18.09.2024, 19:05
Zur Lage der russischen Armee:
Die Ukrainer haben in der Nacht auf Mittwoch mit Drohnen ein großes Munitionsdepot bei Toropez (hier) in der Oblast Twer zerstört. (Quelle) Die gewaltige Explosion wurde von Sensoren als Erdbeben der Stärke 2,8 registriert. (Quelle) Die Detonationen dauern zur Stunde noch an. Z-Blogger erinnern an die feierliche Eröffnung der Einrichtung 2018 und spotten über die damals gemachten Behauptungen über die Sicherheit der Anlage, wo bis zu 30.000 Tonnen (!) Munition gelagert wurden. (Quelle) Auch sollen bis zu 200 Soldaten umgekommen sein.
Zum ukrainischen Vorstoß auf Kursk:
Ann Marie Dailey, Politologin bei RAND und US-Heeresoffizier, widerspricht in einer Einschätzung für 'The National Interest' Expertenstimmen, die die Kursk-Offensive kritisch bewerten. Sie sieht in der Operation vielmehr einen "taktischen Geniestreich" und urteilt: "Es geht bei der Offensive nicht um Geographie. Es geht um Geometrie". Der Vorstoß auf Kursk habe die russischen Linien gedehnt und Moskau gezwungen, alle geltenden Annahmen über die Dislozierung der eigenen Kräfte zu überdenken. Russlands Kalkül sei dadurch über den Haufen geworfen worden.
Seit der gescheiterten ukrainischen Offensive 2023 sei die Front statisch geblieben, Russland habe jedoch die Möglichkeit erlangt, durch kleine, beständige Gebietsgewinne die Ukrainer zu zermürben, und drohte diesen Abnutzungskrieg zu gewinnen. Die Ukrainer hätten das russische Vorgehen stören müssen und dies mit Kursk auch erfolgreich getan. Sie hätten im Sinne Sunzis dort zugeschlagen, wo der Feind am schwächsten war. Binnen eines Monats hätten sie mit geringem Aufwand so viel Gelände gewonnen wie Russland in seinen Offensiven seit Jahresanfang.
In operativer Hinsicht sei das russische Vorgehen gestört worden, indem Kräfte auf eigenes Staatsgebiet umgeleitet werden mussten, der Vorstoß auf Charkiw sei abgewürgt worden, und Russland sei nun gezwungen, seine Logistik entlang der Außenkante einer langen, gekrümmten Frontlinie zu organisieren, während die Ukrainer ihre Kräfte auf kürzeren Kommunikationslinien schneller verlegen könnten und dadurch flexibler seien. Dailey sieht aber auch "klare strategische Vorteile".
Der erste große Sieg seit Ende 2022 habe nicht nur die Moral der Ukrainer gehoben, sondern auch ihre Verhandlungsposition verbessert. Kiew könne wieder glaubhaft das Narrativ vertreten, dass ein Sieg möglich sei. Die russische Führung sei im Informationskrieg in die Defensive geraten, habe – was zuvor tunlichst vermieden worden war – Wehrpflichtige Gefahren aussetzen müssen, und sei im Gefolge des Gegenangriffs in Schuldzuweisungen versunken. Vor allem habe die Ukraine aber bewiesen, dass die westlichen Partner die sogenannten roten Linien Moskaus überbewertet hätten. Dailey betont jedoch auch die großen Risiken, die mit der Offensive verbunden sind. (Quelle)
Nochmal zur Gesamtlage:
Anfang Mai wurden zwei weitere Jahrgänge in der Ukraine zum Wehrdienst eingezogen. Diese Männer müssten Anfang August ihre Ausbildung beendet haben. Die mit ihnen gebildeten Verbände sind bislang nicht in den ukrainischen Heeresberichten in Erscheinung getreten.
Auch ist mir aufgefallen, dass seit einigen Wochen westliches Gerät von den Ukrainern nur noch in homöopathischen Dosen verwendet wird, obwohl es noch erhebliche Bestände geben müsste. Ich habe Perpetuas Verluststatistiken durchforstet und z.B. festgestellt, dass von den 104 gelieferten Leopard 2-Kampfpanzern "nur" 40 vernichtet wurden. Wo sind die anderen 64? Das wären immerhin zwei Panzerbataillone.
Auch die mittleren Panzer Leopard 1, Panzerjäger AMX-10 RC und die vielen gelieferten Radpanzer M1117 und M1126 tauchen auf Bildern und Verlustlisten kaum noch auf, obwohl noch 60-90% der gelieferten Fahrzeuge vorhanden sein müssten. Mit anderen Worten: Zumindest auf dem Papier ist das Potential für die von Girkin befürchtete Offensive offenbar vorhanden.
Die Ukrainer haben in der Nacht auf Mittwoch mit Drohnen ein großes Munitionsdepot bei Toropez (hier) in der Oblast Twer zerstört. (Quelle) Die gewaltige Explosion wurde von Sensoren als Erdbeben der Stärke 2,8 registriert. (Quelle) Die Detonationen dauern zur Stunde noch an. Z-Blogger erinnern an die feierliche Eröffnung der Einrichtung 2018 und spotten über die damals gemachten Behauptungen über die Sicherheit der Anlage, wo bis zu 30.000 Tonnen (!) Munition gelagert wurden. (Quelle) Auch sollen bis zu 200 Soldaten umgekommen sein.
Zum ukrainischen Vorstoß auf Kursk:
Ann Marie Dailey, Politologin bei RAND und US-Heeresoffizier, widerspricht in einer Einschätzung für 'The National Interest' Expertenstimmen, die die Kursk-Offensive kritisch bewerten. Sie sieht in der Operation vielmehr einen "taktischen Geniestreich" und urteilt: "Es geht bei der Offensive nicht um Geographie. Es geht um Geometrie". Der Vorstoß auf Kursk habe die russischen Linien gedehnt und Moskau gezwungen, alle geltenden Annahmen über die Dislozierung der eigenen Kräfte zu überdenken. Russlands Kalkül sei dadurch über den Haufen geworfen worden.
Seit der gescheiterten ukrainischen Offensive 2023 sei die Front statisch geblieben, Russland habe jedoch die Möglichkeit erlangt, durch kleine, beständige Gebietsgewinne die Ukrainer zu zermürben, und drohte diesen Abnutzungskrieg zu gewinnen. Die Ukrainer hätten das russische Vorgehen stören müssen und dies mit Kursk auch erfolgreich getan. Sie hätten im Sinne Sunzis dort zugeschlagen, wo der Feind am schwächsten war. Binnen eines Monats hätten sie mit geringem Aufwand so viel Gelände gewonnen wie Russland in seinen Offensiven seit Jahresanfang.
In operativer Hinsicht sei das russische Vorgehen gestört worden, indem Kräfte auf eigenes Staatsgebiet umgeleitet werden mussten, der Vorstoß auf Charkiw sei abgewürgt worden, und Russland sei nun gezwungen, seine Logistik entlang der Außenkante einer langen, gekrümmten Frontlinie zu organisieren, während die Ukrainer ihre Kräfte auf kürzeren Kommunikationslinien schneller verlegen könnten und dadurch flexibler seien. Dailey sieht aber auch "klare strategische Vorteile".
Der erste große Sieg seit Ende 2022 habe nicht nur die Moral der Ukrainer gehoben, sondern auch ihre Verhandlungsposition verbessert. Kiew könne wieder glaubhaft das Narrativ vertreten, dass ein Sieg möglich sei. Die russische Führung sei im Informationskrieg in die Defensive geraten, habe – was zuvor tunlichst vermieden worden war – Wehrpflichtige Gefahren aussetzen müssen, und sei im Gefolge des Gegenangriffs in Schuldzuweisungen versunken. Vor allem habe die Ukraine aber bewiesen, dass die westlichen Partner die sogenannten roten Linien Moskaus überbewertet hätten. Dailey betont jedoch auch die großen Risiken, die mit der Offensive verbunden sind. (Quelle)
Nochmal zur Gesamtlage:
(03.09.2024, 22:06)muck schrieb: Der in Ungnade gefallene Ex-FSB-Oberst Igor Girkin alias Strelkow, die treibende Kraft hinter der Entstehung der sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donetsk, hat sich aus dem Straflager gemeldet. […] Girkin rechnet nun mit einer weiteren ukrainischen Offensive noch vor dem Winter, voraussichtlich im Oktober, die sich gegen die Krim oder das linke Ufer am unteren Dnepr richten werde: "Ich kann mir dessen nicht hundertprozentig sicher sein, halte die Wahrscheinlichkeit eines solchen Angriffs aber für ziemlich hoch".Girkin lag bisher fast immer richtig, ich habe mir deshalb Gedanken darüber gemacht, wie er darauf kommt, dass die Ukrainer parallel zu Kursk und Pokrowsk zu einer großen Gegenoffensive fähig seien. Zwei Beobachtungen:
Anfang Mai wurden zwei weitere Jahrgänge in der Ukraine zum Wehrdienst eingezogen. Diese Männer müssten Anfang August ihre Ausbildung beendet haben. Die mit ihnen gebildeten Verbände sind bislang nicht in den ukrainischen Heeresberichten in Erscheinung getreten.
Auch ist mir aufgefallen, dass seit einigen Wochen westliches Gerät von den Ukrainern nur noch in homöopathischen Dosen verwendet wird, obwohl es noch erhebliche Bestände geben müsste. Ich habe Perpetuas Verluststatistiken durchforstet und z.B. festgestellt, dass von den 104 gelieferten Leopard 2-Kampfpanzern "nur" 40 vernichtet wurden. Wo sind die anderen 64? Das wären immerhin zwei Panzerbataillone.
Auch die mittleren Panzer Leopard 1, Panzerjäger AMX-10 RC und die vielen gelieferten Radpanzer M1117 und M1126 tauchen auf Bildern und Verlustlisten kaum noch auf, obwohl noch 60-90% der gelieferten Fahrzeuge vorhanden sein müssten. Mit anderen Worten: Zumindest auf dem Papier ist das Potential für die von Girkin befürchtete Offensive offenbar vorhanden.