25.01.2026, 09:58
Sammelstrang für alles in diesem Kontext (erster Beitrag verschoben aus dem Strang Deutsche Kolonien - QF)
@Quintus
Anfang Juli 1830 schossen die Franzosen die Flotte des Bey zusammen; und die ins Feld geführte Armee des Bey - zahlenmäßig stärker als die Franzosen, aber schlecht geführt und bewaffnet - wurde westlich Algier durch französische Truppen unter General Bourmont besiegt. Der Bey kapitulierte und trat ab, ging ins Exil nach Neapel. Zudem setzte Bourmont, der faktisch als Statthalter fungierte, die osmanischen Beamten vor die Türe. Das erwies sich aber als schlechter Zug, denn nun brach die Verwaltung zusammen. Hinzu kamen auch Übergriffe der Franzosen, die u. a. auf den Basaren und auch in Moscheen Plünderungen von Silber- und Goldschätzen vornahmen, was immer wieder zu Unruhen beitrug. In der Folge entstand in Algier und im Umland ein erhebliches Chaos. Und in Frankreich ebenso, wo Karl X. im Spätsommer 1830 abtreten musste und durch den "Bürgerkönig" Louis-Philippe ersetzt wurde, der eine konstitutionelle Monarchie ausrief. Bourmont in Algier jedoch, der als eingefleischter Royalist galt und Louis-Philippe keinesfalls dienen wollte, legte darauf sein Amt nieder. Das Durcheinander war nun vollkommen - zumal unter Louis-Philippe auch Männer in Paris in Positionen kamen, die vom Algier-Abenteuer überhaupt nichts wissen wollten und weitere Truppenentsendungen kategorisch ablehnten. Es interessierte niemand mehr groß, was "dort unten" vor sich ging. Die französischen Truppen in Algier wurden reduziert und die Garnisonen vor Ort, die man noch bestehen ließ, faktisch sich selbst überlassen.
Vier Jahre lang ging herrschte Stillstand. Erst 1834 entsandte das Parlament in Paris eine Kommission nach Algier, um die Lage vor Ort zu untersuchen, zumal Gerüchte über desolate Zustände durchsickerten. Die Kommission stellte ein verheerendes (aber immerhin ehrliches) Urteil aus: Die französische Besetzung hat nichts erreicht, stattdessen Chaos, massive Übergriffe, Plünderungen, Unruhen, willkürliche Liquidierungen von Personen (die des Aufruhrs verdächtigt wurden) ohne Gerichtsurteile, öffentliche Hinrichtungen etc. Der Bericht war so ernüchternd, dass man in Paris zu dem Entschluss kam, dass man handeln und das Chaos beseitigen müsse, um die Ordnung wieder herzustellen und um Schaden vom Ansehen Frankreichs abzuwenden.
Am 22. Juli 1834 unterzeichnete dann ausgerechnet "Bürgerkönig" Louis-Philippe, der von einer nordafrikanischen Kolonie eigentlich gar nichts wissen wollte, ein Dekret, das anwies, in Algier eine Militärkolonie zu schaffen. Das Gebiet um Algier wurde damit dem Kriegsminister unterstellt. Es ist der Beginn der eigentlichen Kolonisierung Algeriens. Den weiteren Verlauf lasse ich hier nun weg, er ist bekannt.
Insofern: Algier wurde nicht im "Zuge des Kolonialismus" erobert, sondern es sollte zu Anbeginn nur eine begrenzte Strafaktion gegen einen lokalen Bey sein; in der Folge einer verkorksten Intervention und innenpolitischer Umbrüche in Frankreich entwickelte sich dann jedoch ein Wirrwarr, dass die Eroberung Algeriens bzw. dann später Nordwestafrikas zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung machte.
Zweitens sind auch - in späteren Jahrhunderten - die Gewinne aus dem atlantischen Handel nicht entscheidend für den Aufstieg Europas, denn dazu waren die erzielten Gewinne wiederum zu gering. Dass gerade die industrielle Revolution bzw. die erste industrielle Revolution in England begann, liegt vielmehr an der innenpolitischen Lage in England (politische Stabilität nach den inneren, auch religiösen Konflikten des 17. Jahrhunderts, keine ständigen Kriege wie bspw. auf dem Kontinent, Aufklärung, liberal-kapitalistisches und zugleich calvinistisch-methodistisches Weltbild, Gewinne aus dem Tuchhandel, Vorhandensein von hochwertigen Kohlerevieren etc.). Es würde allerdings nun zu weit wegführen.
Schneemann
@Quintus
Zitat:Und keineswegs wurde die Ausrottung "grausamer Riten" von den unterworfenen Völkern oftmals dankend zur Kenntnis genommen. Woher hast du überhaupt eine solche Aussage ?Das findet sich u. a. in den Aufzeichnungen von Kandt, aber auch z. B. von Emin Pascha (Eduard Schnitzer) oder von Hermann Wissmann. Nun muss man natürlich gewisse empirische Abstriche machen, denn es sind koloniale Perspektiven, aber dass diese Reaktionen gänzlich frei erfunden sind, lässt sich auch wiederum nicht nachweisen.
Zitat:Und warum? Algerien wurde erobert im Zuge des Kolonialismus und wurde eine Kolonie. [...]So schnell und so einfach ging das nicht. Man hatte in Frankreich zu Beginn an gar nicht vor, Algerien kurzerhand als Kolonie zu erobern. Eskaliert ist das Ganze um einen etwas seltsamen Streit, nachdem angeblich der Abgesandte Karls X. 1827 vom dortigen Bey geohrfeigt wurde (oder mit seinem Fächer gehauen?). Es ging dann mehrere Jahre hin und her, u. a. 1829 entsandte Paris einen Bevollmächtigten, der im Stillen die Affäre beilegen sollte. Der Bey ließ aber dämlicherweise auf die Schiffe feuern, worauf Karl X. innenpolitisch in Bedrängnis geriet und seine Machtbasis bröckelte, denn er sah sich als absoluten Herrscher, der nun im Volk schwach wirkte. Vor allem sein Premier, Jules de Polignac, ein adliger Scharfmacher, forderte nun eine Strafexpedition gegen Algier, um der antiroyalistischen Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen. Weder Karl X. noch Polignac dachten aber an eine gänzliche Eroberung oder gar an eine Kolonialisierung von Algerien. Quasi war es eher eine Art von innenpolitischem Schachzug - eine Strafexpedition gegen ein Piratennest, die innenpolitisch das Ansehen des Monarchen wieder heben soll, mehr nicht.
Die französische Eroberung Algeriens hat mit der Unterwerfung Afrikas wenig am Hut?! Eine These die ich so nicht ansatzweise teilen kann. Gerade für Nordafrika und die Besetzung der Sahara würde ich dies sogar für einen der wesentlichsten Faktoren ansehen.
Anfang Juli 1830 schossen die Franzosen die Flotte des Bey zusammen; und die ins Feld geführte Armee des Bey - zahlenmäßig stärker als die Franzosen, aber schlecht geführt und bewaffnet - wurde westlich Algier durch französische Truppen unter General Bourmont besiegt. Der Bey kapitulierte und trat ab, ging ins Exil nach Neapel. Zudem setzte Bourmont, der faktisch als Statthalter fungierte, die osmanischen Beamten vor die Türe. Das erwies sich aber als schlechter Zug, denn nun brach die Verwaltung zusammen. Hinzu kamen auch Übergriffe der Franzosen, die u. a. auf den Basaren und auch in Moscheen Plünderungen von Silber- und Goldschätzen vornahmen, was immer wieder zu Unruhen beitrug. In der Folge entstand in Algier und im Umland ein erhebliches Chaos. Und in Frankreich ebenso, wo Karl X. im Spätsommer 1830 abtreten musste und durch den "Bürgerkönig" Louis-Philippe ersetzt wurde, der eine konstitutionelle Monarchie ausrief. Bourmont in Algier jedoch, der als eingefleischter Royalist galt und Louis-Philippe keinesfalls dienen wollte, legte darauf sein Amt nieder. Das Durcheinander war nun vollkommen - zumal unter Louis-Philippe auch Männer in Paris in Positionen kamen, die vom Algier-Abenteuer überhaupt nichts wissen wollten und weitere Truppenentsendungen kategorisch ablehnten. Es interessierte niemand mehr groß, was "dort unten" vor sich ging. Die französischen Truppen in Algier wurden reduziert und die Garnisonen vor Ort, die man noch bestehen ließ, faktisch sich selbst überlassen.
Vier Jahre lang ging herrschte Stillstand. Erst 1834 entsandte das Parlament in Paris eine Kommission nach Algier, um die Lage vor Ort zu untersuchen, zumal Gerüchte über desolate Zustände durchsickerten. Die Kommission stellte ein verheerendes (aber immerhin ehrliches) Urteil aus: Die französische Besetzung hat nichts erreicht, stattdessen Chaos, massive Übergriffe, Plünderungen, Unruhen, willkürliche Liquidierungen von Personen (die des Aufruhrs verdächtigt wurden) ohne Gerichtsurteile, öffentliche Hinrichtungen etc. Der Bericht war so ernüchternd, dass man in Paris zu dem Entschluss kam, dass man handeln und das Chaos beseitigen müsse, um die Ordnung wieder herzustellen und um Schaden vom Ansehen Frankreichs abzuwenden.
Am 22. Juli 1834 unterzeichnete dann ausgerechnet "Bürgerkönig" Louis-Philippe, der von einer nordafrikanischen Kolonie eigentlich gar nichts wissen wollte, ein Dekret, das anwies, in Algier eine Militärkolonie zu schaffen. Das Gebiet um Algier wurde damit dem Kriegsminister unterstellt. Es ist der Beginn der eigentlichen Kolonisierung Algeriens. Den weiteren Verlauf lasse ich hier nun weg, er ist bekannt.
Insofern: Algier wurde nicht im "Zuge des Kolonialismus" erobert, sondern es sollte zu Anbeginn nur eine begrenzte Strafaktion gegen einen lokalen Bey sein; in der Folge einer verkorksten Intervention und innenpolitischer Umbrüche in Frankreich entwickelte sich dann jedoch ein Wirrwarr, dass die Eroberung Algeriens bzw. dann später Nordwestafrikas zu einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung machte.
Zitat:Du sprachst allgemein über Kolonialismus und allenfalls noch spezifisch über Kolonialismus in Afrika. Und Algerien gehört zu Afrika. Aber wenn es nicht zur deiner Argumentation passt, dann gehört es nicht mehr zu Afrika, sondern zu einem islamischen Raum, den du so darstellst dass deine Ausführungen implizieren, dieser sei ein Fremdkörper in Afrika.Das hatte ich so nicht gesagt. Aber um die Frage zu beantworten: Primär geht es mir mit meinem ursprünglichen Einwand um Afrika, und ja, dazu gehört geographisch natürlich auch Algier. Mein ablehnende Reaktion ging daraus hervor, dass ich die Häfen Nordafrikas nur begrenzt als taugliche Bsp. hinsichtlich der Auswirkungen des europäischen Kolonialismus in Afrika ansehe, weil es Häfen sind, die schon in der Antike bestanden. D. h. diese Häfen entstanden nicht durch Afrikaner, sondern wurden von Römern, Griechen, Phöniziern etc. gegründet (wie z. B. auch Algier, das vermutlich auf Phönizier zurückgeht).
Zitat:Die wiederum auf antike Wissenschaftler zurück gehen, so wie in Europa auch. Wusstest du, dass man in Timbuktu im Mittelalter griechische Pilosophen studierte?Ja. Aber die griechischen Philosophen war sicherlich keine Afrikaner.
Zitat:Oder nimmt Äthiopien. Dessen Schriften zweifelsohne nicht auf islamische Gelehrte zurück gehen.Aber sie haben christliche Wurzeln. Man könnte nun bis nach Aksum zurückgehen, aber auch hier sehe ich keine afrikanische "klassische" Antike oder kulturelle Durchdringung, sondern Einflüsse aus der Levante und aus dem Nahen Osten.
Zitat:Deiner Logik zufolge wäre auch jedwede Überlieferung antiker Gelehrsamkeit in Europa kein Verdienst der Europäer.Jein. Die Kenntnisse lagen durchaus vor bzw. man wusste von ihnen. Aber sie wurden eben nicht kopiert. Man muss hierbei berücksichtigen, dass im Abendland im Mittelalter noch sehr lange auf Pergament geschrieben wurde. Dieses war aber sehr teuer und die Mönche, die zumeist - da sie des Lesens und Schreibens kundig waren - die Bücher erstellten und kopierten, waren angewiesen wegen der eminenten Kosten nur gewichtige Werke zu kopieren (meistens waren dies eben Bibeltexte). Im Nahen Osten nutzte man zu dieser Zeit indessen schon Papier, welches deutlich günstiger war. Und so konnte man dort auch Werke nichtreligiöser Art kopieren, etwa von den alten griechischen Philosophen, etwa Aristoteles. Später fanden die dort so konservierten Werke aus der Antike den Weg zurück nach Europa.
Zitat:Der Aufstieg der Europäer erfolgte primär aus den Sonderprofiten welche sie durch die Eroberung Amerikas bezogen.War das denn wirklich so? Einerseits gingen die Reichtümer der Neuen Welt, vor allem das Silber, primär nach Spanien. Und die Iberer bestritten damit ihre Kriege u. a. für Habsburg innerhalb Europas, aber sie nutzten sie nicht für koloniale Abenteuer in Afrika. Und nebenbei sorgten diese massiven Silberimporte für eine galoppierende Inflation, was sogar eher und langfristig betrachtet eine Schwächung bedeutete.
Zweitens sind auch - in späteren Jahrhunderten - die Gewinne aus dem atlantischen Handel nicht entscheidend für den Aufstieg Europas, denn dazu waren die erzielten Gewinne wiederum zu gering. Dass gerade die industrielle Revolution bzw. die erste industrielle Revolution in England begann, liegt vielmehr an der innenpolitischen Lage in England (politische Stabilität nach den inneren, auch religiösen Konflikten des 17. Jahrhunderts, keine ständigen Kriege wie bspw. auf dem Kontinent, Aufklärung, liberal-kapitalistisches und zugleich calvinistisch-methodistisches Weltbild, Gewinne aus dem Tuchhandel, Vorhandensein von hochwertigen Kohlerevieren etc.). Es würde allerdings nun zu weit wegführen.
Zitat: Wie ich es bereits mit praktischen Beispielen dargelegt habe, ist technologischer Fortschritt eine Frage der Umstände und der Funktion.Das sehe ich anders. Technologie entsteht aus Fähigkeit, Notwendigkeit, Vision und Erkenntnis.
Zitat:Bei der einfachen normalen Bevölkerung in Afrika hingegen findest du diesen Vorwurf keineswegs so vorherrschend und auch schwarze Wissenschaftler, Journalisten usw. aus Afrika selbst vertreten hier wesentlich differenziertere Ansichten. Es sind neben weißen Linken vor allem Schwarze US Amerikaner welche solche Thesen forcieren. In Afrika selbst sieht die normale Bevölkerung das oft weitgehend anders.Der Vorwurf wird teils auch von schwarzen Linken bzw. Intellektuellen genauso erhoben, etwa Franz Fanon. Zugegeben, er war Marxist.
Zitat:Ich benannte mit Äthiopien im Vergleich zu Buganda sogar ein explizites Beispiel dafür. Äthiopien griff die Modernität auch ohne Kolonialismus ab.Das empfinde ich als sehr, sehr optimistisch ausgelegt. Äthiopien verharrte genauso in trägem Stillstand, obgleich es seine Unabhängigkeit als eines der wenigen afrikanischen Ländern (neben Liberia) sichern konnte. Und dennoch, die erste Eisenbahnlinie (von Dschibouti nach Addis Abeba) wurde erst 1916 begonnen. Und sie wurde von Europäern gebaut. Die Sklaverei schaffte man erst 1924 ab (zumindest vordergründig) auf Insistieren von französischen und amerikanischen Beratern, die man ins Land geholt hatte. Elektrische Laternen und weitgehend asphaltierte Straßen, allerdings nur in der Hauptstadt, fand man erst 1930, als Haile Selassie Kaiser wurde und die Stadt herausputzen wollte für die internationalen Besucher. Und als sich der Duce 1935 mit seinem spätkolonialen Senfgas-Krieg anschickte, das Reich des Negus zu zerschlagen, waren geschätzt 80% der äthiopischen Soldaten noch barfuß unterwegs und viele nutzten noch Vorderlader.
Zitat:un sprichst du davon, dass die größeren afrikanischen Reiche, Staaten usw. ja hätten erkennen können was in Europa vor sich geht. Aber das hätten die Chinesen und die Japaner usw. auch gekonnt und haben es ganz genau so sehr lange Zeit nicht getan. Mit den entsprechenden Folgen. Dennoch war kein Kolonialismus notwendig um dann in Japan schlagartig Anschluss an die Moderne zu finden.Dazu nur ganz kurz, da wir bei Afrika bleiben wollten. Japan hat keineswegs ohne Kolonialismus den Weg in die Moderne gefunden. Ohne das rabiate Auftreten der USA 1854 (Öffnung Japans) und auch ohne das harsche Vorgehen der Europäer 1858 bis 1864 (bspw. Beschießung von Shimonoseki) - faktisch in beiden Fällen eine Art imperialer Kanonenbootpolitik der westlichen Mächte -, hätten in Japan sehr wahrscheinlich keine Veränderungen stattgefunden. Zumindest nicht in der Geschwindigkeit, wie dann in der Meiji-Ära das Land quasi in die Moderne geprügelt wurde.
Schneemann
