Quintus Fabius schrieb:Bis eine erfolgreiche Revolution im Iran möglich wäre, sind mehrere Jahre entsprechender Vorarbeiten notwendig. Eine Operation dieser Größenordnung kann nicht so verdeckt geführt werden, dass das iranische Regime davon überrascht wird. Entsprechend produziert dein Ansatz den großen Krieg innerhalb weniger Jahre, etwaig innerhalb weniger Monate.
Klar, wenn man es zu offensichtlich macht und am besten noch vorher verkündet. Tatsächlich wäre die Hemmschwelle für das iranische Regime hoch zu einem unerwünschten Zeitpunkt in eine finale Auseinandersetzung einzusteigen. Die Kunst wäre hier den Druck graduell zu erhöhen und an anderer Stelle Zugeständnisse zu machen, die die Situation in der Wahrnehmung der Machthaber entschärfen. Sie könnten sich unserer Absichten nicht sicher sein, gerade auch weil ein solches Unterfangen konträr zu unserem bisherigen Verhalten stehen würde.
Es ist kein risikoloses Unterfangen, aber den Automatismus den du hier skizzierst gibt es nicht.
Zitat: Das ist aus ganz vielen Gründen eine äußerst schlechte Idee. Tatsächlich gibt es praktisch nichts im Umgang mit dem Iran was falscher sein könnte.
Gerade die Tötung von Schlüsselfiguren des Regimes wäre der entscheidende Katalysator, der eine laufende (!) Revolution über kritische Schwellen heben würde. Stelle dir vor in einer Lage mit schon Hunderttausenden auf den Straßen werden Revolutionsführer, Präsident, Wächterrat oder die Führung der Revolutionsgarden aus dem Spiel genommen. Parallel legt ein massiver Cyberangriff die Kommunikationswege des Regimes lahm. Aus dem entstehenden Machtvakuum würde die Instabilität entstehen, die notwendig ist um das Regime kollabieren zu lassen.
Springender Punkt, wenn du an solche Regime rann willst musst du auf den Kopf zielen, alles andere führt nur dazu, dass zivile Proteste niedergeschlagen werden. Oder ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, der Putschversuch in der Türkei hätte auch nur funktionieren können, wenn man Erdogan zu Beginn abgeschossen hätte.
Zitat: Zum anderen zeigt unsere verzögernde Politik also durchaus Erfolge, wie sogar du selbst es jetzt hier mal einräumen musst.
Den Folgendes ist Fakt: der Iran könnte hier und jetzt bereits seinen ersten Atomtest durchführen, mit all den Konsequenzen die dies hat. Hat er aber nicht. Und wird dies auch in der nächsten Zeit (noch) nicht tun.
Verzögerungen um der Verzögerung willen ist eine gelungene Verzögerung aber mangels eines Zieles, das durch die Verzögerung erreicht werden soll eben kein Erfolg.
Wir haben Zeit gewonnen die wir nicht nutzen und die Zeit mit einer Verschlimmerung der Lage erkauft. Der Iran hat heute in 2024 deutlich erweiterte militärische Fähigkeiten als 2014. Der Iran wird 2034 deutlich fortgeschrittene militärische Fähigkeiten haben als 2024. Das iranische Regime ist heute deutlich radikaler als 2014, es wird 2034 nocheinmal deutlich radikaler sein. Die Spielfiguren des Irans die heute die Region mit Krieg überziehen waren 2014 noch im Aufbau, bis 2034 garantieren sie fortwährend Kriege in der gesamten Region. 2014 hätte man handeln können und sollen. Heute in 2024 können wir immer noch handeln und sollten es schleunigst angehen. 2034 wird man sich in den Allerwertesten beißen und sich fragen warum man nicht längst gehandelt hat.
Dass der Iran bislang so klug war keinen Atomtest durchzuführen ändert an der Gesamtentwicklung nichts. Tatsächlich würde ich als Iran solange irgend möglich keinen Atomtest durchführen und mich der Schwelle zu Atommacht graduell annähern ohne sie je offiziell zu überschreiten. Es reicht wenn dies in Lage zum opportunen Zeitpunkt geschieht. Bis dahin kann man die Naivität des Westens weiterhin ausnutzen.
Zitat: Man könnte stattdessen auch das Regime stabilisieren und per Geheimdiplomatie seine Weiterexistenz garantieren.
Machen wir doch schon. Ganz und garnicht geheim, sondern als hochoffizielle US-Regierungspolitik. Regime Change ist ganz und gar ausgeschlossen. Ging erst vor ein paar Monaten wieder durch die Medien. Das Ergebnis können wir von Gaza bis Jemen gerade live und in Farbe bewundern. Das Regime führt seinen endzeitlich motivierten Kampf gegen das Böse unbeirrt fort und weicht keinen Meter vom eingeschlagenen Weg ab.
Aber klar, können wir so immer weiter treiben. Gewinnt ja Zeit, für was auch immer. Wohin soll das führen, wenn nicht in die unweigerliche Katastrophe? Es macht am Ende des Tages keinen Unterschied ob in der Region 2034 oder 2054 ein Atomkrieg geführt wird. Wir brauchen Lösungen die nicht nur darauf abzielen, dass Problem wenigstens in die nächste Legislaturperiode zu verschieben. Die Einsätze sind hier viel zu hoch, die Idee einem zunehmend instabilen Endzeitkult im Zweifel halt auch Atomwaffen zugestehen zu wollen ist schierer Wahnsinn, selbst wenn man Fragen der Proliferation komplett ausklammert und nicht davon ausgeht, dass der erste Sprengsatz bei der ersten sich bietenden Gelegenheit nach Tel Aviv geschossen wird (was ich tatsächlich auch nicht tue).
Zitat: Das magst du in deinem Determinismus von dir weisen, aber die gesamte Menschheitsgeschichte zeigt klar auf, dass es meist sinnvoller ist alles vor sich hin köcheln zu lassen statt irgendwelche gordischen Knoten mit dem Schwert durchschlagen zu wollen, weil die Fernwirkungen immer zu unkalkulierbar sind und weil dies querschnittlich meist negativere Folgen hatte als wenn man noch zugewartet hätte.
Glücklicherweise hatte wir in der gesamten Menschheitsgeschichte noch keinen atomar bewaffneten Endzeitkult im Untergang. Genau dahin aber geht die Entwicklung. Völlig unweigerlich. Der Iran wird die Bombe bauen. Vielleicht nicht jetzt sofort aber wir sind schon bei wenigen Monaten, in einigen Jahren werden wird bei wenigen Wochen sein. In den nächsten fünf Jahren wird die iranische Bombe Realität sein, Test hin oder her. Was dann? Wir stabilisieren dann ein Regime, das uns hier jetzt und heute schon eine Lebensader des Welthandels abschnürt und im Libanon nächsten großen Schlag gegen Israel vorbereitet? Wie genau verhindern wir dann, dass nicht Player in den zunehmend radikalisierten Revolutionsgarde Sprengköpfe oder Material an ihre Spielfiguren weiterreichen? Wie verhindern wir, dass sich die halbe Region dort eigene Sprengköpfe zulegen wird? Wie verhalten wir uns, wenn der Iran seine Spielfiguren unter einem atomaren Schutzschirm losschicken wird? Und was tun wir, wenn (und das wird kommen) dieses Regime mitsamt seinen Atomwaffen an sein Ende gekommen ist und implodiert?
Wir haben keine Antworten außer auch die nächsten zehn Jahre tatenlos den Kopf in den Sand zu stecken. Und das wird schief gehen.
Zitat: Höre ich da einen westlich denkenden Menschen oder einen Endzeitapokalyptiker ?!
Natürlich ist der Iran unser Feind. Aber na und ? Dein Determinismus in welchem du schlussendlich immer nur bei der Eskalation landest ist genau so fatal wie das was gewisse Kreise im Iran anstreben. Erhalten Leute wie ihr (ich schreibe mal bewusst ihr) eine gewisse kritische Masse, wird es natürlich zum Krieg eskalieren. Aber es gibt halt eben keine Axiome in der Geschichte und diese verläuft eben nicht deterministisch.
Geschichte verläuft vielleicht nicht deterministisch aber wir sehen Muster die sie wiederholen, gerne auch mal über vier Jahrtausende Zivilisationsgeschichte. Wir leben in einer Zeit in der wenigstens ein sehr alter und einen relativ neuen Faktor in einer derart prekären Mischung aufeinandertreffen, dass wir uns nicht erlauben können mit den Schultern zu zucken und laufende Konflikte ohne Lösung abmoderieren und wegschieben zu wollen. Den neuen Faktor haben ich oben schon beschrieben – Atomwaffen und darüber hinaus ganz allgemein biologische, chemische oder digitale Massenvernichtungswaffen erhöhen den Einsatz auch angesichts globaler Abhängigkeiten für die menschliche Zivilisation insgesamt derart (und das gilt erst Recht mit diesen Waffen in den Händen radikalisierter, irrationaler Akteure), dass wir uns keine ausgewachsenen Kriege mit diesen Waffen leisten können. Eigentlich müsste es erste Politik den Zugriff auf diese Waffen auf möglichst wenige möglichst rationale Akteure zu begrenzen. Tatsächlich stehen wir da aber vor einem Dammbruch.
Den zweiten Faktor sehen wir durch die Menschheitsgeschichte hindurch: Zerfallene Imperien, aufstrebende Mächte und Power Competition beginnen Kriege. Wir hatten großes Glück, dass der Untergang der Sowjetunion nicht in einem nuklearen Schlagabtausch geendet ist und sich die Zerfallskriege über Jahrzehnte gestreckt haben. Da gibt es aber keine Garantie und ausgestanden ist es noch lange nicht, im Gegenteil. Parallel zu den Nachwehen des Untergangs des Sowjetimperiums spielen wir jetzt schier im Zeitraffer das Ende des Pax Britannica/Americana durch und wickeln wesentliche Elemente der Globalisierung gleich mit ab. Während im Fernen Osten ein neuer Hegemon mit imperialen Ambitionen aufsteht, im Mittleren Osten die religiös motivierten Konflikte auch nach 20 Jahren Krieg nicht nur weitergehen sondern an Schärfe gewinnen und über allen Akteuren das final anmutende Damoklesschwert einer Demographischen Todeszone und Klimatischer Veränderungen schwebt.
In dieser Gesamtlage müssten wir dringend daran gehen, wenigstens die ein oder andere Baustelle abzuräumen anstatt alles nur hinausschieben zu wollen. Tun wir das nicht werden uns die Entwicklungen überfordern. Leider haben wir die guten Jahre damit zugebracht genau garnichts zu tun und noch viel dramatischer, es sieht verdammt danach aus als würden wir auch weiterhin Abmoderation betreiben. Lösen wird das nicht, es wird nur schlimmer werden.