06.10.2024, 11:18
(04.10.2024, 17:08)Quintus Fabius schrieb: Ich habe mich heute Mittag mit eine paar Ukrainern unterhalten. Ohne ihnen unsere These ansatzweise darzulegen fragte ich lediglich, warum die Ukrainer so wenig Kriegsverbrechen begehen. Die Antworten im wortwörtlichen Zitat:ich denke nicht, dass man eine neue Ethnogenese unterstellen kann.
1. Wir sind keine Russen. 2. Wir sind doch keine Russen! 3. So was zu machen ist Russisch. 4. Das unterscheidet uns von den Russen.
Es ist geradezu verblüffend, wie sehr diese Antworten im wortlaut unsere These belegen, dass die Ukrainer sich in ihrer Ethnogenese gerade eben dadurch abheben wollen, ihr Nicht-Russisch-Sein belegen, indem sie konträr zu allem handeln was als russisch klassifiziert wird, und entsprechend begehen sie keine Kriegsverbrechen, weil dies sie ja als Russen ausweisen würde.
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Aber die Ukrainer wollen halt keine Russen sein, und so ergibt sich das anscheinend wirklich aus der rigiden Abstoßung von allem was ukrainischer Sicht Russisch-Sein ausmacht. Ein Volk in seiner Ethnogenese und seinem Versuch einer Selbstdefinition auf diese Weise zu sehen, ist wirklich hochinteressant.
Die Ukraine um Kiew war schon seit Jahrhunderten - angefangen bei den Rus oder Warägern - in engem Austausch insbesondere mit Polen. Die Grenzen zwischen Polen und der Ukraine waren immer wieder verschoben. Die polnisch-ukrainische Beziehungen sind also über Jahrhunderte hin durch eine (gegenseitigen) Beeinflussung geprägt. Erst nach 1650 mit dem Vertrag von Hadjatsch begann der Aufstieg der Russischen Sprache in der ausserhalb des Vertragsgebietes liegenden Ost-Ukraine, während im polnischen Teil die schon lange anhaltende "Polonisierung" weitergeführt wurde.
[Bild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/c...u_1658.png]
Noch zur Zeit des Siebenjährigen Krieges war der ganze westliche Teil der heutigen Ukraine staatlich gesehen polnisches Gebiet
[Bild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/c...8-1766.png]
Die russischen Grenzen wurden erst unter Katharina II ("die Große") im Zuge der polnischen Teilungen weiter nach Westen (und Süden) verschoben - wobei Gebiete wie Wolhynien oder Gallizien, die früher im Zentrum Polens lagen, nun die westlichen Grenzregionen der Ukraine wurden:
[Bild: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/c...german.png]
(die letzte große Westverschiebung der Grenze erfolgte infolge des von den Deutschen angezettelten zweiten Weltkrieges)
Die ganze Zeit über entstand als Gegenbewegung eine ukrainische Ethnogenese - einerseits eine Abgrenzung gegenüber Polen und Russen, die andererseits aber auch viele Elemente der beiden großen Nachbarn aufnahm. Letzteres vor allem auch, weil mit der Westverschiebung der Grenze ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit polnisch-westeuropäischer Orientierung ansässig blieb.
Die Integration der Ukraine in der Sowjetunion ist - wie die von Estland, Lettland und Litauen - eine Folge von Eroberungen zu unterschiedlichen Zeiten, also kriegerischen Ereignissen, und damit erzwungen.
Mit der Auflösung der Sowjetunion wurden die "slawischen Geschwisterstaaten" Russland, die Ukraine und Weißrussland - unabhängig. Im Falle der Ukraine nach einer Volksabstimmung, die in allen (!) Bezirken - auch im Donezk und auf der Krim - eine Mehrheit für die Unabhängigkeit ergab. Die heutigen Ukrainer hatten also bereits zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein, trotz (vielfach noch) gemeinsamer Sprache anders zu sein als "die Russen".
Im Gründungsvertrag der GUS - der zugleich die Auflösung der Sowjetunion besiegelte - haben sich die Staaten gegenseitig die Unantastbarkeit der jeweiligen Grenzen zugesichert. Seitens der Ukraine und Russlands gibt es mindestens zwei mir gerade präsenten Verträge, die das erneut besiegeln.
Wer mit Gewalt versucht, die neu gewonnene "Freiheit" zu beenden, muss und wird zwangsläufig auf Widerstand treffen. Ganz abgesehen davon, dass das Vertrauen in die "Vertragstreue" eines solchen Nachbarn nahezu gegen "Null" tendiert.
Eine Randbemerkung noch - logisch, dass nach langer "Fremdherrschaft" eine Nationalbewegung auch massiv Aufwind hat. Das sehen wir in den baltischen Ländern, in Polen, in Ungarn, bei der Trennung der ehemaligen Tschechoslowakei oder bei der Auflösung Jugoslawiens und auch in der Ukraine.
Die eigene - endlich errungene - Unabhängigkeit führt zu entsprechendem Nationalstolz und verfestigt das "Wir-Gefühl" der neu entstandenen, unabhängigen Nation.
Auch der Zionismus ist ja eine nationaljüdische Bewegung, weshalb sich viele Menschen jüdischen Glaubens stolz in einer Art "nationalzionistischem Hochgefühl" in Abgrenzung zu "den anderen" wiederfinden. Aber das ist ein anderes Thema.
Worauf es mir hier ankommt:
Das "Wir-Gefühl" nach endlich errungener Selbständigkeit in einem eigenen Staat darf mit dem Übel des Nationalsozialismus nicht verwechselt werden.