Sammelthread: B-Waffen
#46
WideMasta:

Zitat: Bei biologischen Waffen sieht es da in der Herstellung wieder ein wenig komplizierter aus. Hier kann man nicht so leicht hingehen und sich was zusammenbrauen. Ein Erreger (Grippe) müßte erst isoliert und durch bestimmte Methoden mutiert werden.

Für eine terroristische Anwendung ist eine weitgehende Modifikation der Waffe nicht notwendig. Und die Herstellung von beispielsweise Milzbrandsporen oder an der B/C Grenze von Botulinsutoxin ist nicht sonderlich schwierig.

Alle notwendigen Indigrenzien kann man heute einkaufen, da es die gleichen sind, die man auch für Erzeugung harmloser Erreger benötig und die daher frei im Handel gekauft werden können. Und Proben gefährlicher Erreger wiederum kann man sich in bestimmten Ländern einfach so von privaten Firmen liefern lassen.

Angesichts der nachgerade zu verblüffenden Leichtigkeit, mit der man einfache B-Waffen herstellen kann erstaunt es mich immer wieder, dass solche Waffen noch nicht durch Terroristen eingesetzt wurden. Ende 2001 gab es ja beispielsweise eine sehr begrenzte Serie von Anschlägen mit Anthrax in den USA, und allein die Folgekosten dieser sehr begrenzten Angriffe waren gigantisch, insbesondere im Vergleich zu den marginalen Kosten der Waffe selbst. Daraus lässt sich leicht extrapolieren, wie es sich dann bei einem massiven B-Waffen Angriff verhalten würde.

Und daraus lässt sich zwingend nur ableiten, dass es keine Frage des Ob, sondern nur des Wann ist, wann eine Terrorgruppe zu diesen Waffen greift. Die zwingende Schlußfolgerung ist daraus für mich, dass wir eher vorgestern als gestern ein massives Zivilschutzprogramm ins Leben rufen müssten und unsere B-Abwehr erheblich ausbauen müssten. Im Gegensatz zum allgemeinen Glauben dass B-Waffen irgendwie automatisch der Weltuntergang sind, könnte man nämlich die Folgen durchaus begrenzen - wenn man es kann!

Zitat: Und gerade der russische Einsatz von chemischen Kampfstoffen (hier in diesem Fall Narkosegas) in dem Theater in Moskau haben deutlich gezeigt das dieser Ansatz nicht beherrschbar ist und der Schuss gewaltig nach hinten losgegangen ist.

Man kann die gleichen Dinge natürlich immer völlig verschieden interpretieren. Beispielsweise sehe ich den Einsatz in Moskau als einen immensen Erfolg an und einen klaren Beleg für die Überlegenheit von C-Waffen gegenüber einem konventionellen Vorgehen in vielen Fällen.

Man kann aber natürlich umgekehrt dies alles auch als grundnegativ verdammen. Dieses moralische Unbehagen ändert aber nichts an der praktischen Brauchbarkeit von B-Waffen und deshalb erstaunt es mich seit Jahren, dass es immer noch zu keinem Einsatz solcher Waffen gekommen ist.

Zitat:Er weiß doch garnicht was chemische und biologische Waffen kosten. Die Herstellung von biologischen Waffen ist bspw. sehr teuer.

Die Wirkung einer Operation gegen die Zivilbevölkerung mittels A-Waffen im Wert von 200 Millionen Dollar (Vollkosten) lässt sich mit chemischen Waffen bereits für 80 Millionen Dollar realisieren und mittels B-Waffen für gerade mal 10 Millionen Dollar. Quelle ist eine US Studie: Proliferation of Weapons of Mass Destruction: Assessing the Risks. Office of Technology Assessment von 1993, Seite 11.

Die Kosten von B-Waffen hängen nun vor allem mit dem Typ zusammen. Elaborierte ethnogenetische Waffen anzustreben welche gezielt Menschen mit bestimmten Allelen beeinträchtigen oder töten, ist natürlich immens teuer und aufwendig. Primitive B-Waffen sind hingegen zum Teil extrem günstig, die günstigste Massenvernichtungswaffe die überhaupt verfügbar ist (von der immensen psychologischen Wirkung noch ganz zu schweigen).

Anbei: an dieser Stelle würde mich deine Meinung und dein Wissen bezüglich ethnischer B-Waffen sehr interessieren!
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#47
WideMasta:

Ein anderes (teures) B-Waffen Konzept ist der Ansatz, mittels B-Waffen gezielt die Bioregulatoren des menschlichen Körpers anzugreifen und in einer gewünschten Weise zu beeinflussen. Das sind Proteine die Körperfunktionen regeln, wie den Schlafbedarf, Gefühle, Bewußtsein etc. Ein Angriff aus selbige kann diverse Wirkungen haben, beispielsweise: Depressionen, Hallzunationen, extreme Schmerzen, heftige Angst oder extreme Müdigkeit etc

Auch hierzu würde mich deine Meinung sehr interessieren.
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#48
Um mal einen alten Strang auszugraben:

Ich habe mir aktuell das Buch Direktorium 15: Rußlands Geheimpläne für den biologischen Krieg von Ken Alibek bestellt gehabt. Es war heute abends im Briefkasten. Ich bin leider, da ich vor 2 Stunden erst heimkam, noch nicht zum Lesen gekommen, aber ich stolperte zufällig darüber, als ich nach den russischen Vorwürfen bzgl. ukrainischen Laboren suchte.

Ich stieß dann irgendwann auf "Biopreparat" und Ken Alibek - und habe mir das betreffende Buch dann bestellt. Man bekommt es aktuell nur antiquarisch, aber recht günstig über Amazon (https://www.amazon.de/Direktorium-15-Ken...3430110130), meistens mit Versand für unter zehn Euro.

Anm.: Ken Alibek, der eigentlich Kasache ist und Kanatjan Alibekow hieß, war über einige Jahre hinweg stellv. Leiter des sowjetischen Biowaffenprogramms (das eigentlich gar nicht existieren durfte, folgt man dem Verbotsvertrag von 1972). 1992 floh er in die USA mit seiner Familie und schrieb seine Geschichte auf.

Ich werde die nächsten Tage und Wochen darin lesen und auch hier dann meine Meinung posten.

Schneemann
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#49
Hierzu mal ein erstes Feedback: Ich habe nun grob die ersten 100 Seiten durch. Es ist einerseits erstmal erhellend hinsichtlich der Laufbahn von Alibek. Er skizziert seinen Weg, wie er als junger Student in seiner frühen Studienzeit in der UdSSR, zu Beginn der 1970er, erstmals mit Biowaffen in Kontakt kam.

1973/74 bekam er von seinem Mentor, Oberst Aksjonenko, in Tomsk die Aufgabe, nach den Tularämie-Ausbrüchen an der Ostfront 1942 nachzuforschen. Alibek schloss aufgrund der Aktenlage, dass es ein gezielter Einsatz von Tularämie-Erregern durch die Sowjets war. Einerseits hatten sich die Fallzahlen innerhalb eines Jahres verzehnfacht, zwischen 1941 und 1942 stieg die Zahl von 10.000 auf 100.000 Fälle auf sowjetischem Gebiet an, was Alibek darauf zurückführte, dass die via Zerstäubung (Aerosole) der Erreger ausgebracht wurde. Hinzu kam, dass grob 75% der Fälle auf Lungen-Tularämie hindeuteten, was Aerosole wahrscheinlich macht.

Gravierend war jedoch, dass Aksjonenko ihm befahl, seine Arbeiten umzuschreiben, so dass kein Verdacht mehr darauf hinwies, dass eine beabsichtigte Verbreitung stattgefunden habe. Lt. Alibek war der Tularämie-Ausbruch im Vorfeld der Stalingrad-Schlacht ein Versuch Moskaus, mithilfe des Erregers den Vormarsch der Wehrmacht auszubremsen. Leider wurde der Erreger durch den Wind auf sowjetisches Terrain jedoch zurückgetrieben. Hinzu kam, dass STAWKA zehn mobile Feldlazarette in die Region zwecks Impfungen beorderte, während andere Frontabschnitte, die ebenso wegen gewisser Nagerplagen (ein Hauptvektor) Tularämie-Ausbrüche vermeldeten, faktisch leer ausgingen. (Die Nager, etwa Mäuse, hatten sich vermehrt, weil wegen des Krieges die Felder nicht mehr abgeerntet wurden/werden konnten, was aber nur bedingt zutrifft, da die Wehrmacht das verfügbare Getreide rasch aberntete und nach Deutschland transportieren ließ.)

Darüber hinaus berichtet er vom Aufbau verschiedener Labore im ganzen Land. Unter anderem schreibt er auch davon, wie sehr ihn, obgleich er in dieser Zeit (1975 bis 1980) zwei, drei Kinder zeugte, die Tätigkeit körperlich belastete. Unter anderem verfärbte sich sein schwarzes Haar (er war Jahrgang 1950, also 1980 rund 30 Jahre alt) wegen der zahllosen Schutzimpfungen gelblich. Er musste zudem seine Haut täglich mit extremen Feuchtigkeitscremes behandeln, da die Impfungen ihn völlig austrocknen ließen. Er schreibt aber, dass er trotz aller Belastungen psychisch davon ausging, dass er es machen müsse, da ja der Westen die Sowjetunion vernichten wolle. (Eine bemerkenswerte Kohärenz zu heutigen Denkweisen.)

Im März 1983 versagte nachts in Omutninsk, einem der Hauptzentren der sowjetischen Biowaffen-Herstellung, im Gebäude 107 (das kann ich selbst nicht zuordnen), ein Kühlsystem. In der Folge überhitzten sich Ventile. In der Folge drang hochpotentes Tularämie-"Serum" (so nenne ich es) wegen des fehlenden Unterdrucks aus den Röhren. Alibek wurde nachts hinzugerufen. Ein Stromausfall kam wohl hinzu. Er lief mit schwerer Schutzkleidung in die Räume. Alles ging soweit gut, obwohl er mitten in der "Soße" stand. Die Lachen aus hochpotenten Tularämie-Erregern ("gelbbraun-milchig") wurden mit Wasserstoffsuperoxid (sic!) niedergeknüppelt. Und obgleich er vermutlich keinen Fehler gemacht hatte, erkrankte er, und überlebte dank einem Antibiotika-"Dampfhammer".

Der Vorfall ist wenig bekannt, auch bei Wikipedia findet man es nicht.

Ich bin nun beim Kapitel über Swerdlowsk 1979 (Anthrax) - aber jetzt schon gruselt es einen leicht...

Schneemann
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