aus der Gleichung streichen. Damit viele immens viel Konfliktpotential weg.
Verbindet man das ganze dann noch mit einer Frontbegradigung im Westjordanland in dem Sinne, dass man die Radikalen einsammelt und sich auf die größeren Siedlungsblöcke zurückzieht (wollen diese Siedler natürlich genau nicht) könnte eine viel entspanntere Situation entstehen.
Aber wie gesagt, nicht umsetzbar.