07.10.2024, 19:50
@Quintus Fabius & @Pmichael
Der unerschütterliche Glaube an die unabweisbare russische Überlegenheit hat meines Erachtens vier Ursachen:
Sicherlich wird es noch zu weiteren ukrainischen Kriegsverbrechen kommen, ich sehe aber keinen Grund für die Annahme, dass diese in nennenswerter Zahl hinter den Kulissen stattfänden. Stichwort Veränderungen: Jeder ukrainische Soldat hat ein Smartphone mit Kamera in der Tasche, in jedem Zug werden Go-Pros getragen, um Erlebnisse zu dokumentieren oder Trainingsmaterial für Rekruten aufzunehmen. Ein Großteil der ukrainischen Soldaten ist in den sozialen Medien präsent. Will sagen: Kein potentieller Täter ist unbeobachtet.
Die ukrainische Gesellschaft ist mittlerweile eine Mediengesellschaft, sie ist freier und kritischer als die russische, und die vergangenen 2,5 Jahre haben meines Erachtens gezeigt, dass eine effektive Zensur nicht zu leisten ist, weder auf Regierungsebene, noch auch nur auf irgendeiner Ebene der militärischen Hierarchie; denn es sind zu viele Griffe ins Klo bekannt geworden, die man bestimmt nicht aller Welt zeigen wollte.
Und was noch schwerer wiegt: Würden die Ukrainer regelmäßig Kriegsverbrechen begehen, würden die an Aufklärungsmitteln überlegenen Russen dies sehen und sowohl ihre eigenen als auch unsere Medien mit Beweisen überschwemmen. Dazu kommt es aber nicht. Ich folgere daraus, dass Schein und Sein im vorliegenden Fall durchaus zusammenpassen.
Ich würde hier den Vergleich zur deutschen Nationalstaatsbildung wagen. Die Bayern z.B. sahen sich ebenso als Deutsche wie die Preußen und sprachen dieselbe Sprache; das heißt aber nicht, dass sie auch nur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gehabt hätten. Mit den Preußen einen Staat zu machen, dazu waren sie lange nicht bereit, weil die preußische Übermacht in ihren Augen aus Deutschland Preußenland gemacht hätte.
Die ukrainische Gesellschaft ist ähnlich heterogen und war ähnlich zersplittert. Die katholischen Westukrainer verstanden unter dem Wort "Ukraine" etwas anderes als die kosmopolitischen Kiewer, die orthodoxen Russo-Ukrainer im Osten oder die moslemischen Tartaren im Süden.
Das Konzept der ukrainischen Nation war das gesamte 20. Jahrhundert hindurch ein Projekt, das (genauso wie in Deutschland oder bspw. auch in Italien ein Jahrhundert zuvor) eher Nationalisten und Intellektuelle interessierte als die breite Masse. Zur Angelegenheit der Masse wurde es nur sporadisch in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und, in geringerem Maße, mit Polen.
Die (auch gewaltsamen) Exzesse der Nationalisten im Jahr 2014 sind in Europa zurecht kritisiert worden, aber es wurde vielfach übersehen, wie erfolgreich die Präsidenten Poroschenko und insb. Selenskyj diesen aggressiven Nationalismus wieder eingefangen haben.
Die Ukraine befand sich schon lange vor 2022 aus ihrer Sicht in einem Kampf um ihr Überleben, und es gelang Kiew in dieser Auseinandersetzung, diese heterogenen Kräfte hinter ein und denselben Karren zu spannen, indem man Ukrainisch-Sein neu definierte.
Das Suchen nach einem gemeinsamen Nenner führte auch zu Fehlgriffen wie institutionellen Ansätzen, die russische Sprache zu diskriminieren, aber spätestens mit der Wahl des Russo-Ukrainers Selenskyj war dieses Thema eigentlich gegessen. Seit 2014 und verstärkt seit 2019 dominiert in der Ukraine der Ansatz, die ukrainische Nation als Wertegemeinschaft zu definieren, die den von Putins Russland gelebten Werten entgegengesetzt sind.
Der unerschütterliche Glaube an die unabweisbare russische Überlegenheit hat meines Erachtens vier Ursachen:
- Politische Opportunität. Die Behauptung wurde in vielen Ländern von den unterschiedlichsten Akteuren verbreitet, weil sie sich wunderbar vielseitig einsetzen ließ. Russlands "Übermacht" rechtfertigte die Forderung, die Europäer müssten mehr für ihre Verteidigung tun. Sie rechtfertigte aber auch die Forderung abzurüsten, um dieses übermächtige Russland nicht zu provozieren. Sie rechtfertigte die Forderung, nach der Prämisse Wandel durch Annäherung Russland mit Geld und Liebe zu umarmen, statt ihm Paroli zu bieten.
- Chronische Unterschätzung der Ukraine. Timothy Snyder hat den Deutschen einen "kolonialen Blick" auf die Ukraine attestiert; und ich fürchte, der Vorwurf ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Auf der politischen Landkarte, die insbesondere Angela Merkel benutzt zu haben scheint, war Osteuropa ein weißer Fleck. Warschau und Prag haben sich ebenfalls jahrelang beschwert, dass Berlin nach Gutsherrenart mit Moskau über ihre Köpfe hinweg verhandele, aber das wollte in Deutschland niemand wahrnehmen. Ebenfalls auffällig ist, dass Berlin spätestens seit Dugin im Weltbild russischer Imperialisten so etwas wie Moskaus westliche Vizekönigin in einem von Russland beherrschten Eurasien werden sollte.
- Inkompetenz. Strategisches Denken ist in vielen europäischen Staaten, vor allem aber in Deutschland, schlicht inexistent. In Deutschland kann man schon als "Experte" gelten, wenn man sich wie Varwick ins Fernsehen setzt und Russlands Übermacht mit einem lapidaren Fingerzeig auf die Landkarte "beweist", nach dem Motto, guckt euch an, wie viel größer Russland als die Ukraine ist (als spielte das irgendeine Rolle). In Deutschland kann man, wie Vad, militärischer Berater des Regierungschefs werden und so viel offensichtlichen Quatsch über sein angebliches Fachgebiet erzählen, dass man von den Tatsachen desavouiert die Öffentlichkeit zu meiden beginnt.
- Propaganda und zumindest indirekte Einflussnahme auf Entscheider. Ein deutscher Marinechef wie Schönbach, der ständig bei irgendwelchen ominösen Kongressen in Petersburg logiert, fordert während der russischen Aufmarschphase ein "christliches Bündnis" Deutschlands mit Russland gegen China. Ein ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr wie Kujat, der zumindest zeitweise einem Kreml-nahen Thinktank angehörte, tingelt durch die Talkshows und macht mit unsachlichen Prophezeiungen von sich reden, die von ehemaligen Generalskameraden als Humbug bezeichnet werden. Bloßer Zufall?
(05.10.2024, 17:16)Hinnerk2005 schrieb: Worauf ich hinaus will ist, dass wir gar nicht wissen können wer wie viele Kriegsverbrechen begeht oder begangen hat. Dazu müsste die gesamte Region befriedet sein und erst im Nachgang könnte man versuchen ein ansatzweise objektives Bild der Geschehnisse zu rekontruieren.Dieser Vergleich ist meines Erachtens unpassend. Denn letztlich betreibst Du das, was Popper das Elend des Historizismus nannte: Du schließt induktiv aus der Vergangenheit auf die Zukunft, ohne die zwischenzeitlichen Veränderungen zu berücksichtigen. Und die sind fundamental.
Ich erinnere daran wie kompliziert es war den Zweiten Weltkrieg oder spätere Konflikte aufzuarbeiten. Selbst heute tauchen immer wieder einmal neue Erkenntnisse aus den Archiven aus.
Sicherlich wird es noch zu weiteren ukrainischen Kriegsverbrechen kommen, ich sehe aber keinen Grund für die Annahme, dass diese in nennenswerter Zahl hinter den Kulissen stattfänden. Stichwort Veränderungen: Jeder ukrainische Soldat hat ein Smartphone mit Kamera in der Tasche, in jedem Zug werden Go-Pros getragen, um Erlebnisse zu dokumentieren oder Trainingsmaterial für Rekruten aufzunehmen. Ein Großteil der ukrainischen Soldaten ist in den sozialen Medien präsent. Will sagen: Kein potentieller Täter ist unbeobachtet.
Die ukrainische Gesellschaft ist mittlerweile eine Mediengesellschaft, sie ist freier und kritischer als die russische, und die vergangenen 2,5 Jahre haben meines Erachtens gezeigt, dass eine effektive Zensur nicht zu leisten ist, weder auf Regierungsebene, noch auch nur auf irgendeiner Ebene der militärischen Hierarchie; denn es sind zu viele Griffe ins Klo bekannt geworden, die man bestimmt nicht aller Welt zeigen wollte.
Und was noch schwerer wiegt: Würden die Ukrainer regelmäßig Kriegsverbrechen begehen, würden die an Aufklärungsmitteln überlegenen Russen dies sehen und sowohl ihre eigenen als auch unsere Medien mit Beweisen überschwemmen. Dazu kommt es aber nicht. Ich folgere daraus, dass Schein und Sein im vorliegenden Fall durchaus zusammenpassen.
(05.10.2024, 17:16)Hinnerk2005 schrieb: 2. Die Entmenschlichung des Feindes hat in Kriegszeiten naturgemäß Konjunktur. In der Ukraine werden russische Soldaten permanent entmenschlicht. Sie werden als "Orks" usw. abgewertet. Das ist verständlich, dürfte aber automatisch zu einer niedrigeren Hemmschwelle führen diese gegnerischen Soldaten nach Gefangennahme zu misshandeln, zu foltern etc.Nicht notwendigerweise. Abgesehen davon, dass meines Erachtens Belege dafür fehlen, dass die Ukrainer eine niedrige Hemmschwelle an den Tag legen, gehört eine solche Rhetorik bis zu einem gewissen Grad zum Soldatentum und dient auch der eigenen Selbstvergewisserung. Wenn etwa deutsche Soldaten in Afghanistan die Taliban als Indianer und die von ihnen kontrollierten Gebiete als Indianerland bezeichneten, ging das auch nicht mit Misshandlungen durch die "Cowboys" einher. Nicht einmal der offen rassistische Slang (z.B. "sand nigger") bei den Amerikanern hat zu einer (im historischen Vergleich) nennenswerten Zahl von Übergriffen auf die afghanische und irakische Zivilbevölkerung geführt. Kriegsverbrechen geschehen nicht deshalb, weil die Kombattanten einer Seite die Kombattanten der anderen Seite nicht mögen, sondern weil die militärische Führung es zulässt.
(05.10.2024, 17:16)Hinnerk2005 schrieb: 3. Aus meiner naiven Sicht unterscheidet sich "der Ukrainer" wenig "vom Russen" in seiner Mentalität. Ja, das ist sehr kurz gegriffen mag aber reichen um darzulegen, dass die Ukrainer eben auch keine Waisenknaben sind.Ich bin anderer Ansicht. Weiter im Folgenden.
(06.10.2024, 11:18)Kongo Erich schrieb: ich denke nicht, dass man eine neue Ethnogenese unterstellen kann. […]Der Begriff Ethnogenese greift hier vielleicht zu weit. Tatsächlich unterschieden sich die Ukrainer seit Jahrhunderten in vieler Hinsicht von den Russen, wie Du richtig sagst; doch hat sich ihre nationale Identität erst in den letzten dreißig Jahren herausgebildet, und insbesondere in den letzten zehn Jahren.
Ich würde hier den Vergleich zur deutschen Nationalstaatsbildung wagen. Die Bayern z.B. sahen sich ebenso als Deutsche wie die Preußen und sprachen dieselbe Sprache; das heißt aber nicht, dass sie auch nur mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gehabt hätten. Mit den Preußen einen Staat zu machen, dazu waren sie lange nicht bereit, weil die preußische Übermacht in ihren Augen aus Deutschland Preußenland gemacht hätte.
Die ukrainische Gesellschaft ist ähnlich heterogen und war ähnlich zersplittert. Die katholischen Westukrainer verstanden unter dem Wort "Ukraine" etwas anderes als die kosmopolitischen Kiewer, die orthodoxen Russo-Ukrainer im Osten oder die moslemischen Tartaren im Süden.
Das Konzept der ukrainischen Nation war das gesamte 20. Jahrhundert hindurch ein Projekt, das (genauso wie in Deutschland oder bspw. auch in Italien ein Jahrhundert zuvor) eher Nationalisten und Intellektuelle interessierte als die breite Masse. Zur Angelegenheit der Masse wurde es nur sporadisch in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion und, in geringerem Maße, mit Polen.
Die (auch gewaltsamen) Exzesse der Nationalisten im Jahr 2014 sind in Europa zurecht kritisiert worden, aber es wurde vielfach übersehen, wie erfolgreich die Präsidenten Poroschenko und insb. Selenskyj diesen aggressiven Nationalismus wieder eingefangen haben.
Die Ukraine befand sich schon lange vor 2022 aus ihrer Sicht in einem Kampf um ihr Überleben, und es gelang Kiew in dieser Auseinandersetzung, diese heterogenen Kräfte hinter ein und denselben Karren zu spannen, indem man Ukrainisch-Sein neu definierte.
Das Suchen nach einem gemeinsamen Nenner führte auch zu Fehlgriffen wie institutionellen Ansätzen, die russische Sprache zu diskriminieren, aber spätestens mit der Wahl des Russo-Ukrainers Selenskyj war dieses Thema eigentlich gegessen. Seit 2014 und verstärkt seit 2019 dominiert in der Ukraine der Ansatz, die ukrainische Nation als Wertegemeinschaft zu definieren, die den von Putins Russland gelebten Werten entgegengesetzt sind.