04.10.2024, 03:31
(03.10.2024, 21:19)Quintus Fabius schrieb: Eine Minderheit in Israel wollte einfach nur Rache und Krieg, auch wenn Nightwatch die These aufstellt, dies sei der Wille der Mehrheit aller Israelis gewesen. Das sehe ich einfach nicht, und nicht einmal jetzt ist es der Fall.Die überwältigende Mehrheit der Israelis wollte zumindest eine Reaktion, die das erlittene Leid vergilt und glaubhaft die Abschreckung der IDF wiederherstellt. So sehr ich den Mann verabscheue, und so sehr ich bereit bin zu glauben, dass Netanjahu die Tragödie für seine Zwecke missbraucht; er konnte eigentlich nur falsche Entscheidungen treffen.
(03.10.2024, 21:19)Quintus Fabius schrieb: Und umgekehrt, und viel wesentlicher: eine Mehrheit der Palästinenser lebt schlicht und einfach unter einer feindlichen Besatzung, nämlich der der Hamas. Sie wird von der Hamas gegen ihren Willen und mit bewaffneter Gewalt, Folter usw. zur Schlachtbank getrieben. Es ist die Hamas, welche vor allem anderen mit Gewalt gegen die eigenen Leute, gegen ihr eigenes Volk dieses unterdrückt.Es gibt meines Erachtens genug Hinweise darauf, dass die Herrschaft der Hamas im Gaza-Streifen und ihre Methoden zumindest bis zum 07.10.23 von einer Mehrheit der Menschen im Gaza-Streifen gutgeheißen wurde. (Quelle) Noch im Dezember 2023 hätte die Hamas eine freie Wahl im Gaza-Streifen wahrscheinlich gewonnen.
(03.10.2024, 21:19)Quintus Fabius schrieb: Man hätte meiner Meinung nach (These) die Palästinenser in Gaza für sich gewinnen können. Aber man hat den ganzen Krieg von vornherein völlig konträr dazu aufgezogen.Das erscheint mir zu optimistisch.
Die Palästinenser leben in der vierten Generation des Hasses auf Israel; und gerade im Gaza-Streifen hat die Hamas mit pervasiver Propaganda den jüngeren den Hass regelrecht eingeimpft.
Und selbst wenn tatsächlich ein Meinungsumschwung in der Breite möglich wäre, dürften immer noch genügend Radikale übrigbleiben, um jeden Versuch gewaltsam zu unterdrücken, eine Koexistenz mit Israel aufzubauen. Es ist ja schon in Israel kaum möglich, eine Zweistaatenlösung ernsthaft zu verfolgen, ohne sich heftigen Anfeindungen auszusetzen.
(03.10.2024, 21:19)Quintus Fabius schrieb: Meine These aber ist, dass die aktuelle israelische Regierung ganz bewusst kein Ende der Hamas will, entgegen ihrer Rethorik, weil die Hamas für sie und ihre spezifischen Ziele zu nützlich ist. Gerade deshalb keine Besatzung, keine Vernichtung der Hamas durch eine sinnvolle COIN Kampagne und die Dämonisierung der Palästinenser im Gazastreifen, sowie der Umstand, dass man die Hamas-Strukturen insgesamt weiter in Gaza an der Macht lässt.Eine längerfristige Kontrolle über den Gaza-Streifen zu übernehmen, wäre ein politischer Offenbarungseid für alle, die Anfang der 2000er das Ende der Besatzung und die Entflechtung forcierten. Man würde der radikalen Rechten, die den Rückzug immer als Fehler bezeichnet hat, ein gewaltiges Geschenk bereiten. Die israelische Gesellschaft ist freilich immens polarisiert, keine Seite will der anderen in die Hände spielen.
Das aktuelle Ziel Israels ist meiner These nach, dass der Gazastreifen weiter der Hamas gehört, man wird also abziehen und die Hamas dort zurücklassen, ohne ernsthafte militärische Fertigkeiten, aber weiter mit voller Kontrolle über Gaza. Damit man sie auch zukünftig noch verwenden kann für die eigene Machtpolitik. Anders kann ich mir das gegenwertige israelische Vorgehen nicht erklären.
Meiner Meinung nach hatte und hat das gesamte Kabinett Netanjahu keine ausformulierte Strategie. Es war klar, dass der schlimmste Massenmord an Juden seit dem Holocaust eine rasche und massive Reaktion nach sich ziehen müsste, schon um die militärische Abschreckung wiederherzustellen. Netanjahu hoffte sicherlich auch auf einen politischen Befreiungsschlag á la Bush junior. Aber wie weiland Bush junior, handelte er um des Handelns willen, und findet jetzt den Rückweg nicht mehr.
(03.10.2024, 18:35)Quintus Fabius schrieb: Ich neige ebenfalls zu dieser Sichtweise: Wenn Israel klug wäre, würde es jetzt Palästina anerkennen und eine Zwei-Staaten Lösung propagieren.Umfragen bescheinigen der Zweistaatenlösung in Israel niedrige Zustimmungswerte. (Quelle) Die höchsten Zustimmungswerte wurden noch in Verbindung mit dem Vorschlag erzielt, im Gegenzug für die Herausgabe aller Geiseln die Zweistaatenlösung anzunehmen.
Letzteres wundert mich, bei aller Empathie, da es schlichtweg undenkbar ist, dass ein Staat sich durch Geiselnahmen zu einer derart fundamentalen Kehrtwende in seiner Politik bewegen lässt.
Würden die Israelis sich darauf einlassen, wäre kein Jude auf der Welt mehr sicher.
Insgesamt, denke ich, dass es unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen in Israel unmöglich ist, dass eine Regierung sich darauf einlässt – sogar eine wesentlich liberalere und rationalere als die von Benjamin Netanjahu könnte es nicht. Schon deshalb wird es von israelischer Seite keinen erneuten Anlauf geben.
(03.10.2024, 19:03)KheibarShekan schrieb: Der Krieg im Libanon steht unmittelbar und kontextuell im Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza. Das sagt einer der Kriegsteilnehmer jedenfalls. Auch die beschriebene Lage in der Westbank ist davon nicht entkoppelt zu sehen. Das sagt dieses Mal der andere Kriegsteilnehmer. Es ist jedenfalls eben nicht so, dass das eine Problem ein völlig anderes sei, als das jeweils andere.Es sind zwei völlig getrennte Sachverhalte.
Die Hisbollah hat Israel stets bekämpft, es ist nicht so, als habe hier eine friedlich gesinnte Organisation aus lauter Empörung über den "Genozid" in Gaza zu den Waffen gegriffen.
Im Übrigen übersiehst Du eines: Selbst wenn Deine Auffassung über den Gaza-Krieg hinsichtlich seiner Rechtmäßigkeit und der Methoden der israelischen Kriegführung faktisch korrekt wäre, könnte die Situation im Libanon dennoch anders gelagert sein. Oder salopper gesagt: Selbst wenn die Israelis in Gaza die Bösen wären, könnten sie im Libanon immer noch die Guten sein.
Es gibt kein Recht zur Aggression, und es unterstreicht nur die politische Voreingenommenheit von UN-Generalsekretär Guterres, wenn dieser (am 18.09.) ernsthaft Israel dafür verantwortlich macht, dass die Hisbollah bis dahin 8.500 Raketen auf israelische Städte und Dörfer abgeschossen hatte.